Das Mittelmeer ist die Wiege vieler Hochkulturen: Schon in der Bronzezeit erblühten hier die Reiche der Minoer, der Ägypter und der Hethiter. Später, in der Antike, errichteten die Griechen und Römer hier ihre Städte, Tempel und Häfen. “Wegen der geringen Gezeiten und der steilen Topografie liegen viele der alten und aktuellen Siedlungen direkt an der Wasserlinie und kaum oberhalb des Meeresspiegels”, erklären Lena Reimann von der Universität Kiel und ihre Kollegen. Damit sind sie Sturmfluten, aber auch der Küstenerosion nahezu schutzlos ausgesetzt. “Mit dem klimabedingten Meeresspiegelanstieg wird auch das Risiko für solche Ereignisse künftig ansteigen, wodurch eine ganze Reihe von Stätten des UNESCO-Weltkulturerbes in Gefahr geraten könnte”, so die Forscher.
75 Prozent schon jetzt flutgefährdet
Um herauszufinden, wie gefährdet die Weltkulturerbestätten rund um das Mittelmeer sind, haben Reimann und ihr Team 49 Welterbestätten identifiziert, die weniger als zehn Meter über dem Meeresspiegel und in unmittelbarer Küstennähe liegen. Zu ihnen gehören unter anderem die antiken Ruinen von Karthago, Leptis Magna, Ephesus oder Aquileia, aber auch die Altstädte von Dubrovnik, Akko, Korfu und die Lagunenstadt Venedig. Bei den meisten dieser Kulturstätten liegt nur ein Teil in der potenziell gefährdeten flachen Uferzone, wie die Forscher erklären. Um das Überschwemmungsrisiko abzuschätzen, modellierten sie die Auswirkungen einer Jahrhundertflut sowohl bei heutigem Meeresspiegel als auch bei den für das Jahr 2100 bei gemäßigtem oder starkem Klimawandel prognostizierten Meereshöhen. Für das Erosionsrisiko berücksichtigten die Wissenschaftler sowohl den Abstand zur Wasserlinie als auch das Untergrundmaterial, die Wellenhöhe und den Sedimentnachschub an den betreffenden Küstenabschnitten.
Die Auswertungen ergaben: Schon heute sind 37 der 49 untersuchten Welterbestätten am Mittelmeer im Falle einer Jahrhundertflut von einer Überschwemmung bedroht. “Das entspricht 75 Prozent der in der flachen Küstenebene liegenden Stätten”, so Reimann und ihre Kollegen. Der Anteil der im Ernstfall überfluten Fläche reicht dabei von nur 0,03 Prozent in den römischen Ruinen von Leptis Magna oder der Serra Tramuntana auf Mallorca bis zu 97 Prozent für die Lagunenstadt Venedig. Wie die Forscher erklären, ist das Risiko für die Welterbestätten an der nördlichen Adria am höchsten, weil dort der Meeresspiegel regional ohnehin schon relativ hoch ist und Stürme häufig das Wasser in diesen Meeresarm hineindrücken. Schreitet der Klimawandel fort und der Meerespiegel des Mittelmeeres steigt weiter, dann wird sich die Lage für diese Stätten weiter verschärfen, wie die Analysen ergaben. Bis 2100 könnten dann weitere drei Welterbestätten in die Gefahrenzone geraten und der Anteil der überfluteten Fläche stiege um rund ein Viertel, wie die Forscher berichten. Venedig könnte dann unter bis zu 2,50 Meter Wasser versinken.





