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Weihrauch – Das Baumgold des Sultanats
Schon seit Jahrtausenden wird im Süden des Omans Weihrauch geerntet. Während die uralten Baumbestände in anderen Weltregionen bedroht sind, schützt sie hier die Topografie, der Reichtum des Golfstaats und der Einsatz der Weihrauchbauern, die um ihr Kulturgut kämpfen.
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Text: Rike Uhlenkamp, Fotos: Sascha Montag
Kurz bevor die Sonne hinter den Hügeln verschwindet, kommt Said Ali Al-Mahri in seinem Paradies an: Verteilt auf dem steinigen Plateau und auf den umliegenden Hängen wachsen Tausende uralte Bäume, krallen ihre Wurzeln in das Gestein und recken ihre dünnen, knorrigen Äste gen Himmel. Für die Weihrauchbäume und ihr „weißes Gold“ wandert der 62-Jährige in die Berge. Etwas Tageslicht bleibt ihm noch. In langärmligem Funktionsshirt und einem aus Tuch gebundenen Rock hockt er sich vor einen Stamm. Mit seinem scharfen Messer beginnt er, das getrocknete Harz abzulösen, das an mehreren Stellen aus der Baumrinde tritt. In einem geflochtenen Körbchen sammelt er seine Ausbeute.
Ein paar Bäume weiter kratzt sein Cousin an einer Rinde. Die beiden Männer tragen denselben Stammesnamen, Al-Mahri. Und denselben Vornamen, Said. Um sie zu unterscheiden, fügt man ihren Namen den ihres jeweiligen Vaters hinzu: Said Ali und Said Mohammed. In der Erntesaison zwischen April und Oktober erklimmen die beiden Männer alle zwei bis drei Wochen das Gebirge. Der Weihrauch, den sie von Boswellia sacra abernten, gilt als der beste Weihrauch der Welt. Hier in Dhofar, der südlichsten Provinz des Omans, herrschen für die Bäume gute klimatische Bedingungen: Es ist karg und trocken. Gleichzeitig schenken der nahe Indische Ozean und der jährliche khareef, die dreimonatige Monsunzeit, Luftfeuchtigkeit.
Bestandsaufnahme in Dhofar
Studien über den Zustand der omanischen Weihrauchbäume sind rar. 2022 führten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine Bestandsaufnahme in Dhofar durch. Sie zeigt, dass die omanischen Bäume von mehreren Umweltfaktoren negativ beeinflusst werden. So gibt es in der Provinz viele Kamele, die vor allem auf flachen Arealen und sanften Hügeln in der Nähe von Siedlungen frei grasen und auch vor jungen Baumtrieben nicht haltmachen. In einigen Gebieten verdrängt der Abbau von Kalkstein die Baumpopulation. Manche Bäume weisen Zeichen von übermäßiger Harzgewinnung oder Schädlingsbefall auf.
Angesichts des zunehmenden Drucks auf dem internationalen Weihrauchmarkt, der wachsenden Weidetierpopulationen und von mehr Wetterextremen könnte sich die Situation für die Weihrauchbäume in Zukunft verschärfen, so die Studie. Aktuell seien die Bestände im Oman jedoch nicht bedroht. Das gilt vor allem für die Bäume, die, von äußeren Einflüssen abgeschirmt, an den steilen Hängen und auf den felsigen Hochplateaus des Dhofar-Gebirges wachsen. Sie sind nur nach stundenlangen Wanderungen, wie die der Al-Mahris, zu erreichen.
Das Land, auf dem die Cousins ihren Weihrauch sammeln, gehört der omanischen Regierung. Nur Omaner dürfen das Harz hier gewinnen und müssen sich bei den Behörden zunächst registrieren. Dadurch soll sichergestellt werden, dass nur diejenigen Weihrauch ernten, die sich damit auskennen. „Wer zu tief in die Rinde ritzt, kann den Baum verletzen oder sogar töten“, erklärt Said Ali. „Er trocknet dann aus.“
Pflanzen können nicht fliehen, wenn Trockenheit, Hitze oder Krankheitserreger zuschlagen. Stattdessen reagieren sie mit fein abgestimmten Strategien auf Stress.
Biologie
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Woher weiß ein Pollen, was er werden soll? Wichtige Anweisungen dafür kommen offenbar als molekulare „SMS“ aus mütterlichem Pflanzengewebe.
Durch übermäßige Ernten sowie Veränderungen des Klimas sind vor allem die ostafrikanischen Baumbestände bedroht. Noch kommt der größte Teil des weltweit gehandelten Rohharzes aus Somalia. In den Nachbarländern Äthiopien, Eritrea und Sudan wird er ebenfalls geerntet und ausgeführt. Doch um die Begierde nach Weihrauch zu decken, werden die knorrigen Bäume zur Ernte viel zu häufig angeschnitten. Die Folge: Sie können sich nicht mehr regenerieren. Die „offenen Wunden“ in ihrer Rinde werden zum Einfallstor für Infektionen oder schädliche Insekten. Häufigere Dürren degradieren den Boden, auf dem die Bäume stehen, machen sie anfälliger dafür, bei einem starken Sturm zu entwurzeln. Grasendes Vieh, oft der einzige Besitz der armen ländlichen Bevölkerung, verschlingt zudem Samen oder zerstört junge nachwachsende Bäume. Ohne Nachwuchs und fehlende Regeneration der alten Bäume gehen Forschende laut eines 2019 im Magazin Nature veröffentlichten Artikels davon aus, dass sich die Harzproduktion in Äthiopien innerhalb der kommenden 20 Jahre halbieren wird. Bevor die Bäume irgendwann komplett aussterben.
Weihrauchernte im Oman
Werden die Bäume verantwortungsvoll angezapft, können sie sich jedoch regenerieren. Zwischen drei und zehn Kilogramm Weihrauch können so von einem Baum in einer Saison geerntet werden. Um an den Weihrauch zu kommen, müssen die Al-Mahris mehrere Schnitte setzen: Das Harz, das nach den ersten beiden Anschnitten aus dem Baum fließt, ist minderwertig. Erst ab dem dritten Schnitt beginnen die Männer mit ihrer eigentlichen Ernte, die über die kommenden Wochen immer reiner wird.
Über mehrere Tage hinweg bearbeiten sie Baum für Baum. Jeder der Al-Mahris verdient damit rund 5.000 Euro. Said Ali freut sich über das zusätzliche Einkommen neben seiner staatlichen Rente und über das Harz, welches er nutzen oder verschenken kann. Das allein treibt ihn aber nicht immer wieder in die Berge: „Wenn ich bei den Bäumen bin, fühle ich mich zu Hause“, sagt er am Abend ihres Ausflugs. Vor ihm brutzeln Teile einer Ziege auf Steinen, die die Männer in der Umgebung ihres Lagers gesammelt und über Feuer erhitzt haben. Auf dem mitgebrachten Gaskocher köchelt der Reis. Im Dunklen, nur vom Mond und dem Lagerfeuer erleuchtet, hocken sie später auf ihrer Picknickdecke und trinken Tee. „Hier unter freiem Himmel schlafe ich besser als in jedem Palast“, sagt Said.
Wertewandel
Doch die, die seine Begeisterung teilen, die Wanderungen in die Berge auf sich nehmen und das Handwerk wie er beherrschen, werden im Oman immer weniger. Den Jungen ist die Arbeit zu hart, das Leben in der Stadt zu angenehm und das Einkommen durch den Weihrauch zu wenig verlockend. Auch unter Said Ali Al-Mahris Kindern hegt niemand wirklich Ambitionen, die Passion des Vaters zu übernehmen.
„Dabei wäre es so wichtig, dass die Tradition erhalten bleibt“, bedauert Said Ali, der immer stärker auf seine Gesundheit achten muss. Er hat Bluthochdruck, trägt seine Medikamente auch bei diesem Ausflug in einer Plastiktüte mit sich. Seine Hoffnung liegt in der Regierung. Darin, dass sie Schulungszentren für Nachwuchs einrichtet, dass sie weiterhin den Zustand der Bäume erforscht, sie schützt und die Bedeutung des Weihrauchs noch mehr betont.
Weihrauch damals und heute
Ihre Ausflüge sind auch eine Reise in die eigene Vergangenheit und die ihrer Heimat: In Dhofar wird das Baumharz bereits seit Jahrtausenden geerntet, verarbeitet und exportiert. Auf einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt, der Weihrauchstraße, schleppten schon im Altertum Kamelkarawanen die kostbare Ware von hier wochenlang durch die Wüste nach Mekka, Gaza, Jerusalem und Alexandria. Der beim Verbrennen entstehende Rauch galt als Zeichen für das nach oben steigende Gebet. Damals war Weihrauch so wertvoll und begehrt wie Gold. Pharao Tutanchamun ließ sich mit ihm bestatten. Im Neuen Testament bringen es die Heiligen Drei Könige dem Jesuskind als Ehrengabe. Über das Mittelmeer brachten Schiffe das Olibanum, wie die Römer den Weihrauch nannten, zu römischen Kaisern, später zu Päpsten.
Diese Hochkonjunktur des Exports ist lange vorbei, und doch prägen die Bäume, die Ernte und die Nutzung von Weihrauch die omanische Gesellschaft weiter. Traditionell umfasst diese unterschiedliche Nomadenstämme: Beduinen, die an der Küste der Wanderung der Fische nachreisen und vor allem Sardinenschwärme, Thunfisch, Makrelen, aber auch Meeresschnecken fangen, sowie solche, die in der Wüste Kamele und Ziegen hüten. Und die Jaballi, das „Bergvolk“: Halbnomaden, die ebenfalls Ziegen und Dromedare halten und die Boswellia sacra-Bäume, die arabischen Weihrauchbäume, abernten. Zu ihnen gehört die Familie der beiden Al-Mahris.
Für Said Mohammeds Vater und Said Alis Onkel, den heute weit über 80-jährigen Mohammed Al-Mahri, ist die Wanderung in die Berge mittlerweile zu anstrengend. Stattdessen hat er in seinem Garten rund 20 Bäume gepflanzt, aus denen er regelmäßig das Harz gewinnt. „Sie erinnern mich an früher“, erklärt er bei einem Besuch in seinem Zuhause.
Über Wochen, gar Monate, ernteten er und die anderen Al-Mahris früher den Weihrauch, brachten ihn an die Küste, um ihn dort gegen Reis und Datteln einzutauschen. In den Bergdörfern gab es damals kein fließendes Wasser, keinen Strom oder Straßen, kaum Schulen. „Es war ein hartes Leben, aber wir waren frei und glücklich“, erinnert sich Mohammed Al-Mahri. Er hatte das Handwerk von seinen Eltern gelernt und es selbst an die kommende Generation weitergegeben. Auch an seinen Neffen Said Ali Al-Mahri. Mit sechs Jahren durfte der das erste Mal mit zur Ernte. Er hütete die Tiere, schaute beim Anschneiden der Bäume zu. Ein paar Jahre später zog er selbst los, mit der Familie oder Freunden. „Waren wir müde, motivierten wir uns, indem wir gemeinsam sangen“, erzählt er.
Transformationen im Oman
In den 70ern änderte sich Said Ali Al-Mahris Leben, so wie das aller Omaner. 1970 übernahm Qabus bin Said die Macht über das Sultanat. Er nutzte den Reichtum, den das kurz zuvor entdeckte Erdöl in die Staatskassen gespült hatte, dazu, das Land an der Ostflanke der Arabischen Halbinsel radikal zu modernisieren. Qabus bin Said verteilte kostenlos Essen, ließ im ganzen Land Krankenhäuser, Universitäten, Schulen und Straßen bauen, brachte selbst in die entlegensten Dörfer Elektrizität und Wasser. Er schuf Arbeitsplätze für Männer und Frauen, sorgte für kostenlose Bildung und eine gute Gesundheitsversorgung.
Die meisten der Nomaden des Landes wurden in dieser Zeit sesshaft. Auch Said Ali Al-Mahri verkaufte all seine Tiere, zog in ein Steinhaus am Rande der Kleinstadt Juffa. Er, der nie die Schule besucht hatte, lernte in einem der landesweit angebotenen Alphabetisierungskurse Lesen und Schreiben und bekam kurz darauf einen Job im Wasserministerium. „Auch wenn ich meine Ziegenherde manchmal sehr vermisse, bin ich dankbar für das komfortable Leben, das wir führen dürfen“, sagt der siebenfache Familienvater.
Doch das Erdöl, welches das Land reich machte, ist endlich. Daher versuchte Sultan Qabus bin Said bis zu seinem Tod 2020 die Abhängigkeit von dem Rohstoff zu mindern und die omanische Wirtschaft breiter aufzustellen. Die Investitionen, heute von Qabusʼ Cousin und Nachfolger Sultan Haitham bin Tarik geleitet, fließen daher zunehmend in die IT-Branche, die Modernisierung der Fischerei, in Erneuerbare Energien und den Abbau von mineralischen Bodenschätzen.
Außerdem soll der Tourismus zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige des Landes werden. 2024 war der Oman Gastland der Internationalen Tourismusbörse in Berlin. Doch statt wie seine Golfstaaten-Nachbarn auf Prunk, Protz und Wolkenkratzer zu setzen, präsentiert sich das Sultanat bodenständiger. Es konzentriert sich auf seine Kultur – darunter auch auf die lange Geschichte und die Traditionen um den Weihrauch.
Kulturgut Weihrauch
Die Menschen im Oman nutzen das Baumharz bis heute regelmäßig und vielseitig im Alltag. Sie räuchern damit ihre Wohnungen und die Kleidung aus. Es riecht gut, soll Unheil und böse Geister vertreiben, Insekten verscheuchen und Bakterien abtöten. Omaner lösen Weihrauchklümpchen in ihrem Trinkwasser auf – gegen Husten, Asthma und zur besseren Konzentration. Oder kauen sie als Kaugummi zur Zahnreinigung. Neben der Nutzung für religiöse Rituale hat in den letzten zwei Jahrzehnten international die Bedeutung des Weihrauchs in der Kosmetikbranche und der Aromatherapie zugenommen.
Touristen wie Einheimische kaufen den Weihrauch auf speziellen Suks. Zum Beispiel in der Küstenstadt Salalah. Süßlich duftende Rauchschwaden ziehen an den Ständen des Marktes vorbei. In großen Säcken stapelt sich davor das Harz unterschiedlicher Qualität. Für den besten, den grünlich-weiß schimmernden, verlangen die Verkäuferinnen und Verkäufer pro Kilo 120 bis 200 Euro. Es gibt aber auch andere, rötliche oder bräunliche, Weihrauchbrocken. Sie stammen ebenso aus Dhofar, wurden aber früher geerntet oder sind durch Rinde oder Holz stärker verunreinigt. Auch der genaue Standort der einzelnen Bäume und die Luftfeuchtigkeit der Umgebung und während des Erntejahres beeinflussen die Farbe, Qualität und auch den Duft des Harzes. Aus dem Weihrauch und seiner Essenz werden auch Duftöle und Parfüms hergestellt. Wie die zahlreichen Weihrauchseifen und -cremes reihen sie sich in den Marktregalen aneinander.
In den Bergen ist es für die Al-Mahris Zeit, aufzubrechen. Said Ali Al-Mahri zieht einmal kräftig an dem Seil, mit dem er das Kamel führt, welches sein Gepäck trägt. Das Tier erhebt sich, setzt sich mit großen Schritten in Bewegung. Sein Cousin tut es dem Gespann nach. Etwa zwei Stunden später kommt die kleine Karawane bei den Autos nahe der asphaltierten Küstenstraße an. Zurück im modernen Oman, mit ein paar neuen Brocken Weihrauch im Gepäck – und mit neuen Erinnerungen an ihr hoffentlich noch lange bestehendes Paradies.
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