Wenn Bong Yue Kim und Hyung Ja Park auf der Jagd sind, erinnert das an Kinder, die – weil sie noch nicht auf dem Skateboard stehen können – sich mit einem Bein auf das Brett knien und mit dem anderen abstoßen. Doch die beiden Frauen rollen nicht über den Asphalt einer Straße, sie gleiten auf langen Holzbrettern über den Schlick des koreanischen Watts. Mit gleichmäßigen Stößen ziehen sie ihre Bahnen und halten nur kurz, um mit den Händen nach Herzmuscheln zu graben. Sie kennen die besten Stellen, an denen die Muscheln Kolonien bilden, und so sind die Körbe auf ihren Brettern bald voll.
Für die Jagd, wie sie das Sammeln nennen, sei ein gutes Gedächtnis wichtig, sagt Bong Yue Kim zurück am Strand. Im Watt koste jeder zusätzliche Meter Kraft. Wobei die Technik auch eine Rolle spiele, findet Hyung Ja Park. Man müsse auf dem Brett die Balance halten und sich mit dem Fuß im richtigen Winkel vom Schlick abstoßen. Wenn der zu steil sei, drücke man das Bein in den Schlamm. Es herauszuziehen, sei furchtbar anstrengend.
Leben im Watt
Ihr Gleiten über den Schlick sei ein immaterielles Kulturerbe, sagen koreanische Politiker, eine potenzielle Touristenattraktion, die nur noch bekannt gemacht werden müsse. Sie seien Verbündete beim Schutz des Watts, sagen Umweltschützer, denn sie nutzten nachhaltige Fangmethoden. Sie sind alt, sagen die Frauen, alt und gerade auch ziemlich müde. Bong Yue Kim ist 76 Jahre alt, Hyung Ja Park 69. Beide leben auf Jangdo. Die Insel liegt in der Bucht von Suncheon, im Süden Koreas. Vor der Küste gibt es unzählige größere und kleinere Inseln, um die sich die von den Flüssen wie dem Beolgyo angespülten Sedimente sammeln und mit dem Sand des Meeres zu Schlick werden. Um Jangdo ist der Schlick bis zu 30 Meter tief. Wer zwei, drei Schritte weg vom Ufer macht, sinkt bis zur Hüfte ein. Oder nutzt wie Bong und Hyung ein ppeolbae, einen Schlammschlitten – ein Brett aus Holz, in etwa so lang wie ein Surfboard, aber etwas schmaler.
Die Koreaner nennen das Watt Getbol. Der Begriff meint eine Ebene aus Schlick im Übergang zwischen Meer und Land. Zwei Drittel seiner Fläche sind verloren gegangen. Sie wurden eingedeicht und zu Agrarland umgewandelt. Aber auch Fabriken, Straßen und sogar Flughäfen wurden mitten ins Watt gebaut.
Erst in jüngster Zeit interessiert sich die südkoreanische Gesellschaft für den ökologischen und kulturellen Reichtum des Watts. Die Menschen an den Küsten haben über Jahrhunderte eine an die Gezeiten abgestimmte sanfte Fischerei entwickelt. Sie fangen Kraken mit der Hand, arbeiten mit Stellnetzen und Reusen oder eben mit Schlammschlitten.
Harte Arbeit
Bong Yue Kim und Hyung Ja Park haben ihre ppeolbae an ein Bassin am Strand geschleift, das mit Wasser gefüllt ist. Dort waschen sie erst die Bretter und dann die Muscheln. „Ich habe mit 24 Jahren angefangen, im Watt zu arbeiten“, erzählt Bong Yue Kim. Sie stammt von einer anderen Insel. Beim Hochzeitsantrag habe ihr Mann ihr versprochen sie mit einem schwarzen Wagen abzuholen. „Ich war beeindruckt. Aber er kam dann nur mit einem Gespann, das von zwei schwarzen Ochsen gezogen wurde, und wir setzten mit meiner Mitgift auf der Ladefläche nach Jangdo über.“ Sie lacht und auf ihrem Gesicht bilden sich unzählige Fältchen.






