natur: Herr Lehmann, die erneuerbaren Energien sind Wahlkampfthema. Es geht um Photovoltaik, Windkraft – aber kaum um Wasserkraft. Welches Potenzial hat sie denn in Deutschland?
Lehmann: Zunächst einmal grundlegend: Der Wirkungsgrad einer Wasserkraftanlage ist sehr hoch, gerade im Vergleich zu Windkraft, Solarenergie und thermischen Kraftwerken. Moderne Turbinen erreichen 85 bis 90 Prozent. Das bedeutet, dass nur 10 bis 15 Prozent der hydraulisch verfügbaren Energie bei der Umwandlung in elektrische Energie verloren gehen. Um die Effizienz nutzen zu können, braucht man allerdings ein Gefälle am Kraftwerk. In den nördlichen Bundesländern gibt es da kaum Potential.
Und wie sieht es im Süden aus?
Es existiert kaum mehr Potenzial für große Anlagen in Flüssen. Möglichkeiten bestehen noch bei Bachläufen für Kleinst-Wasserkraftwerke. Da lassen sich ehemalige Mühlenstandorte in den Oberläufen von Bächen und kleinen Flüssen reaktivieren. Dort kann aber prinzipiell nur wenig Energie gewonnen werden, wobei sich die Umwelteingriffe und –auswirkungen nachhaltig auswirken. Daher rate ich dazu, einen massiven Ausbau der Kleinwasserkraft nicht voran zu treiben.
An welche Umweltauswirkungen denken Sie?
Mit dem Aufstauen eines Gewässers ändern sich auch die Grundwasserstände, was zu Problemen für Flora und Fauna führt. Durch Feststoffe, die in den Stauraum eingespült werden, verlandet er – wohingegen die Feststoffe dann im Unterlauf des Gewässers fehlen und dort dann zu größeren Gewässertiefen führen. Zudem reguliert das Stauwerk die natürlichen Wasserstandsschwankungen, was zu Problemen für Flora und Fauna in der sogenannten Wasserwechselzone führt.
Welche Nachteile entstehen für wandernde Fische wie Lachse und Forellen? Es gibt ja Programme, um sie in den Flüssen wieder anzusiedeln.
Viele Fischarten sind in ihrem Lebenszyklus darauf angewiesen, dass sie Fließgewässer durchwandern können. Zum Beispiel wandern Lachse in die Nebengewässer und Oberläufe großer Flüsse, um sich dort zu vermehren. Mit dem Bau der Stauwerke wurde der Wanderweg blockiert, was zu einem sehr starken Rückgang der Lachspopulation geführt hat. Ähnlich verhält es sich mit anderen Fischarten.
Aber wie kommen Fische durch Stauwerke?
Ingenieure haben recht einfach begonnen – nach dem Motto: Wenn ich von unten nach oben will, brauch ich eine Leiter oder Treppe. So sind die ersten Fischtreppen entstanden. Das waren wirklich Treppenstufen, über die Wasser floss. Man dachte sich, dass die Fische von Stufe zu Stufe springen, was so jedoch oft nicht funktioniert hat. Heute gleicht eine Fischaufstiegsanlage einem Kanal mit verschiedenen Trennwänden oder sogenannten Störsteinen – und durchflossenen Lücken. Das Wasser fließt ähnlich wie in einem steilen Bachlauf durch diese Anlage, und die Fische wandern an der Strömung orientiert aufwärts.




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