„Schweinswal auf sechs Uhr!“, tönt es aus dem Bordlautsprecher. Die Kinder drängen sich an der Reling. „Wo denn?“, ruft einer. „Dahinten!“, schreit ein Mädchen und deutet mit dem Finger aufs Wasser. Tatsächlich – dreimal noch taucht der dunkle Buckel mit der rundlichen Rückenflosse zwischen den Wellen auf. Dann ist der Wal verschwunden. Nur Sekunden hat er sich gezeigt. „Mann, bin ich aufgeregt!“, ruft ein Junge und blickt auf sein Handy. Er hat ihn erwischt. Das Foto ist ein wenig unscharf, aber der Rücken des Wals ist deutlich zu sehen.
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Text: Tim Schröder
„Schweinswal auf sechs Uhr!“, tönt es aus dem Bordlautsprecher. Die Kinder drängen sich an der Reling. „Wo denn?“, ruft einer. „Dahinten!“, schreit ein Mädchen und deutet mit dem Finger aufs Wasser. Tatsächlich – dreimal noch taucht der dunkle Buckel mit der rundlichen Rückenflosse zwischen den Wellen auf. Dann ist der Wal verschwunden. Nur Sekunden hat er sich gezeigt. „Mann, bin ich aufgeregt!“, ruft ein Junge und blickt auf sein Handy. Er hat ihn erwischt. Das Foto ist ein wenig unscharf, aber der Rücken des Wals ist deutlich zu sehen.
Die „Harle Kurier“ tuckert weiter im Schritttempo hinein in den Jadebusen, die große Meeresbucht vor Wilhelmshaven; vorbei an einer Sandbank, auf der ein paar Seehunde dösen. Heute aber sind die Schweinswale die Attraktion. Die Schüler sind aus Bremen angereist. Einen ganzen Tag lang dreht sich für sie alles um dieses Säugetier. Den Vormittag haben sie in einem Seminarraum im Wattenmeer-Besucherzentrum an der Promenade in Wilhelmshaven verbracht. Sie haben viel über die Biologie der Schweinswale gelernt und durften sich neben ein lebensgroßes Schweinswal-Modell aus Plastik legen. Maximal 1,80 Meter sind die Tiere lang, nur etwas größer als die älteren Schüler. Doch obwohl der Schweinswal sehr viel kleiner als Orca oder Pottwal ist, ist er etwas ganz Besonderes. Er ist die einzige Walart, die in deutschen Gewässern ihre Jungen zur Welt bringt.
„Viele Menschen wissen gar nicht, dass es hierzulande heimische Wale gibt“, sagt der Tiermediziner Jan Herrmann, der die Ausfahrt mit der „Harle Kurier“ fachlich begleitet. „Vielleicht, weil er nicht so spektakulär wie die großen Wale ist, die man anderswo beim Whale Watching aus dem Wasser springen oder mit der Fluke aufs Wasser schlagen sieht.“ Jan Herrmann blickt übers Wasser, ohne Fernglas. Die dunklen Wale könne man zwischen den Wellen auch so ganz gut sehen, sagt er. Es dauert ein paar Minuten. Dann ertönt seine Stimme wieder im Lautsprecher: „Wal auf neun Uhr.“ Die Schüler kreischen, als der Wal wieder auftaucht: „Da, da, da!“ Dass hier an der Nordsee, unweit von ihrem Zuhause in Bremen, richtige Wale leben, begeistert sie.
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Jan Herrmann befasst sich seit vielen Jahren mit diesen Tieren. Einmal im Jahr organisiert er zusammen mit seinen Kollegen vom Wattenmeer-Zentrum die „Schweinswaltage“ in Wilhelmshaven, mit Schiffsfahrten und Vorträgen, immer Ende April, Anfang Mai. Zu dieser Zeit ist der Jadebusen voller Jungfische. Dann kommen viele Wale hierher, um zu jagen. Den Winter verbringen die Schweinswale in den tieferen Gebieten der Nordsee. Im Frühjahr und Sommer aber tummeln sie sich nahe der Küste. Nicht nur im Jadebusen, auch nördlich der Insel Borkum. Die Wale folgen Fischen wie den Stinten sogar in die großen Flüsse hinein. Diese Meeresfische, die von der Ostsee bis zum Golf von Biskaya leben, schwimmen im zeitigen Frühjahr Flüsse wie etwa die Elbe hinauf, um dort abzulaichen, und die Schweinswale jagen ihnen hinterher. Regelmäßig tauchen sie sogar vor dem Hamburger Hafen auf.
Für Jan Herrmann ist der Schweinswal eine der faszinierendsten Tierarten. Er kommt beim Erzählen geradezu ins Schwärmen. Schweinswale stöbern ihre Beute mit einer Art Echolot auf, erzählt er. Mit Stimmlippen in ihrem Nasengang erzeugen sie laute Ultraschall-Klicks, die von der Beute reflektiert werden. Das sind Töne mit einer Frequenz um die 130.000 Hertz – gut sechsmal höher, als die höchsten Töne, die Menschen noch wahrnehmen können. „Klick, klick, klick“ jagen sie die Fische. Sogar im Sand am Grund des Meeresbodens vergrabene Beute stöbern sie auf.
Früher dachte man, dass Schweinswale Einzelgänger sind. Mittlerweile ist klar, dass sie auch gemeinsam auf Jagd gehen und Fische vor sich hertreiben. Die Wissenschaft hat in den letzten Jahrzehnten viel über die Schweinswale gelernt. Vor allem dank mehrerer Tiere, die in einer Forschungsstation in Dänemark gehalten werden. Sie gingen Fischern als Beifang ins Netz und wurden in die Station gebracht. Das Schweinswal-Weibchen Freja lebt dort seit 1997. „Allein aus der Arbeit mit Freja und vielen Verhaltensbeobachtungen sind bis heute mehr als 100 wissenschaftliche Artikel hervorgegangen“, sagt Jan Herrmann.
Schrumpfender Bestand
Der Schweinswal (Phocoena phocoena) lebt nicht nur in der Nordsee, sondern auch im Nordatlantik, in der Ostsee und sogar im nördlichen Pazifik. In vielen dieser Regionen ist er recht häufig; in der gesamten Nordsee sollen es nach Zählungen und Hochrechnungen um die 350.000 Tiere sein. Doch Biologen sind beunruhigt, weil der Schweinswalbestand ausgerechnet im deutschen Nordseegebiet seit etwa 20 Jahren schrumpft; zwar nicht dramatisch, aber stetig, zwischen 2002 und 2019 um gut eineinhalb Prozent pro Jahr. Es sieht so aus, als habe der Schweinswal in den deutschen Gewässern mit verschiedenen Eingriffen zu kämpfen. Es wird zu viel gebaut, Windparks werden errichtet, Stromleitungen im Meeresboden verlegt. Es gibt zu viel Fischerei. Sehr wahrscheinlich ist es ihm zunehmend zu laut. So sieht es das Netzwerk Nordseeschutz (NeNo), das sich im Februar 2025 gegründet hat, um für den Schutz der Schweinswale zu kämpfen. Zum Netzwerk gehört auch die Meereswissenschaftlerin Wiebke Homes vom Zentrum für Marine Tropenforschung in Bremen. Ihr Ziel: die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass es der einzigen heimischen Walart nicht besonders gut geht in ihrer Heimat.
Die Kinderstube der deutschen Nordsee-Schweinswale sind insbesondere die Gewässer vor den Inseln Sylt und Amrum. Viele Weibchen gebären dort zwischen Mai und Juli ihre Jungen. „Wenn man zu dieser Zeit oben an der Sylter Steilküste steht, kann man die Schweinswale richtig gut sehen – das ist für mich der Whale Watching-Spot an der deutschen Küste“, sagt Wiebke Homes. 1999 wurde in dem Gebiet eigens ein Walschutzgebiet eingerichtet, das erste in Europa überhaupt, erzählt sie. Doch das Schutzgebiet habe erhebliche Schwächen – etwa in Sachen Fischerei. Die ist hier weiterhin grundsätzlich erlaubt. Zudem dürfen nach EU-Recht Fischer aus Dänemark und den Niederlanden außerhalb der Dreiseemeilenzone – selbst im Walschutzgebiet – Stellnetze einsetzen, in denen sich Schweinswale verfangen können. Erlaubt ist auch die Fischerei mit Grundschleppnetzen, die über den Meeresboden gezogen werden. Die räumen genau den Lebensraum ab, in dem Schweinswale jagen. Zu deren Lieblingsspeisen zählen neben Grundeln, Plattfischen und Heringen vor allem Sandaale, die am Meeresboden leben. Das Netzwerk fordert, die Fischereirechte anzupassen, um die Wale künftig besser zu schützen.
Auch der Lärm sei in der Kinderstube der Wale ein Problem, sagt Wiebke Homes. Durch das Schutzgebiet dürfen nicht nur Kutter, sondern auch Express-Katamarane kreuzen, die die Arbeiter zu den Windparks draußen in der Nordsee bringen. Die brausen mit flotten 45 Kilometern pro Stunde dahin und erzeugen dabei einen lauten und hochfrequenten Klangteppich, der die Wale besonders stört. „Aus vielen wissenschaftlichen Studien wissen wir inzwischen, dass Schweinswale sehr empfindlich auf Lärm reagieren“, sagt Wiebke Homes. „Die Folgen reichen von Hörverlust und Gehörschädigungen bis hin zu Verhaltensänderungen. Würden die Schnellboote nur etwa zehn Prozent langsamer fahren, würde das den Lärm um 50 Prozent verringern.“
Wenn Tiere irgendwo seltener werden, sei es immer schwierig, die genaue Ursache zu finden, da meist viele Stressfaktoren zugleich wirken, sagt die Meereswissenschaftlerin. So sei es auch bei den Schweinswalen in der deutschen Nordsee. Noch schwieriger wird es, weil es seit einigen Jahren einen Trend gibt, eine Verschiebung des Lebensraums von Norden und Osten nach Süden und Westen: Die Schweinswale erobern die südwestliche Nordsee Richtung Ärmelkanal und tauchen jetzt verstärkt vor der englischen Küste auf. Werden sie dadurch in Nord- und Ostsee seltener? Das ist noch unklar. „Vielleicht liegt es daran, dass sich möglicherweise auch die Beute der Wale nach Süden verlagert“, sagt Homes. „Das wäre allerdings erstaunlich, weil viele andere Meeresorganismen mit dem Klimawandel in den vergangenen Jahren eher nach Norden gewandert sind.“ Noch sind viele Fragen offen.
Schutzgebiete unangetastet lassen
Sicher ist hingegen, dass der Bau von Windparks in der Nordsee eine fundamentale Störgröße ist. Schweinswalforscher haben in den vergangenen Jahren genau vermessen, wie die Schweinswale auf den Baulärm reagieren. Ein Hauptproblem sind die Rammstöße, mit denen die Fundamente der Windradmasten in den Meeresboden gehämmert werden. Diese Schallimpulse vertreiben die Wale kilometerweit. Erfreulicherweise gibt es inzwischen Richtlinien, die Bauunternehmen verpflichten, den Schall zu reduzieren. Recht etabliert sind mittlerweile Blasenschleier als Schalldämpfer: Ringe mit Luftdüsen werden um das Windradfundament gelegt. Die aufsteigenden Blasen schwächen die starken Impulse ab. „Den Lärm komplett auf null zu reduzieren, ist jedoch technisch leider nicht möglich“, sagt Wiebke Homes.
Während eines Gipfeltreffens im April 2023 einigten sich die Regierungen der Nordsee-Anrainerstaaten darauf, die Windenergie in der Nordsee bis 2050 von aktuell rund 32 Gigawatt Leistung auf rund 300 Gigawatt auszubauen. Das ist eine Verneunfachung. „Wir sehen das mit Sorge, weil es durch die Baumaßnahmen trotz geltender Richtlinien und Grenzwerte in der Nordsee noch deutlich lauter werden dürfte“, sagt Wiebke Homes. Das Netzwerk wolle die Windparks nicht schlechtreden. Es fordere aber, neue Windkraftanlagen nur unter strengeren Lärmschutzauflagen und außerhalb von Meeresschutzgebieten zu genehmigen.
Neue Lärmquelle Ultraschall?
Es scheint, als sei in der deutschen Nordsee einfach zu viel los und als würde es für die Schweinswale immer ungemütlicher. Und es kommen neue potenzielle Störfaktoren hinzu. In Wilhelmshaven zum Beispiel sind seit dem Beginn des Kriegs in der Ukraine zwei Terminals für den Import von Flüssigerdgas (auch als liquefied natural gas beziehungsweise LNG bezeichnet) errichtet worden. Dort liegen zwei große Spezialschiffe, die das von Tankschiffen herbeigeschaffte LNG in Gas zurückverwandeln und in die Erdgaspipelines einspeisen. Wenn Schiffe vor Anker liegen, werden Schiffsrümpfe allerdings in Windeseile von Seepocken und Muscheln überwuchert. Daher muss man die Außenhaut von Bewuchs freihalten. In der ersten Zeit waren die unerwünschten Bewohner mit Chlor von den beiden Spezialschiffen verscheucht worden. Das rief Naturschutzverbände auf den Plan. Daraufhin waren vor einem Jahr Ultraschallsender installiert worden, die Muscheln und Seepocken akustisch vergraulen. Doch die Gewässer vor Wilhelmshaven und der Jadebusen gehören eben auch zu den Lieblingsplätzen der Schweinswale. Gut möglich, dass der Ultraschall jetzt für zusätzlichen Stress sorgt.
Die niedersächsische Nationalparkverwaltung hat die Betreiber der Schiffe deshalb verpflichtet, Unterwasser-Horchgeräte vor den LNG-Terminals zu installieren, zum einen solche, die die Schweinswal-Klicks wahrnehmen, zum anderen solche, die die Geräusche im Wasser messen – auch den Ultraschall. „Indem wir die Geräusche und die Schweinswal-Klicks gleichzeitig messen, können wir abschätzen, ob die Tiere auf bestimmte Schallquellen reagieren“, sagt die Meeresökologin Thea Hamm von der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven. „Vor allem auch, ob sie vom Ultraschall vertrieben werden oder nicht.“ Noch werden Daten erhoben. Die Ergebnisse sollen in den nächsten Monaten vorliegen.
Schutz durch Umweltbildung
Bei all den Bedrohungen ist für Wiebke Homes eines klar: Der beste Weg zum Schutz der Schweinswale ist Öffentlichkeitsarbeit. „Es ist wie so oft“, sagt sie. „Wenn die Menschen die Schönheit der Natur kennengelernt haben, sind sie eher bereit, sich für sie einzusetzen.“ Sie ist vor allem auf der Insel Sylt aktiv. Dort ist in den vergangenen Jahren bereits ein „Schweinswalpfad“ entstanden. Entlang der Westseite der Insel informieren Schautafeln über die Meeressäuger – mit Panoramablick auf das Walschutzgebiet. Inzwischen gibt es sogar eine Geocaching-Tour. Gemeinsam mit dem Verein Schutzstation Wattenmeer und anderen Verbänden baut sie das Bildungsprogramm jetzt weiter aus.
Heute ist Wiebke Homes mit an Bord der „Harle Kurier“, zu Besuch bei den Kollegen in Wilhelmshaven. Während die Kinder nach den dunklen Rückenflossen im Wasser Ausschau halten, steckt sie ein Kabel in ein Notebook. Das andere Ende des Kabels hängt über der Reling. Ein Unterwassermikrofon baumelt daran, ein Hydrofon. Wiebke Homes drückt ein paar Tasten, und auf dem Bildschirm erscheinen bunte Zickzacklinien. „Wenn hier jetzt ein Schweinswal vorbeikommt und seine Klicks ausstößt, dann sehen wir das sofort an den Ausschlägen“, sagt sie. Doch die Schweinswale lassen auf sich warten. Keine Klicks, keine Ausschläge.
Doch das macht nichts. Die Technik funktioniert. Mehr muss sie nicht wissen, denn die Ausfahrt mit der „Harle Kurier“ war nur ein Test. Zurück auf Sylt, sollen die Mitarbeiter der Schutzstation Wattenmeer die Hydrofone künftig bei Expeditionsfahrten mit Schülern und Urlaubern einsetzen. „Schweinswale zu sehen, ist toll“, sagt sie. „Wenn man zusätzlich aber noch die Stimme der Schweinswale mit einem Hydrofon sichtbar und hörbar macht, ist das nochmal eine ganz andere Dimension.“
Und sie hat noch mehr vor. Künftig will sie die Präsenz der Wale sogar genetisch nachweisen. Forscher aus dem Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen haben dafür ein kleines Filtrationsgerät gebaut, mit dem sich Erbgutspuren von Meerestieren aus dem Wasser fischen lassen, DNA-Fragmente. Ganz ähnlich wie ein Verbrecher am Tatort DNA-Spuren hinterlässt, gelangt auch DNA von Meerestieren in die Ozeane – durch Kot, Hautschuppen oder Schleim. Gießt man eine Wasserprobe in den Filter, bleibt die DNA hängen. Im Labor wird dann analysiert, von welchen Meerestieren das Erbgut stammt. So lässt sich feststellen, wer gerade vorbeigeschwommen ist – Heringe, Bakterien oder eben Schweinswale. Künftig sollen Schüler mit dem Filtrationsgerät bei Ausfahrten vor Sylt selbst zu Umweltforschern werden. Das ist mehr als nur Spaß. Die Daten helfen Wissenschaftlern, abzuschätzen, wie sich die Schweinswalpopulation in der deutschen Nordsee entwickelt. Wann tauchen Schweinswale auf, und wie viele lassen sich nachweisen?
Forscher von der Tierärztlichen Hochschule Hannover haben vor einigen Jahren an mehreren Stellen vor der schleswig-holsteinischen Nordseeküste Hydrofone an Bojen verankert, um nach Schweinswal-Klicks zu lauschen. An fünf Stellen zwischen Sylt und der Elbmündung horchen die Geräte permanent in die Nordsee hinein. So lässt sich feststellen, wann und wo Schweinswale aktiv sind. Die von Schülern erhobenen Daten werden künftig eine willkommene Ergänzung sein.
Welcher Schweinswal gerade ruft, lässt sich damit allerdings noch nicht feststellen. Überhaupt dachte man lange Zeit, dass es kaum möglich sei, Schweinswale individuell zu erkennen. Doch auch hier hat sich zuletzt viel getan. Das niederländische Projekt „Delta Bruinvis“ zum Beispiel sammelt Fotos von Schweinswalen in einer Datenbank – und die zeigen: Schweinswale kann man sehr gut anhand ihrer Rückenflosse voneinander unterscheiden, an kleinen Kerben und Verletzungen etwa.
Wie ein Blick auf die Website verrät, wurde zum Beispiel Schweinswal Nummer „L037R031“ zwischen April und September 2022 sechsmal fotografiert. Zugegeben, der Name ist nicht ganz so klangvoll wie „Freja“. Aber das Projekt zeigt, was in Sachen Schweinswalforschung noch alles möglich ist; und dass es sich lohnt, länger nach Schweinswalen Ausschau zu halten. Vielleicht trifft man ja gelegentlich einen alten Bekannten wieder – im Jadebusen vor Wilhelmshaven oder an der Küste von Sylt. //
Schweinswale lassen sich an der deutschen Küste am besten im Frühjahr und Sommer beobachten. Gute Plätze an der Nordsee sind der Jadebusen bei Wilhelmshaven und die Sylter Westküste. Auch an der Ostsee sind die Tiere zu sehen, unter anderem vor der Insel Fehmarn sowie in der Eckernförder Bucht und in der Flensburger Förde.
Mit etwas Glück entdeckt man die Wale vom Ufer aus. Zudem bieten verschiedene Reedereien Waltouren an – unter anderen die Reederei Warrings (www.reederei-warrings.de) in Wilhelmshaven. Wer mit dem Kanu oder Motorboot zu den Schweinswalen aufbricht, sollte unbedingt Mindestabstände einhalten, um die Tiere nicht zu stören oder gar zu vertreiben. Verhaltensratschläge für die Walbeobachtung per Boot finden sich im „Verhaltenscodex: Beobachtung von Delfinen und Walen in deutschen Gewässern“ des Bundesamtes für Naturschutz. Darin ist neben dem Schweinswal auch der Große Tümmler erwähnt, der in Deutschland aber seltener zu sehen ist. Eine Besonderheit sind die Schweinswale im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft in der Ostsee. Die Ostsee-Schweinswalpopulation zählt nur noch etwa 600 Tiere. Sie gilt als vom Aussterben bedroht, weil sie laut neuerer Forschung isoliert ist: Die Ostsee-Schweinswale verpaaren sich offenbar nicht mit denen aus den größeren Populationen im Kattegat und in der Nordsee. Mit jedem Schweinswal, der stirbt, schrumpft der Bestand weiter. Ein Problem in der Ostsee ist vor allem die Stellnetzfischerei, wenn sich die Wale in den Netzen verfangen.
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