In der nordchinesischen Ebene ist seit Jahren das Wasser knapp. Was tun? bdw-Leser Hartwig Steusloff modellierte die Großregion Peking als Planungsinstrument für die Wasserbehörde.
„PEKING GEHT DAS WASSER AUS”, so begann vor mehr als sieben Jahren ein Artikel in bild der wissenschaft (Heft 3/2002, „ Wassernot in China”). In Chinas Nordosten hatte es damals zwei Jahre lang nur spärlich geregnet, die Stauseen waren fast leer, der Grundwasserspiegel rapide gesunken. bdw-Leser und Informatik-Professor Hartwig Steusloff war elektrisiert. Er erkannte in dem Thema ein spannendes Forschungsfeld für das Fraunhofer-Institut für Informations- und Datenverarbeitung, das er leitete. Das Karlsruher Institut modelliert Wasserströme von Städten und Regionen, um den Verantwortlichen für die Wasserversorgung mehr Planungssicherheit zu geben.
Steusloff nahm Kontakt zu der Sinologin Eva Sternfeld auf, die im bdw-Artikel als Informantin genannt war. Sie lud ihn nach Peking ein, wo er vor ihrem Arbeitgeber, dem chinesischen Umweltamt, einen Vortrag halten sollte. Im Saal saßen – glücklicher Zufall – Vertreter der Pekinger Wasserbehörde. So kam das Projekt „Beijing Water” zustande, das vom Bundesforschungsministerium und dem chinesischen Ministerium für Wissenschaft und Technologie unterstützt wird.
Die Herausforderung für die Karlsruher Forscher war gewaltig: Nie zuvor war ein so großes Gebiet, 6300 Quadratkilometer, so detailliert modelliert worden – über und unter der Erde. Denn die Grundwasserströme sind ebenso wichtig wie die oberirdischen Zu- und Abflüsse und der Regen. „Allein die jährliche Gesamtbilanz aufzustellen, hat ein Jahr gedauert”, sagt Steusloff. Inzwischen läuft die Software, und die chinesische Wasserbehörde nutzt sie. Das Problem der Verknappung ist damit freilich noch lange nicht vom Tisch – im Gegenteil, es hat sich seit 2002 zugespitzt. Nicht einmal das neue Mammutvorhaben eines 1200 Kilometer langen Kanals könnte den Wassermangel auf Dauer beheben. Über solch einen künstlichen Fluss soll schon in zwei oder drei Jahren Wasser vom Jangtse, einem der wasserreichsten Flüsse der Erde, nordwärts nach Peking fließen.
Die Kaiserstadt steckt in der Klemme, und mit ihr die gesamte Nordchinesische Ebene, die Kornkammer Chinas. In der ohnehin trockenen Gegend fällt seit fast acht Jahren nur wenig Niederschlag – möglicherweise eine Folge des Klimawandels. Der Grundwasserspiegel sinkt jedes Jahr um ein bis zwei Meter, weil die Bauern aus unzähligen Brunnen Wasser schöpfen, um ihre Felder zu bewässern. Die Bevölkerung Pekings, schon jetzt rund 16 Millionen Menschen, wächst jedes Jahr um bis zu eine Million. Die Pekinger achten bisher kaum aufs Wassersparen, viele Haushalte haben keine Wasseruhr und beziehen ihr Trinkwasser gratis. Der große Nord-Süd-Kanal wird das Dilemma allenfalls für ein Jahrzehnt lindern, ist Steusloff überzeugt.
Immerhin hat die Pekinger Wasserbehörde nun ein Instrument zur Hand, mit dem sie verschiedene Szenarien durchspielen kann. Zum Beispiel: Wie würde sich eine Sanierung des Leitungsnetzes auswirken? Bislang versickern in China nach Schätzungen von Experten bis zu 40 Prozent des Trinkwassers – in Deutschland sind es 8 Prozent. Auf dem Prüfstand steht vor allem die Landwirtschaft, der größte Wasserverbraucher im Großraum Peking. Muss sie unbedingt zwei Ernten pro Jahr einfahren? Kann sie sparsamere Bewässerungstechniken einsetzen?
Hartwig Steusloff will nach dem Abschluss des Projekts China treu bleiben. Er denkt daran, das gewonnene Know-how in anderen Regionen des Landes zu nutzen – Bedarf gibt es genug. Und sein vertrautes bdw kann er sich auch ins Reich der Mitte nachschicken lassen. Klaus Jacob■





