Der Waschbär (Procyon lotor) ist ursprünglich in Nordamerika heimisch, gelangte aber schon in den 1930er Jahren nach Deutschland: Einige Tiere wurden damals absichtlich als Jagdbeute ausgesetzt, andere entwichen am Ende des Zweiten Weltkriegs aus einem zerstörten Zuchtgehege in der Nähe von Berlin. Seither hat sich der Marderverwandte rasant ausgebreitet. „Der Waschbär breitet sich immer weiter in der Bundesrepublik und von hier über Europa aus“, erklärt Sven Klimpel vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum und der Goethe-Universität Frankfurt.
Was frisst der Waschbär?
Dabei hat sich der Waschbär nicht nur Freude gemacht. Denn das etwa hundegroße Raubtier sieht mit seiner dunklen Augenmaske zwar niedlich aus, hat sich aber auch an die Umgebung des Menschen angepasst und durchwühlt Mülltonnen, plündert Gärten, knabbert Kabel an oder nistet sich auf Dachböden ein. „Dabei richtet er nicht nur Chaos in deutschen Privathaushalten an, sondern bedroht auch zunehmend die heimische Artenvielfalt”, sagt Klimpel. Den gerade in ohnehin schon stark anthropogen geprägten Landschaften und gestörten Ökosystemen kann ein solcher gebietsfremder Fressfeind lokale Arten zusätzlich schwächen und im Extremfall sogar ausrotten.
Ob dies beim Waschbär der Fall ist, war jedoch bisher strittig. Deshalb haben Klimpel und sein Team genauer untersucht, was Waschbären in Deutschland fressen. Für ihre Studie analysierten sie den Kot, die Mageninhalte und die Parasitenfauna von insgesamt 108 Waschbären aus Naturschutzgebieten in Hessen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Die Analyse der Parasiten erlaubt auch Rückschlüsse auf länger zurückliegende Interaktionen zwischen den Tieren und potenzieller Beute. Denn wenn der Waschbär beispielsweise eine Kröte frisst, nimmt er damit auch verschiedene Entwicklungsstadien ihrer inneren und äußeren Parasiten mit auf.

Molche, Kröten und Ringelnattern auf dem Speiseplan
Die Analysen ergaben: Waschbären sind Opportunisten und ernähren sich von dem, was an ihrem Standort gerade gut verfügbar und einfach zu jagen ist – und das sind relativ oft Amphibien und Reptilien, wie die Forschenden feststellten. “Ergebnisse der Studie zeigen klar, dass insbesondere die Laichgebiete von Amphibien und Reptilien als Nahrungsressource von Waschbären genutzt werden“, sagt Klimpel. In den Mägen der Waschbären wurden unter anderem Erdkröten (Bufo bufo), Teichmolche (Lissotriton vulgaris), Grasfrösche (Rana temporaria) sowie Ringelnattern (Natrix natrix) identifiziert. Auch die Parasitenuntersuchungen bestätigten dies: “Insbesondere die von uns in den Tieren bestimmten Arten Euryhelmis squamula und Isthmiophora melis nutzen Frösche und Co. als Zwischenwirte – ein weiteres Indiz, dass die heimische Amphibien- und Reptilienfauna zu regelmäßiger Nahrung der Waschbären gehört“, so Klimpel.





