Der Klimawandel macht sich im Mittelmeer bereits deutlich bemerkbar. Dort ist die Oberflächenwassertemperatur zwischen 1982 und 2019 bereits um 1,3 Grad gestiegen und aktuell steigen die Temperaturen auf immer neue Rekordwerte: Das Wasser vor Griechenland, Italien und Spanien ist derzeit bis zu 28 Grad Celsius warm. Im Juli 2025 lagen die Wassertemperaturen im Schnitt bei 26,9 Grad. Damit war er der wärmste Juli seit Beginn der Aufzeichnungen im Mittelmeer, wie der europäische Erdbeobachtungsdienst Copernicus mitteilte. Diese Erwärmung gefährdet die Lebensräume von Pflanzen, Tieren und Menschen – im Meer und an den Küsten.

Mittelmeer ist ein „Klimawandel-Hotspot“
Wie sich der Klimawandel genau auf die Meeres- und Küstenökosysteme im Mittelmeerraum auswirkt, haben nun Forschende um Abed El Rahman Hassoun vom GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel in einer Metastudie untersucht. Dafür werteten sie 131 wissenschaftliche Studien aus, die bis August 2023 veröffentlicht wurden, und erstellten daraus Risiko-Prognosen für die weitere Entwicklung des Mittelmeers. Der darin angenommene Verlauf des Klimawandels basiert auf den berechneten möglichen Szenarien des Weltklimarats IPCC.
Das Mittelmeer ist ein Binnenmeer, dessen Wassermassen nur sehr begrenzt mit dem globalen Ozean ausgetauscht werden. Infolgedessen erwärmt es sich schneller und versauert stärker; es reagiert also schneller und stärker auf Klimabelastungen als der offene Ozean. Forschende können in diesem Hotspot auf relativ kleiner Fläche die Klimafolgen beobachten, mit weiteren Stressfaktoren abgleichen und daraus Rückschlüsse auf andere Meere ziehen. „Was im Mittelmeer passiert, ist oft ein Vorbote für Veränderungen, die anderswo zu erwarten sind, sodass das Mittelmeer wie ein Frühwarnsystem für Prozesse wirkt, die später den globalen Ozean beeinflussen werden“, sagt Hassoun.
Zusätzliche Erwärmung um bis zu 3,8 Grad möglich
Die Analyse ergab: Würden die internationalen Klimaschutzziele in den nächsten Jahren wie derzeit vorgesehen eingehalten, könnten einige Umweltveränderungen noch abgebremst werden. Bei dieser moderaten Klimapolitik (RCP 4.5) würden zwar bis 2040 immer noch zunehmend Emissionen freigesetzt, danach jedoch abnehmen. In diesem Fall wird sich das Mittelmeer zwischen 2050 und 2100 voraussichtlich zusätzlich um 0,6 bis 1,3 Grad gegenüber den aktuellen Werten erwärmen. Wenn hingegen keine weiteren Klimaschutzmaßnahmen ergriffen werden und die Emissionen „weiter wie bisher“ steigen (RCP 8.5), würde sich das Mittelmeer im gleichen Zeitraum um weitere 2,7 bis 3,8 Grad erwärmen.
Eine solche Erwärmung – zusammen mit dem parallelen Meeresspiegelanstieg und der Ozeanversauerung – würde die Ökosysteme erheblich stören. „Wir haben festgestellt, dass die Ökosysteme im Mittelmeerraum sehr unterschiedlich auf klimabedingte Belastungen reagieren. Einige sind widerstandsfähiger als andere, aber keines ist unverwundbar“, sagt Co-Autorin Meryem Mojtahid von der Universität Angers in Frankreich. Einige Folgen würden bereits bei einer zusätzlichen Erwärmung von 0,8 Grad eintreten, andere erst bei höheren Werten. Korallenriffe und große Meerestiere wie Wale würden beispielsweise erst bei einer Erwärmung über 3,1 Grad erhebliche Schäden davontragen.

Die meisten anderen Meeresbewohner sind jedoch deutlich temperaturempfindlicher: Zum Beispiel würden giftige Algenblüten und Bakterien sowie invasive Arten häufiger auftreten, Seegraswiesen gingen verloren und es käme zu folgenschweren Kettenreaktionen in den Nahrungsnetzen, warnt das Team. Die Fischbestände könnten so um 30 bis 40 Prozent schrumpfen und die Fischerei hart treffen. Darüber hinaus würden mit dem Meeresspiegelanstieg die Küsten stärker erodieren und Sandstrände, Dünen und Felsküsten weggespült. Damit ginge Lebensraum für an der Meeresküste lebende oder brütende Tiere verloren, etwa Schildkröten und Vögel. Betroffen wären auch Pflanzen in küstennahen Feuchtgebieten, Lagunen, Deltas und Salzwiesen. Gleichzeitig kann es sowohl zu weniger Regen und damit Wasserknappheit im Mittelmeerraum als auch zu häufigeren Überschwemmungen in Küstennähe kommen. Die vielfältigen Veränderungen würden letztlich auch die dort lebenden Menschen treffen.
Klimaschutz kann den Schaden begrenzen
Die Ergebnisse haben Hassoun und seine Kollegen in einem sogenannten „Burning-Ember“-Diagramm dargestellt. Dieses gibt einen Überblick über die bestehenden Risiken für die Ökosysteme des Mittelmeers. „Das Diagramm macht deutlich sichtbar, wie stark der Klimawandel wichtige Ökosysteme bedroht. Ich hoffe, dass unsere Ergebnisse dazu beitragen, das Bewusstsein dafür zu schärfen und konkrete Maßnahmen zum Schutz dieser einzigartigen Lebensräume umzusetzen“, sagt Mojtahid. Auf strengere Klimaschutzmaßnahmen hofft auch Hassoun: „Diese Szenarien zeigen: Wir können noch etwas bewirken! Jetzt ist es an der Zeit, dass aus Wissen Handeln wird. Jedes Zehntelgrad zählt!“, sagt er. „Politische Entscheidungen, die jetzt getroffen werden, entscheiden darüber, ob die Ökosysteme im Mittelmeer teilweise oder vollständig zusammenbrechen oder funktionsfähig bleiben und weiterhin ihre Ökosystemleistungen bereitstellen. Es geht darum, die Folgen so gering wie möglich zu halten.“
Quelle: GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel; Fachartikel: Scientific Reports, doi: 10.1038/s41598-025-07858-x





