Ihre Rufe seien reine Reflexe ohne Absicht und Bedeutung, hieß es noch vor Kurzem. Doch jetzt hören Forscher genauer hin.
Simon Townsend kann es kaum fassen. Vor zehn Minuten haben wir das Camp der Biologen im Budongo-Nationalpark im Nordwesten Ugandas verlassen – schon sichten wir den ersten Schimpansen. „ Das ist Crazy”, sagt der junge Brite, „ein Männchen.” Es nieselt. Der Regenwald ist düster am Morgen. Und unglaublich still. Mit Kennerblick mustert der Menschenaffe einige Bäume. Offenkundig sucht er nach Nahrung – und findet sie: Feigen. Sofort bricht es aus Crazy heraus: Er beginnt zu grunzen. Schrill. Laut. „Ein Rough Grunt!”, brüllt Simon gegen den Lärm an. Momente später grunzen Dutzende Schimpansen zurück. Ohrenbetäubend. Nach wenigen Minuten tauchen etwa zehn weitere Schimpansen aus dem Dickicht auf und treffen sich an Crazys Feigenbaum.
Nicht nur solcher Szenen wegen gilt für Simons Chef Klaus Zuberbühler längst nicht mehr die These eines rein emotionsgetriebenen Kommunikationssystems bei Schimpansen. Deren akustische Äußerungen, schrieb sogar Jane Goodall, die Ikone der Primatenforscher, seien nur Ausdruck ihrer aktuellen Gemütsverfassung: Freude oder Angst. Viele der melodiös hochtönenden „Hus” und „Hos”, die regelmäßig durch die Wipfel Budongos hallen, scheinen dies zu untermauern. Alles „ vollautomatisch und unmöglich zu unterdrücken”, lästerte vor Jahren der Linguist Derek Bickerton.
Zuberbühler ist da anderer Ansicht: „Mit subtilen Variationen der Rough Grunts verständigen sich Schimpansen über die Qualität von Futter in der Wildnis. Das können wir nach unseren Erkenntnissen sicher sagen”, erklärt der Schweizer, der im Dienst der schottischen St. Andrews University in Edinburgh forscht. Anders als bisher angenommen, geben die Tiere demnach „ referenzielle Signale”: Laute mit definierten akustischen Eigenschaften, die sie unter ganz bestimmten Umständen produzieren und die in der Zuhörerschaft ganz bestimmte Reaktionen auslösen. Das hatte ihnen niemand zugetraut.
Im Gegenteil: Lautforschung bei Schimpansen zu betreiben, galt als fruchtlos, seit Forscher in den Achtzigerjahren versucht hatten, das Lautsystem der Menschenaffen zu entschlüsseln – und keine bedeutungsvollen Botschaften erkennen konnten. Der Fehlschlag irritierte. Denn „niedere” Affen, so hatten Feldversuche gezeigt, vermitteln durchaus gezielte Botschaften mit ihren Lauten. Meerkatzen etwa warnen ihre Artgenossen mit drei verschiedenen akustischen Signalen, je nachdem, welche Feinde sie gerade sehen. Entsprechend flüchten die restlichen Tiere einer Gruppe auf bestimmte Weise – bei einem Leoparden etwa in die Wipfel der Bäume, bei einem Adler in dichtes Gebüsch. Derlei Alarmlaute sind inzwischen auch bei etlichen anderen Affenarten nachgewiesen. „Dem Rufer ist eigentlich egal, wer da zuhört”, meint die Göttinger Verhaltensforscherin Julia Fischer, die die Rufe von Berberaffen und von Pavianen studiert hat. „Das läuft genetisch programmiert.” Die Affen scheinen nicht zu wissen, ob jemand informiert werden muss oder nicht. Dennoch geben sie mit ihren Lauten klare Informationen weiter.
Dass Schimpansen nicht einmal dazu in der Lage sein sollten, verwunderte manche Experten. Als sich jüngst die computergestützte Analyse von Lauten verbesserte, griffen sie sofort zu diesem neuen Werkzeug. „Das war ein technischer Quantensprung”, frohlockt Zuberbühler, „der auch nötig war.” Denn Schimpansen vermitteln Inhalte zuweilen mit akustischen Feinheiten, die dem menschlichen Ohr und Gehirn verborgen bleiben. Meist sind die weit in den Dschungel hallenden Laute zu einem Sound-Brei vermischt. Nur selten schweigen die Tiere. „Wir unterscheiden um die 15 Laute”, sagt Katie Slocombe von der York University, die ebenfalls in Budongo forscht. Sie grunzen. Sie schreien. Sie keuchen. Sie bellen. Selten leise. Meist laut genug, dass auch weiter entfernte Tiere einer Gruppe aufmerksam werden. Das entspricht ihrer Lebensweise. Denn wie alle Schimpansen-Clans spaltet sich auch die Budongo-Gruppe immer wieder vorübergehend auf. Die Tiere verlieren sich aus den Augen. Im dichten Regenwald sichert bloß die Lautstärke die Verbindung über größere Entfernungen.
WILMA HAT KEINE LUST AUF BOB
Slocombe konzentrierte sich auf Aggressionen unter den Schimpansen und zeichnete monatelang das Gebrüll der jeweiligen Kontrahenten auf. Dabei stellte sie fest: Die Schreie verraten den sozialen Rang der Kampfhähne – und noch mehr. Eine Schlüsselszene aus dem Regenwald: Den ganzen Morgen hat die paarungsbereite Wilma ausgiebig mit den hochrangigen Männchen Nick und Zefa kopuliert. Jetzt sitzen die drei Schimpansen im Wipfel eines Baums, vielleicht 50 Meter hoch, und fressen Früchte. Wilma steigt früher ab als ihre beiden Liebhaber und streift etwa 100 Meter durchs Unterholz. Plötzlich trifft sie auf Bob. Das niederrangige Männchen will seine Chance nutzen und startet Annäherungsversuche. Er greift einen Zweig, schüttelt ihn. „Eine wenig aggressive, ritualisierte Geste”, sagt Katie Slocombe. Doch Wilma hat keine Lust auf Bob, was nicht ungewöhnlich ist. Dann aber passiert Seltsames. Das Weibchen beginnt völlig unangemessen zu schreien, so intensiv, als würde sie von Bob verprügelt. Keine zwei Minuten später eilen Nick und Zefa herbei und vertreiben ihren Artgenossen. Die Affen-Dame wusste sehr genau um Präsenz und Rang ihrer beiden Liebhaber – und dass diese erfolgreich einschreiten würden. Aktionen wie diese hat Slocombe systematisch dokumentiert. Demnach stimmen auch andere Schimpansen ihr Gebrüll auf die Zuhörerschaft ab. Ist bei einem Kampf ein höherrangiges Tier in der Nähe, übertreibt der Unterlegene: Er sendet dem starken Helfer eine akustische Botschaft, die das Ereignis schlimmer darstellt, als es ist. „ Einerseits”, erklärt Katie Slocombe, „spiegeln die Rufe wider, was dem Opfer passiert.” Andererseits zeigen sie seine Erwartungen. Das verbinde die Kommunikation des Affen mit seinen Gedanken: Schimpansen begreifen die sozialen Beziehungen anderer Gruppenmitglieder. Sie wissen, wie diese zueinander stehen. „Und dieses Verständnis vermitteln sie mit flexiblen akustischen Botschaften”, davon ist Slocombe überzeugt.
Die Zuhörer reagieren ähnlich flexibel, betonen Robert Seyfarth und seine Frau und Kollegin Dorothy Cheney von der Universität von Pennsylvania. Mehr als 15 Jahre lang haben die Biologen im Okavango-Delta in Botswana das Verhalten einer Pavian-Gruppe studiert, zu der auch „Royal” zählt, ein streitsüchtiges altes Männchen.
DIE SCHÄFERSTÜNDCHEN-STUDIE
Ein Video der beiden Forscher zeigt ein eigenartiges Ereignis aus seiner Sicht: Von rechts, aus dem Gebüsch, vernimmt Royal stakkatoartige Whoop-Geräusche, die weibliche Paviane stets nach der Paarung ausstoßen. Royal weiß: Das ist die Stimme von Jackalberry, der derzeitigen Geliebten von Cassius, der Royal in der strengen Hierarchie der Pavian-Gesellschaft überflügelt hat. Deshalb macht sich Royal keine Hoffnung auf schnellen Sex. Dann aber hört er von rechts einen Grunzer von Cassius. Die Verwunderung ist Royal deutlich ins Gesicht geschrieben – und auch, was in seinem Gehirn passiert: „Jackalberry links, Cassius rechts. Das heißt, sie sind nicht zusammen. Große Chance!” Blitzartig lässt Royal sein Futter fallen und rauscht in das linke Gebüsch. Leider findet er dort nur den Lautsprecher der Forscher. Wie Royal reagierten fast alle Paviane der Schäferstündchen-Studie. Ließen die Laute aber darauf schließen, dass das Weibchen gerade Sex hatte, blieben die anderen Männchen cool. „Jeden Angehörigen ihrer Gruppe erkennen Paviane an der Stimme”, sagt Robert Seyfarth. Davon abhängig filtern sie Informationen über soziale Ereignisse heraus.
Gleich Schimpansen variieren Paviane den Einsatz ihrer Stimme, selbst bei Alarmrufen – einem ihrer emotionalsten Laute überhaupt: Stellt ein Raubtier keine unmittelbare Gefahr dar, verzichten die meisten, zuweilen alle Tiere, auf den Ruf. Vor mittelweit entfernten Räubern warnen sie nur beiläufig. „Die Produktion eines Lauts hängt ab von den Akteuren und den Details der Situation”, sagt Seyfarth. Über reine Reflexe geht das weit hinaus. ■
KLAUS WILHELM hat sich für diesen Artikel in den Regenwald von Uganda gewagt, um den Schimpansen selbst zu lauschen.
von Klaus Wilhelm
Julia Fischer
Ihre beiden Eltern sind Soziologen, die Geschwister Architekt und Designerin, doch die 1966 geborene Julia Fischer schlug aus der Art: Nach einigen Semestern Lateinamerikanistik wandte sie sich der Biologie zu. Obwohl nach eigenen Angaben „nicht so eine klassische Tierliebhaberin”, beobachtete sie jahrelang Berberaffen und leitete ein Paviancamp in Botswana. Bei ihren Freilandstudien zu den Alarmrufen der Affen musste sie stets selbst darauf achten, „nicht vom Löwen gefressen zu werden”. Weniger gefährlich waren ihre viel beachteten Experimente mit dem Border-Collie „Rico” (Bild), der die Namen von mehr als 250 Spielzeugteilen versteht und stets neue dazu lernt. Seit November 2004 ist Julia Fischer Professorin für Kognitive Ethologie an der Universität Göttingen und dem dortigen Deutschen Primatenzentrum. „Soziale Kommunikation” und die Ursprünge des menschlichen Sprachvermögens interessieren sie am meisten – vielleicht doch ein Erbe der sozialpolitisch engagierten Eltern. JR
Kompakt
· Forscher haben bei Schimpansen subtile Variationen der Laute festgestellt, abhängig von der sozialen Situation.
· Auch Paviane verändern ihre Rufe, und sie hören aus den Rufen ihrer Artgenossen vielfältige Informationen heraus.
KOMM HER! GEH WEG!
Im hohen Gras der Savanne grunzen Paviane permanent, um Kontakt zu halten, wenn sie sich nicht mehr sehen. Offenbar regulieren die Affen so ihre Distanzen. Einer der Nestoren der Lautforschung, der Biologe Günter Tembrock von der Berliner Humboldt-Universität, sieht dieses Motiv sogar als den Ursprung von Kommunikation an. „Finde ich plausibel”, sagt die Biologin Julia Fischer von der Universität Göttingen, die bei Berberaffen herausgefunden hat: „90 Prozent aller Signale führen zu einer Distanzveränderung.” Sie bewirken, dass ein anderer Affe kommt oder geht.





