Naturfreunden fällt jedes Jahr aufs Neue auf, dass das morgendliche Vogelkonzert ab Juni spürbar abnimmt. Im Juli und August sind viele Arten dann kaum noch zu hören oder zu sehen – sehr zum Unbehagen mancher Beobachter. Ist eine Krankheit im Umlauf? Wurden Bestände dezimiert? In den meisten Fällen ist die Ursache tatsächlich harmlos: Die Sommerstille ist ein natürlicher Bestandteil des Vogeljahres und hat vor allem mit Brutverhalten, Mauser und dem beginnenden Vogelzug zu tun.
Wenn Singen keinen Zweck mehr erfüllt
Der Vogelgesang dient nicht primär der Unterhaltung, sondern erfüllt klare biologische Funktionen: Er soll einen Partner anlocken und das eigene Brutrevier markieren. Doch sobald die Jungen flügge sind, entfällt dieser Zweck. Die Brutzeit ist jetzt im Hochsommer vorbei – und damit endet auch die Gesangszeit. Der Energieaufwand fürs Singen lohnt sich für die Vögel nun nicht mehr, stattdessen steht Regeneration im Vordergrund. Daher fällt das morgendliche Gezwitscher und Tirilieren um diese Zeit spärlicher aus.
Und noch einen Grund gibt es für die sommerliche Stille: Mit dem Hochsommer beginnt für viele Vogelarten ein kräftezehrender Prozess: die Mauser. Bei fast allen heimischen Vogelarten startet jetzt die vollständige Erneuerung des Federkleids. In einer festen Abfolge werden sämtliche Federn ausgetauscht – darunter auch die wichtigen Schwung- und Steuerfedern. Während dieses Prozesses sind viele Vögel in ihrer Flugfähigkeit eingeschränkt, was sie verwundbarer macht. Um Fressfeinden zu entgehen, ziehen sie sich daher zurück, bleiben am Boden oder im dichten Gebüsch und vermeiden auffällige Bewegungen oder lautes Gezwitscher. Wer die Vögel doch entdeckt, erkennt oft ihr zerzaust wirkendes Erscheinungsbild.
Truppbildung und früher Vogelzug
Auch ihr Verhalten bei der Nahrungssuche ändern die Vögel im Hochsommer. Während im Frühjahr vor allem eiweißreiche Insekten zur Jungenaufzucht gesammelt wurden, dominieren im Sommer Beeren, Früchte und Samen. Viele Arten nutzen das reiche Angebot dieses zucker- und nährstoffreichen Futters, um sich Energiereserven für den Winter oder die Reise in den Süden anzufressen. Zugleich schließen sich nun viele Vögel zu gemischten Trupps zusammen, die gemeinsam durch Wälder, Felder oder Parks ziehen – und sich dadurch unseren Blicken oft entziehen.
Aber nicht nur das Verhalten der Vögel wandelt sich im Hochsommer, auch ihre Zahl nimmt ab. Denn die Zugvögel machen sich häufig deutlich früher auf den Weg als gemeinhin angenommen. Der Kuckuck etwa verlässt Mitteleuropa schon im Juni – schließlich überlässt er die Jungenaufzucht seinen Wirtsvögeln. Auch der Gelbspötter verabschiedet sich bereits Ende Juli aus unseren Breiten. Zwischen Ankunft im Frühling und Abreise vergehen bei vielen Zugvögeln nur wenige Monate. Die weithin sichtbaren Formationen von Kranichen oder Gänsen, die erst im Herbst durch den Himmel ziehen, markieren dagegen nur den letzten Abschnitt der Zugbewegung. Wer also aktuell weder Gesang noch Geflatter vernimmt, erlebt keineswegs ein Artensterben – sondern eine ganz normale Phase im Leben unserer gefiederten Nachbarn.





