Text: Susanne Donner
Ein prächtiges Löwenrudel ruht im Schatten eines Baumes in der Savanne. Ein Löwenweibchen gähnt. Kurz darauf öffnet ein weiteres Tier sein stattliches Gebiss. Als Elisabetta Palagi, Evolutionsbiologin an der Universität Pisa, die Filmaufnahmen aus dem südafrikanischen Makalali-Reservat sieht, fällt ihr noch etwas Anderes auf: Wenn eines der Raubtiere gähnt, fallen nacheinander andere des Rudels mit ein. Und oft geschieht danach etwas in der Gruppe. Die Löwinnen, die gemeinsam gegähnt haben, stehen auf und machen sich zum Beispiel auf die Jagd.
Palagi untersucht seit vielen Jahren, warum Tiere gähnen. Das auffällige Verhaltensmuster der Löwen beschert ihr aber einen besonderen Geistesblitz: Ist das Gähnen etwa eine Art Verhaltenstimer für jene Tiere, die in Sozialverbänden leben? Machen Löwen nach dem Gähnen eher gemeinsame Sache?
Sie beschafft sich Filmaufnahmen von den 31 Löwen, die im Makalali-Reservat leben und zählt darauf 252 Ereignisse mit Bezug auf Gähnen. Sie kann dabei an Vorarbeiten anderer Fachleute anknüpfen. Die hatten berichtet, dass Löwen tags wie nachts gähnen. Sie öffnen den Mund weit, so dass die scharfen Zähne und die Zunge zu sehen sind, dann atmen sie kräftig aus. Zu hören ist bei den Raubkatzen allerdings nichts. Sie gähnen dennoch ähnlich wie wir, wenn sie aufwachen oder sich ihr Verhalten ändert, etwa ehe sie aufstehen oder das Fell eines Gruppenmitglieds pflegen. Sie gähnen viel, wenn sie ruhen, und am meisten, wenn es auf die Hauptmahlzeit zugeht. Und: Die Raubkatzen gähnen im Rudel gern nacheinander im Chor, wobei zwei und mehr Tiere innerhalb von vierzehn Minuten einstimmen, beschrieb die Löwenexpertin Judith Rudnai von der Universität Nairobi.
Kommunikation und Bindung
Aber Gähnen, um das Verhalten in der Gruppe anzugleichen? Palagis Idee hatte noch niemand zuvor geäußert. Tatsächlich entdeckt sie in den Filmaufnahmen, dass jene Raubkatzen, die sich innerhalb einer Minute vom Gähnen eines Tieres in der Nähe anstecken lassen, meist bald etwas zusammen unternehmen. Steht das eine auf, erheben sich die Mitgähnenden, egal ob jung oder älter, nicht selten kurz darauf ebenfalls.
Das ansteckende Gähnen synchronisiert den mentalen und physiologischen Zustand der Tiere im Rudel und damit das Sozialverhalten in der Gruppe, leitet Palagi daraus ab. Das ansteckende Gähnen stärkt auf diese Weise auch die sozialen Bindungen im Löwenrudel. Es ist eine Form der archaischen Leibkommunikation. Die ist essenziell, denn Löwen sind äußerst soziale Tiere. Die Weibchen erlegen ihre Beute meist gemeinsam, indem sie sich von verschiedenen Seiten anpirschen und angreifen, was ein hohes Maß an Kooperation und Koordination erfordert. Sie ziehen aber auch ihren Nachwuchs zusammen auf und verteidigen ebenso ihr Territorium.





