Allein den Geruch von Futter wahrzunehmen, kann Taufliegen mehrere Tage ihres ohnehin schon kurzen Lebens kosten. Das gilt allerdings nicht für wohlgenährte Fliegen, sondern nur für solche, die auf eine strikte Diät gesetzt sind, haben amerikanische Forscher beobachtet. In diesem Fall hebt nämlich schon der Duft von typischen Fliegennahrungsmitteln den lebensverlängernden Effekt teilweise wieder auf, den die Kalorienreduktion bei den Insekten verursacht. Können die Fliegen hingegen aufgrund einer genetischen Veränderung nicht richtig riechen, leben sie deutlich länger als ihre riechfähigen Artgenossen ? und zwar mit oder ohne Diät. Wie genau dieser ungewöhnliche Zusammenhang zwischen Geruchssinn und Lebenserwartung zustande kommt, können die Forscher bisher allerdings noch nicht sagen.
Dass wenig Futter unter anderem bei Fadenwürmern, Taufliegen, Mäusen und einigen Affen das Leben verlängern kann, wissen Forscher bereits seit mehreren Jahren. Warum das so ist, ist jedoch nach wie vor unklar. Theorien wie ein verlangsamter Stoffwechsel, eine verminderte Fruchtbarkeit oder eine Veränderung der Fressgewohnheiten konnten zumindest bei den Fliegen ausgeschlossen werden. Die neuen Ergebnisse deuten nun jedoch darauf hin, dass der Geruchssinn eine Schlüsselrolle bei der Regulation der Lebenserwartung spielt ? auch wenn noch nicht klar ist, welche.
Sergiy Libert und seine Kollegen verglichen in ihrer Studie die Lebenserwartung von wohlgenährten Fliegen mit denen von Artgenossen auf Diät, wenn sie den Geruch von Hefe, einem ihrer Hauptnahrungsmittel, in die Nase bekamen. Zwar hatten die hungernden Fliegen wie erwartet eine höhere Lebenserwartung als die wohlgenährten. Diejenigen, die an der Hefe geschnuppert hatten, büßten jedoch zwischen 6 und 18 Prozent dieses Lebenszeitgewinnes wieder ein, zeigte die Auswertung. Noch überraschender war jedoch das Ergebnis eines zweiten Tests: Als die Forscher den Geruchssinn einiger Fliegen ausschalteten, erhöhte sich deren Lebenserwartung von 60 auf 80 Tage ? und das sogar, ohne dass sie Diät halten mussten.
Libert vermutet, dass der Organismus der Tiere bei Nahrungsmangel in eine Art Notfallmodus umschaltet und dadurch negative Außeneinflüsse wie Stress besser verkraftet. In dem Moment jedoch, in dem der Duft von Futter wahrgenommen wird, stoppt dieses Notfallprogramm und der Körper stellt sich wieder auf normale Zeiten ein ? mit der Folge, dass er auch anfälliger für die Umwelteinflüsse wird, die ihn altern lassen. Fehlt den Tieren hingegen der Geruchssinn, wird die Mitteilung “Futter vorhanden” gar nicht erst losgeschickt. Wie genau dieses Umschalten funktioniert, wollen die Forscher als nächstes untersuchen. Sie erhoffen sich davon Erkenntnisse, die auch beim Bekämpfen von Alterungsprozessen beim Menschen helfen.
Sergiy Libert (Baylor College of Medicine, Houston) et al.: Science, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1126/science.1136610 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





