Die Vorliebe vieler Tiere für geometrische Formen und rechte Winkel ist entgegen bisheriger Vermutungen wohl nicht angeboren, sondern erlernt. Das schließen kanadische Forscher aus den Ergebnissen einer Studie, in der sie im Wald aufgewachsene Meisen untersuchten. Im Gegensatz zu Tieren, die in einer vom Menschen geprägten Umgebung leben, orientierten sich die Vögel dabei nicht primär an der Geometrie eines Raumes, sondern eher an charakteristischen Merkmalen.
Bereits eine ganze Reihe von Studien hat gezeigt, dass die Geometrie eines Raumes die wichtigste Orientierungshilfe für so unterschiedliche Tiere wie Ratten, Fische, Rhesusaffen, Tauben, Küken und auch für den Menschen ist. Selbst wenn auffällige, charakteristische Markierungen oder Merkmale vorhanden sind, nutzen die meisten Tiere eher die Anordnung der Ecken und die Längenverhältnisse der Wände, um sich in ihrer Umgebung zurechtzufinden. Nach Ansicht vieler Forscher ist diese scheinbar grundlegende Übereinstimmung ein deutlicher Hinweis auf eine angeborene Vorliebe für geometrische Figuren, die bereits sehr früh in Lauf der Evolution entstanden sein muss.
Gray und ihre Kollegen geben jedoch zu bedenken, dass alle bislang untersuchten Tiere in einem künstlichen Umfeld mit vielen geometrischen Objekten lebten und daher mit rechtwinkligen Elementen vertraut waren. Aus diesem Grund untersuchten die Forscher in ihrer Studie nicht die typischen Labortiere, sondern in freier Wildbahn aufgewachsene Gambelmeisen (Poecile gambeli). Die Wissenschaftler brachten den Vögeln bei, eine Futterquelle in einem rechteckigen Raum zu finden. Einem Teil der Tiere boten sie dabei als Orientierungshilfe eine farbige Wand an, während sich die anderen nur mithilfe der Raumgeometrie zurechtfinden mussten.
Die Meisen nutzten tatsächlich die Geometrie des Raumes zur Orientierung, zeigte die Auswertung ? allerdings nur, wenn keine auffällige Markierung zur Verfügung stand: Die Vögel, die mit der farbigen Wand trainiert worden waren, orientierten sich praktisch ausschließlich an diesem Merkmal. Das zeige, dass sich in freier Wildbahn aufgewachsene Tiere, die nur wenig Erfahrung mit rechtwinkligen Elementen haben, hauptsächlich auf typische Erkennungszeichen verlassen, schreiben die Forscher. Demnach sei die geometrische Vorliebe nicht angeboren wie bislang angenommen, sondern werde durch die Umgebung geprägt.
Emily Gray (Universität von Alberta, Edmonton) et al.: Proceedings of the Royal Society: Biology Letters, Online-Vorabveröffentlichung, DOI: 10.1098/rsbl.2005.0347
ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





