Während Fische ein Nomadenleben führen, bilden Ameisen Straßen. Schwarmintelligenz steckt in beiden Modellen.
Der Moskitofisch stoppt abrupt an der Weggabelung. Er schaut die linke Route an, schwimmt ein paar Flossenschläge nach rechts, schaut den rechten Weg an. Dort lauert nicht weit entfernt ein Raubfisch – reglos, denn er ist nur eine handbemalte Attrappe aus Plastik. Der Fisch zögert.
Nach langem Hin und Her schwimmen 45 Prozent der Tiere in diesem Experiment direkt in die Fänge ihres künstlichen Feindes. In freier Wildbahn wäre das ihr Tod.
Im Schwarm aus 16 Fischen verläuft der Versuch ganz anders. Die Tiere stoppen an der Weggabelung. Sie inspizieren beide Routen und biegen dann mit 90- prozentiger Wahrscheinlichkeit in den sicheren Kanal ein. Sie fällen ihr Urteil doppelt so schnell wie ein Fisch alleine, berichtet Verhaltensökologe Jens Krause vom Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei. Er hat sich das Experiment ausgedacht, aus dem er ableitet: Je größer die Gruppe ist, desto klüger und schneller entscheidet sie.
Der Erfolg des Teams beruht auf Kommunikation, wie Krause in der Fachzeitschrift PNAS im Februar 2011 erläuterte. Die Moskitofische tauschen untereinander Informationen aus. Jene Tiere, denen beim Anblick des Raubfischs flau wird, teilen das dem Rest der Gruppe mit, indem sie ihren Körper vom gefährlichen Pfad abwenden und die ungefährliche Route einschlagen. Die Ahnungslosen folgen den Wissenden.
Gemeinsam sind die Moskitofische klüger – ein typischer Fall von Schwarmintelligenz. Viele Tiere wie Monarchfalter, Honigbienen, Ameisen, Termiten und auch Krabben rotten sich zu großen Gruppen zusammen und bestreiten ihr Leben in der Schar. Wanderheuschrecken fallen zu Tausenden über Pflanzen und Bäume her. Zugvögel fliegen im Herbst in atemberaubend schönen Formationen gen Süden. Im Februar durchstreifen jedes Jahr Millionen Gnus gemeinsam den Norden der afrikanischen Serengeti. Heringe pflügen im Schwarm durch den Ozean, ebenso wie einige Hai-Arten.
Der Verband als Lebensmodell hat sich bei vielen Arten bewährt, sich aber in der Evolution nur dort durchgesetzt, wo er den Tieren Vorteile bringt. Ein Vorzug der Gemeinschaft liegt auf der Hand: Im Gewimmel ist jedes Tier besser vor Räubern geschützt. Der Schwarm dient dem Individuum als Schutzschild. Einige Wissenschaftler sehen das bereits als Schwarmintelligenz an.
GEMEINSAM SIND SIE STÄRKER
Doch es gibt auch Gegenstimmen, etwa vom Verhaltensbiologen Volker Witte von der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Der Schwarm als Schutzschild ist egoistisches Verhalten, das auch Nachteile mit sich bringt. Die Tiere müssen Nahrung und Paarungspartner teilen. Echte Schwarmintelligenz bedeutet, dass die Tiere gemeinsam etwas leisten, was sie alleine nicht schaffen.” Wenn Ameisen beispielsweise eine Heuschrecke erbeuten, die zehn Mal so groß ist wie eine von ihnen, wenn sie sie gemeinsam zerlegen und zum Nest bringen, ist das für Witte kollektive Schläue.
Die Spitzenleistungen der Schwärme hängen allerdings von ihrer Organisationsform ab und sind je nach Spezies sehr unterschiedlich. Jens Krause hat sich auf Fische und andere Wasserbewohner spezialisiert. Im vergangenen Sommer tauchte er auf den Azoren nach Pottwalen. Für diesen Sommer plant er eine Reise nach Mexiko, um herauszufinden, wie Segelfische mit ihrem Schwert einzelne Sardinen in einem Schwarm harpunieren. In seinem Büro gurgelt ein großes Aquarium. Am liebsten beherbergt Krause darin Fische aus dem nahe gelegenen Müggelsee: „So ist es abwechslungsreicher. Und wenn ich verreise, quartiere ich die Tiere einfach wieder aus.”
DEnken wie ein FISCh
Krause hat schon immer gerne zugesehen, wie Fische im Schwarm ihre Runden drehen. „Das finde ich unglaublich schön.” Aber dann kamen die Fragen: Wie machen die Tiere das? Wie kommunizieren sie miteinander? Und noch etwas zog den Biologen zu den Fischen. „Ein guter Experimentator muss sich in seine Tiere hineinversetzen können. Bei Ameisen kann ich das nicht.”
Ganz anders Volker Witte, seines Zeichens Ameisenforscher an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Mit Gummistiefeln und Stirnlampe durchstreift er seit 1997 jedes Jahr ein paar Wochen nächtelang den malaysischen Dschungel auf der Pirsch nach Treiberameisen. Diese gehen zu Zehntausenden unter dem Laub auf Raubzug. Manchmal kauft Witte ein Stück Rindfleisch auf dem Markt, bindet es an eine Schnur und schleift es am Boden hinter sich her. Der Geruch des toten Tiers lockt zuverlässig in wenigen Minuten eine Schar von etwa 20 000 Treiberameisen an. Die Hungrigen folgen der Nahrungsquelle auf Schritt und Tritt. Als Anführer des Ameisenheers fühlt Volker Witte sich wohl. „Ich kehre zurück zu meinen Wurzeln” – so empfindet er, wenn er nach einigen Monaten Büroarbeit wieder im malaysischen Dschungel ankommt.
Witte und Krause eint die Liebe zur Natur, zum Reisen und zu ihren Forschungsobjekten. Doch diese könnten kaum unterschiedlicher sein: „Fisch und Ameise sind im Schwarm grundverschieden”, erklärt Witte. Die Eigenheiten fangen schon bei den Formationen an.
Krause drückt einen Knopf. Es surrt im Aquarium, einem flachen Becken von 75 mal 75 Zentimeter Länge. Ein Roboterfisch schwimmt schnurstracks geradeaus, angetrieben von einem Magneten unter dem Aquariumboden. Er schlägt einen senkrechten Haken und setzt seinen Weg fort. Die Fische im Aquarium folgen dem motorisierten Artgenossen im Pulk.
LA-OLA-WELLE IM OZEAN
Es ist wie im Ozean. Sobald fünf Prozent der Tiere eine einheitliche Richtung vorgeben, folgt der Rest. Etwa sechzig Prozent aller Fischarten bewegen sich so immer wieder in größeren Gruppen durchs Wasser. Wie sie sich im Schwarm koordinieren und synchronisieren, konnte der australische Wissenschaftler Ashley Ward in Krauses Abteilung erstmals 2011 dokumentieren. Er filmte 32 Moskitofische mit einer hochauflösenden Kamera. Bei der Computeranalyse des Filmmaterials fiel ihm auf: Die Tiere achten stets auf den gleichen Abstand zueinander. Sobald sie sich zu sehr vom Vordermann absetzen, beschleunigen sie. Wenn sie zu dicht aufschwimmen, bremsen sie. Schlägt der Fisch zur Rechten eine neue Richtung ein, folgt das Tier an seiner Seite prompt.
Bewegungsimpulse pflanzen sich wie eine La-Ola-Welle durch den Schwarm fort, weil jeder Fisch leicht verzögert reagiert. Die Tiere achten nur auf ihre unmittelbaren Nachbarn und haben keinen Überblick über den Schwarm. Das unterscheidet sie beispielsweise von Tauben, die bis zu sieben andere Artgenossen im Blick behalten. Und auch von Ameisen, die über Duftsignale stets mit mehreren Mitgliedern ihres Staates gleichzeitig kommunizieren. Die Welt der Fische ist, so gesehen, viel kleiner.
„Die Anziehung zwischen den Tieren funktioniert wie ein virtuelles Gummiband, das den Schwarm zusammenhält”, erklärt Ward. Anziehung, Abstoßung und Nachahmung sind die drei Grundprinzipien der Selbstorganisation. Sie bestimmen die Bewegungen von Vogel- oder Fischschwärmen (bild der wissenschaft 3/2009, „Die unbekannten Flugobjekte”). Die Abstoßung rührt daher, dass das Individuum den Körperkontakt meidet. Der Drang zur Nachahmung führt dazu, dass sich alle genauso ausrichten wie ihre unmittelbaren Nachbarn.
Ein Stück weit beherzigen auch Ameisen diese Prinzipien. Wenn sie das Nest verlassen, bilden sie oft Straßen. Darin richtet sich ebenfalls jede Ameise nach dem Tier davor. Aber Witte bezweifelt, dass die Insekten denselben Abstand zueinander einhalten. Dagegen spielt Körperkontakt bei ihnen eine wichtige Rolle.
Die Formation der Straße ist den Insekten ohnehin eigen und kommt bei Fischen nicht vor. Der Grund dafür liegt in der Nahrungsverteilung und in der Sesshaftigkeit der Ameisen. Fast alle Ameisenkolonien errichten stabile Nester, die sie gut verteidigen können. Die heimische Rote Waldameise etwa bevorzugt einen Nadelhaufen im deutschen Wald. Schmalbrustameisen verkriechen sich im Inneren von Eicheln.
Verhungern auf der Strasse
Das Futter finden die Insekten in der Umgebung des Nestes an festen Plätzen. Manchmal reicht eine einzige Nahrungsquelle, etwa ein blattlausbefallener Baum, um einen großen Teil der Kolonie einige Zeit mit dem süßen Honigtau der Läuse zu versorgen. Die Straße bildet dann einen gleichbleibenden, optimierten Lieferweg zwischen Nahrungsquelle und Behausung. In einer Kette der Arbeiterinnen kann die Futterstelle effektiv abgeerntet werden. Die Konkurrenz ist minimal.
Im Meer würden Fische auf Straßen verhungern. „Das Plankton und die anderen Nährstoffe sind dreidimensional verteilt. Mal umgibt das Futter die Fische dichter, mal weniger dicht, wie eine Wolke”, erklärt Krause. „Im Schwarm orientiert sich jedes Tier in Richtung des höchsten Futtergehaltes. Zusammen bilden sie ein riesiges dreidimensionales sensorisches Netzwerk und können Futter besser finden. Das ist übrigens ein gutes Beispiel für Schwarmintelligenz.”
Die Fische arrangieren sich bevorzugt in Form einer Ellipse oder eines Zylinders, wobei sich die Gestalt des Schwarms ständig leicht verändert. Nur: Woher wissen Sardinen, Heringe und andere Meereslebewesen, wie sie sich anordnen müssen? Dies fragten sich die Meeresökologen Andrew Brierley und Martin Cox von der schottischen University of St. Andrews. 2010 konnten sie dieses Geheimnis bei einer Spezies lüften: beim Krill, winzigen Krebschen. Brierley und Cox vermaßen insgesamt 1084 Krill-Kolonien in antarktischen Gewässern. Manche waren nur zehn Meter lang, andere erstreckten sich über knapp einen Kilometer. Einige waren lang gezogen eiförmig, andere glichen einem ausgebeulten Zylinder.
Die Vielfalt der Formen schien keinem Muster zu folgen. Doch die Computeranalyse offenbarte, dass sich die Tiere im Meer keineswegs nach Belieben zusammenfinden: Die Form des Krillschwarms garantiert stets den besten Zugang zu sauerstoffreichem Wasser und den größten Schutz vor Feinden. Für Fische gilt das Gleiche: „Fische sind egoistisch: Sie bilden einen Schwarm, um besser an Futter zu kommen und vor Feinden geschützt zu sein”, erklärt Krause. Auch das unterscheidet sie von den Ameisen, die in aller Regel altruistisch ihrem Staat dienen.
Nähert sich ein Feind dem Fischschwarm, nimmt der in rasantem Tempo eine sanduhrähnliche Gestalt an – oder die Tiere stieben auseinander. Dass sich die Verbündeten später wieder zueinander gesellen, ist nicht gesagt. Krause weiß aus eigenen Beobachtungen an Guppys in Süßwasserteichen im tropischen Trinidad: „Alle 14 Sekunden begegnet ein Schwarm einem anderen. Dabei wechseln immer einige Tiere die Clique.” Die Wassergeschöpfe bilden ein offenes System, ein sogenanntes Fusion-Fission-System. Der Verband zerfällt immer wieder, um sich dann in neuer Besetzung erneut zu formieren. In Fischschwärmen herrscht ein reges Kommen und Gehen. Dies ist ein wichtiger Grund, weshalb Heringe keine Königin haben: Ein Weibchen mit Sonderrolle kann sich nur in einer festen Gemeinschaft etablieren.
Das lose Stelldichein der Fische ist den Ameisen fremd. Sie bleiben ihrer Kolonie gewöhnlich zeitlebens treu. Sie verteidigen bei einem Angriff gemeinsam das Nest und pflegen zusammen die Brut. Ameisen sind, wie auch Bienen und Wespen, soziale Insekten. „Die Ameisen stellen sich in den Dienst des Staates, weil sie so ihre eigenen Gene am besten weitergeben können. Denn alle Tiere einer Kolonie sind zu einem gewissen Grad miteinander verwandt”, erläutert Schwarmforscher Witte. „Im Fischschwarm funktioniert das nicht, weil die Mitglieder nicht verwandt und damit genetisch zu unterschiedlich sind. Sie sind zu sehr auf die Weitergabe ihrer eigenen Gene bedacht.”
Die meisten Ameisennester sind geschlossene Gesellschaften mit einer kuriosen Form der Einlasskontrolle: Beim Betreten des Nests erkennen sich die Insekten am Geruch, der für jede Kolonie charakteristisch ist. Wer dazu gehört, wird geputzt, gepflegt und mit Nahrung versorgt. Wenn man eine Ameise in eine fremde Kolonie setzt, wird sie umgebracht. Wollte eine Ameise à la Hering in einen anderen Staat auswandern, wäre das für sie tödlich.
SPIESSBÜRGERLICHE ORDNUNG
Noch vor Sonnenaufgang regt sich am Fuß des Chiricahua Mountain in New Mexico das Leben in den Nestern der Roten Ernteameise Pogonomyrmex barbatus. Die Kundschafterinnen schwärmen in alle Himmelsrichtungen aus. Kurz darauf beginnen Wartungsarbeiterinnen damit, Abfall aus dem Nest zu schleppen. Aufräumarbeiterinnen stapeln den Kehricht zu einem Haufen. Sobald die Kundschafterinnen von ihren Streifzügen heimkehren und von ersten Futterquellen berichten, machen sich Futtersammlerinnen auf den Weg. Diesen detaillierten Einblick in den Alltag der Roten Ernteameise verdanken wir der berühmten amerikanischen Ameisenforscherin Deborah Gordon von der kalifornischen Stanford University.
Das Zusammenleben gehorcht anscheinend einer spießbürgerlichen Ordnung. Aber es gibt keinen Plan und keinen Chef. „Die Königin steht hierarchisch nicht höher als die anderen”, betont Witte. Sie macht wie alle übrigen Staatsangehörigen nur ihren Job, in ihrem Fall: unentwegt Nachkommen zur Welt bringen. Im Ameisenstaat hat sie das Monopol der Vermehrung. Sie ist meist das einzige Weibchen, das Eier legt. „Das feste Zusammenleben ermöglicht überhaupt erst die spezialisierte und die reproduktive Arbeitsteilung”, sagt der Verhaltensbiologe. Fast alle Ameisen teilen sich so die Alltagspflichten.
Im Meer herrscht im Vergleich dazu Anonymität und Anarchie, davon sind die meisten Forscher überzeugt. „Eine Arbeitsteilung, bei der einzelne Fische eine aufwendige Sonderrolle übernehmen, beispielsweise herumschauen, ob ein Barrakuda naht, und dafür im Gegenzug gefüttert werden, könnte im Fischschwarm leicht missbraucht werden”, meint Schwarmforscher Jürgen Heinze von der Universität Regensburg. Die Wächter wären versucht, bloß ihre eigene Haut zu retten – auf Kosten des Schwarms. Dienerschaft für Artgenossen nach Ameisenmanier hat sich bei den Fischen nicht durchgesetzt. Auch die Reproduktion wird nicht einem einzelnen Tier übertragen, weil jedes Individuum sich selbst vermehren will. Auch deshalb fehlt die Königin unter Heringen.
WER SCHWIMMT MIT WEM?
Allerdings widersprechen neue Forschungen dem Bild vom anonymen Leben ohne Rollenverteilung im Wasser: Krauses Team markierte in mühseliger Handarbeit 200 Guppys in einem Tümpel in Trinidad mit verschiedenfarbigen Punkten. Sieben Tage lang notierten die Forscher, wer mit wem schwamm. Verdutzt stellte Krause fest, dass große Fischweibchen den Kern der Gesellschaft bildeten. Sie waren als Schwimmgenossinnen besonders beliebt. Daneben gab es kleinere und größere Cliquen und ein reges Kommen und Gehen. Aber sobald sich ein Angreifer näherte, begaben sich die Tiere rasch zu ihren vertrauten Kumpanen. „Wir sehen also individuelle Unterschiede zwischen den Tieren. Im Schwarm sind keineswegs alle gleich”, folgert Krause. Er ist sogar überzeugt: Fische, die sich häufig begegnen, erkennen einander. „Vielleicht am Schleimgeruch, am Aussehen oder am Urin. Wir wissen es noch nicht.” Dazu passt eine Beobachtung, die Krauses Doktorand Tristan Guttridge auf den Bahamas machte. Er band knapp 30 jungen Zitronenhaien bunte Schleifen an die Flossen. So konnte er sie von einem Holzhochsitz an der Küste mit einem Fernglas beobachten und unterscheiden.
Die Tiere verweilen ihr Leben lang an einem Standort. Doch was die Gesellschaft angeht, sind die jungen Zitronenhaie wählerisch. Sie bevorzugen ähnlich große Artgenossen, da diese ungefähr im selben Tempo schwimmen. Besonders gern treffen sich Geschwister. Vor allem beim Angriff eines Räubers rotten sich Brüder und Schwestern zusammen und flüchten gemeinsam in eine Lagune, wie Guttridge 2011 im Journal „Marine Ecology Progress Series” beschrieben hat. Das lange Leben der Tiere und die Sesshaftigkeit begünstigen, dass die Familienbande derart erstarken, erklärt Krause.
Stets an der SPitze
Neuerdings gibt es sogar Indizien für eine Aufgabenteilung im Fischschwarm: Der Meeresbiologe Shaun Killen von der Universität Montpellier fand heraus, dass die fittesten Gold-Meeräschen stets an der Spitze des Schwarms schwimmen. Individuelle Unterschiede führen offenbar zu einer spontanen Rollenverteilung.
Demgegenüber mutet die Arbeitsteilung unter Ameisen wesentlich spezialisierter an und wirkt feiner aufeinander abgestimmt. Die Tiere können deshalb gemeinsam höchst Intelligentes leisten, wie Witte nachts beobachtet hat. Beispielsweise taucht manchmal urplötzlich eine Hundertschaft von Treiberameisen der Spezies Leptogenys borneensis aus dem Nichts auf, kesselt einen Hundertfüßer ein und tötet ihn mit vielen Stichen. Als Witte dem Schauspiel das erste Mal beiwohnte, fragte er sich, wie die Ameisen ihren explosionsartigen Angriff aufeinander abstimmen können.
DER CHEMISCHE CODE
Klar ist: Die verteilten Aufgaben in einer Kolonie erfordern viele Absprachen zwischen den Mitgliedern. Dafür hat sich unter Ameisen eine komplexe Sprache der Duftsignale entwickelt. Mittels Geruch werden die Fragen des Alltags verhandelt, etwa, wo es etwas zu fressen gibt. „Die Tiere sind wandelnde Chemiefabriken. Jede Art hat zahlreiche Drüsen, aus denen bis zu Hundert Chemikalien freigesetzt werden können”, sagt Witte. Die unterschiedlichen Kombinationen ergeben verschiedene Botschaften, die wie Buchstaben Worte formen: Ameisen unterhalten sich chemisch. „Während Fische nur mit ihren unmittelbaren Nachbarn interagieren, kann jede Ameise über den Geruch mit jeder anderen Artgenossin kommunizieren.”
Aber auch die Raubzüge werden mit chemischen Befehlen organisiert, wie Witte erstmals bewies: Ein Orientierungspheromon bewirkt den Zusammenhalt bei Angriffen. Es verflüchtigt sich nur langsam und wird von jeder Ameise in kleinen Dosen abgegeben, sodass sich die Signale gegenseitig verstärken. Eine zweite Duftmixtur verbreitet sich wesentlich rasanter. Sobald mehrere Ameisen diese absondern, geben sie damit das Kommando, an die Schwarmfront zu eilen. Dort erteilt derselbe Duft in sehr hoher Konzentration dann das Signal zum explosionsartigen Angriff. „ Durch diese Besonderheit hat die Ameisenart ihre eigene ökologische Nische: Sie kann sehr schnelles Getier wie Spinnen fangen”, erklärt Witte. „Das kann keine andere Art.”
HOCHAGGRESSIVE SUPERKOLONIEN
Wer besser und schneller kommuniziert, hat einen Schwarmvorteil und kann die weniger beredte Konkurrenz verdrängen. Das offenbart Wittes neue Forschung an der Gelben Spinnerameise, die zu den 100 gefährlichsten invasiven Tierarten weltweit gehört. Über Schiffe wurde sie vermutlich aus Afrika in alle Teile der Welt verschleppt und vermehrt sich nun überall auf Kosten der heimischen Arten.
Auf den Weihnachtsinseln hat sich die Gelbe Spinnerameise zu hochaggressiven Superkolonien mit mehreren Königinnen zusammengeschlossen. Die Tiere töten kleine Reptilien, Jungvögel und Krabben in großer Zahl. Dadurch ist der Bestand an Weißbauch-Fregattvögeln und Graufußtölpeln bedroht. Der Grund für den raschen Vormarsch der Tiere ist unter anderem die ausgezeichnete chemische Kommunikation: Ihre Beute- und Orientierungspheromone wirken besonders stark und schnell, beobachtete Witte. Die Ameisen können ihre Beute überfallartig töten und abtransportieren. Sie fressen angestammten Arten quasi die Nahrung vor den Füßen weg.
IM TAKT STECKT INFORMATION
Doch die Duftsprache ist nicht die einzige Form der Konversation, die Ameisen beherrschen. Vor wenigen Jahren erkannte Deborah Gordon eine zweite Ameisensprache – für sie ist es die wichtigste Erkenntnis ihres Lebens. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Michael Greene beobachtete sie, dass die Futtersammlerinnen in New Mexico bei der Rückkehr ins Nest stets die Antennen einer Genossin berührten. Dieses Ritual erschien den Forschern zunächst bedeutungslos. Doch als Greene und Gordon mit Ameisengeruch getränkte Kügelchen in verschiedenen Rhythmen ins Nest rollen ließen, machten sie eine verblüffende Beobachtung: Als die Kügelchen im Zehn-Sekundentakt hineinfielen, stürzten immer mehr Futtersammlerinnen aus dem Nest. Bei einem Takt von 45 Sekunden oder von einer Sekunde regte sich dagegen nichts. Der Rhythmus des Kopf-zu-Kopf-Kontaktes gibt offenbar das Signal zum Ausschwärmen. „Nicht der Inhalt der Botschaft, sondern der Takt ist die Information”, sagt Gordon.
Mittlerweile hat sie den Rhythmus des Berührungsrituals bei 300 Kolonien der Roten Ernteameise in New Mexico untersucht. Nicht alle sind exakt auf zehn Sekunden eingestellt. Einige können den Takt gar nicht genau erfassen: Die Sammlerinnen schwärmen in einem weiten Frequenzbereich aus. Andere reagieren auf wenige Sekunden genau, wie Gordon 2011 im Fachblatt „ Behavioral Ecology” beschrieb.
Diesen Fund wird sie in Kürze um eine weitere Veröffentlichung ergänzen. Denn sie konnte nachweisen, dass die fein getakteten Kolonien im Vorteil sind. Je genauer eine Kolonie ihr Sammelverhalten justieren kann, desto mehr Nachkommen hat sie. Gordon erklärt das so: „Die Ameisen zahlen einen Preis, wenn sie in der Hitze außerhalb des Nestes herumrennen: Sie verlieren Wasser.” Jene Kolonien, die diesen Verlust nur für Nahrung in Kauf nehmen, sind im Vorteil. Dies sind die Feingetakteten. Ihr Verhalten ist „schwarmklug”.
Eine derart vielschichtige Kommunikation über Körperkontakt und Duftsignale kennt man unter Fischen bisher nicht. Sie tauschen sich in erster Linie aus, indem sie die Richtungsänderungen ihrer unmittelbaren Nachbarn nachahmen, wie Krauses Experimente eindrucksvoll vor Augen führen. „ Insektenstaaten sind viel komplexer als die meisten anderen Tiergesellschaften”, urteilt Witte.
mittelmäSSig oder klug?
Heißt es also am Ende: Mittelmäßig wie ein Fischschwarm und klug wie ein Ameisenstaat? Die bisherigen Befunde könnten diesen Anschein erwecken. Krause aber mahnt: „Bei verschiedenen Arten ist das immer ein Vergleich von Äpfeln und Birnen.” Davon abgesehen, wüssten die Schwarmforscher schon über die rund 12 600 Ameisenspezies wenig, aber noch lückenhafter seien ihre Kenntnisse über das kollektive Verhalten der über 31 000 Fischarten. Und wenn man erst bedenkt, dass jede Spezies ihre eigenen Schwarmkünste pflegt, dann ist für den Fisch-Fan klar: „ Es gibt noch viel Kurioses zu entdecken.” ■
SUSANNE DONNER bekam durch Jens Krause nicht nur die Unterwasserwelt erschlossen, sondern auch die Welt der großen Konzerne.
von Susanne Donner
Kompakt
· Ob Tiere Schwärme bilden und welche Formationen sie wählen, hängt von der Verteilung ihres Futters ab.
· Wie stark die Arbeitsteilung in der Gruppe ist, wird vom Grad der Verwandtschaft geregelt.
· Für die Kommunikation gibt es verschiedene Sprachen: Bewegungen, Gerüche und auch die Frequenz von Berührungen.





