Einst schwammen viele tausend Atlantische Nordkaper (Eubalaena glacialis) entlang der Küsten Europas und Nordamerikas – doch dies änderte sich in der Ära des kommerziellen Walfangs schnell. Die bis zu 100 Tonnen schweren Wale standen stark im Visier der Harpunen, denn sie schwimmen besonders gemächlich. Die Beliebtheit bei den Walfängern prägte auch den englischen Namen dieser Art: “right whale” – “richtiger Wal”. So wurden die Populationen des Atlantischen Nordkapers schließlich bis auf wenige Tiere abgeschlachtet.
Bereits 1930 wurden die Art zwar unter Schutz gestellt – doch im Vergleich zu anderen Walen konnte sich ihr Bestand seither kaum erholen. Da sich in der letzten Zeit ein Schrumpfen der kleinen Population im Bereich der Ostküste der USA abzeichnet, wird der Atlantische Nordkaper seit 2020 in der Liste der bedrohten Arten der Weltnaturschutzunion (IUCN) als “Vom Aussterben bedroht” geführt. Die Forscher um Charles Greene von der Cornell University in Ithaca verdeutlichen den Abwärtstrend in ihrer Studie auch durch Zahlen: Demnach ist die Population vor allem seit 2010 deutlich geschrumpft. Zu Beginn des Jahrzehnts gab es noch über 500 Tiere – jetzt schätzen die Experten die Population auf nur noch 356 Wale.
Schrumpfender Restbestand
Doch was macht diesen Walen so zu schaffen? Es war bereits bekannt, dass Nordkaper besonders oft mit Schiffen kollidieren und sich in Fischereileinen verheddern – mit tödlichem Ausgang. Nun zeigen die Wissenschaftler auf, dass diese Bedrohungen mit einer Folge des Klimawandels verbunden sind: Wie aus ihren Daten hervorgeht, werden die Tiere durch eine Wassererwärmung im Golf von Maine aus dieser geschützten Meeresregion zunehmend in den unsicheren Sankt-Lorenz-Golf getrieben.
“Der größte Teil der Erwärmung im Golf von Maine kommt allerdings nicht aus der Atmosphäre oder von der Meeresoberfläche, wie man vielleicht denken könnte”, sagt Greene. Die Ursache ist stattdessen eine Veränderung der Wasserbewegungen im Nordatlantik, die aber letztlich auch auf den Klimawandel zurückgeht. Wie die Forscher erklären, ist der Golf von Maine vom warmen Wasser des Golfstroms geprägt. In den letzten zehn Jahren hat sich die Strömung allerdings stark verändert. “Aufgrund der Erwärmung des Klimas verlangsamt sich die Umwälzzirkulation, sodass sich der Golfstrom nach Norden bewegt und noch wärmeres und salzhaltigeres Wasser in den Golf von Maine einspeist”, sagt Greene.
Ausweichen mit fatalen Folgen
Dieser Effekt schadet den Nordkapern indirekt, erklären die Meeresbiologen: Die Erwärmung führt zu einem Rückgang der Bestände winziger Krustentiere im Golf von Maine, die den Walen als Nahrung dienen. Wie die Wissenschaftler berichten, zeichnet sich ab, dass dieser Nahrungsschwund die Kalbungsraten der Wale verringert hat und die Tiere schließlich dazu zwang, ihre angestammten Mittsommer-Futtergründe im Golf von Maine zu verlassen. Offenbar weichen sie nach Norden aus: Seit 2015 werden nun mehr und mehr Nordkaper bei der Nahrungssuche in den kühleren Gewässern des Sankt-Lorenz-Golfs beobachtet.





