Und wie wird sich der Transplantierte fühlen? Wird das Gehirn oder der Körper sein Ich bestimmen? Ein Gedankenexperiment hilft zu klären, wo unsere Identität verborgen ist.
Der amerikanische Neurochirurg Robert J. White war um die Jahrtausendwende weltweit gefragt. Er erklärte in Interviews, wie er schwerst gelähmten Menschen helfen wolle, denen ein Versagen mehrerer Organe und damit der Tod droht: durch die Verpflanzung ihres gesunden Kopfs auf den Körper eines Hirntoten. Dabei würde es sich nicht um eine Organspende handeln, sondern um eine Ganzkörperspende. Der Patient wäre nach dem Eingriff zwar noch gelähmt, aber sein Kopf könnte weiterleben, angeschlossen an eine neue Körperbatterie. Dass der Eingriff möglich ist, hatte der Mediziner bereits in den Siebzigerjahren an einem Affen demonstriert. Der Affenkopf mit dem neuen Körper reagierte auf seine Umgebung, ließ sich füttern und überlebte ein paar Stunden.
Um den heute 84-jährigen Professor aus Cleveland ist es still geworden. Seine Vision aber wird Stück um Stück verwirklicht: Neben inneren Organen wurden bereits über 30 Hände von Hirntoten verpflanzt. 2003 sorgte eine Penis-Transplantation für Schlagzeilen. Im November 2005 wechselte ein Gesicht die Besitzerin. Und im Sommer dieses Jahres transplantierten Münchner Chirurgen einem verunglückten Landwirt ein komplettes Paar Arme – weltweit zum ersten Mal. Als Professor White 2001 Deutschland besuchte, saß Silke Schicktanz, die Biologie und Philosophie studiert hatte, bei einer Podiumsdiskussion neben dem Amerikaner. Damals schrieb sie an ihrer Dissertation über „wissenschaftliche und ethische Aspekte der Xenotransplantation”, die Übertragung tierischer Organe auf den Menschen. Heute arbeitet die 38-Jährige am Göttinger Universitätsinstitut für Ethik und Geschichte der Medizin, wo sie seit Anfang 2006 eine Juniorprofessur innehat. „ White hat damals sehr polarisiert”, erzählt sie. „Gegen das Bild eines Doktor Frankenstein hat er sich heftig gewehrt!”
DER KÖRPER – NUR EINE MASCHINE?
Die junge Medizinethikerin war von dem weißhaarigen Visionär beeindruckt, überzeugt hat er sie jedoch nicht. „Für mich ist diese Fixierung auf das Gehirn damals wie heute nicht plausibel”, sagt sie. „Es ist doch der Körper, an dem andere uns wiedererkennen. Natürlich spielt das Gehirn bei allem eine Rolle, aber der Körper wird unterschätzt.” Der Körper als „bioethischer Konfliktstoff” ist für Silke Schicktanz ein großes Thema geblieben. „Warum es wichtig ist, wie wir den Körper sehen” heißt einer ihrer Artikel. Und da gibt es ganz unterschiedliche Sichtweisen: Die Philosophie schätzt den „Leib”, weil nur über ihn der Mensch die Welt erfährt. Die Naturwissenschaft beschreibt den Körper als funktionierende Maschine. Der Patient hat eine dritte Perspektive: Er sieht seinen Körper als Teil seines Selbst. Es sei kein Wunder, meint Schicktanz, dass es angesichts so unterschiedlicher Körpervorstellungen oft zu Missverständnissen komme.
Nur die Kulturwissenschaften behandeln Körper und Identität als Einheit. Hier ist in den vergangenen Jahren ein neuer Begriff geprägt worden: „Somatic Turn” (Körperwende). Er beschreibt eine neue Hinwendung zum Körper, die sich auch in der Medizin beobachten lässt: Der Patient und sein Verhalten werden wieder stärker beachtet, nachdem lange Zeit nur seine Gene und sein Gehirn im Zentrum der Forschung standen.
Doch der Körper ist längst keine Einheit mehr. Die Grenzen zwischen Eigen und Fremd verschieben sich immer mehr. Neuroprothesen werden eingesetzt und Hirngewebe übertragen, Zellen und Körperteile werden transplantiert, auch solche tierischer Herkunft. Und irgendwann wird über einen Austauschkörper à la White verhandelt werden. Ist das moralisch vertretbar, richtig oder falsch? Augenblicklich sei es nur ein „ Aufschieben” und keine Therapie, denn der Patient bleibe ja gelähmt, gibt Schicktanz zu bedenken. Und wenn durch Fortschritte in der Forschung zur Nervenregeneration das Rückenmark zweier Menschen zusammenwachsen kann? Dann ist die Ethikerin immer noch dagegen, denn mit dem ganzen Körper des Hirntoten könne nur einem einzigen Patienten geholfen werden, argumentiert sie, mit den einzelnen Organen dagegen fünf bis sechs. Und Organe sind weiterhin knapp. Ebenso wie die Zellen, die zur Fortpflanzung nötig sind.
Im Treppenhaus, das zum Büro der Ethikerin führt, hängt die Ankündigung ihres Seminars „Making Sex, Love, or Babies?” In der Fortpflanzungsmedizin hat bereits begonnen, was laut Schicktanz in Zukunft auch in der Transplantationsmedizin geschehen könnte: „ Der Körper wird eine Ware wie andere Waren und nach den Gesetzen des globalen Marktes feilgeboten.” Entgegen der Bioethik-Deklaration der UNESCO werden die begehrten Eizellen heute schon von Ost nach West verkauft, von Arm an Reich. Wer die eigenen Eizellen spendet, zahlt in England weniger Geld für eine Retortenzeugung – ein Tauschgeschäft. Für paarige Organe – Nieren und Augen – gibt es einen Schwarzmarkt. Doch dessen Legalisierung wird diskutiert, um armen Familien in der Dritten Welt ein Einkommen zu verschaffen.
DIE AUFRÜSTUNG DES GEHIRNS
Das Drehbuch des Films „Body Parts” aus dem Jahr 1991 hat die Entwicklung weitergedreht: Alle Gliedmaßen eines hingerichteten Mörders werden verpflanzt, einschließlich Kopf. Der allerdings macht sich am Ende auf die blutige Suche nach seinen verlorenen Körperteilen. Billiger Horror? Im amerikanischen Bundesstaat South Carolina kann bereits heute eine Organspende die Haftzeit verkürzen. Körper sind verfügbar geworden, im Film genau wie im richtigen Leben.
Der Glauben an den Körper als Naturprodukt ist nachhaltig erschüttert. Auch deshalb geht es dem Körper an den Kragen. Er wird geformt und gestylt wie selten zuvor. Er wird gedopt – nicht nur im Sport, auch um des Life Style willen. Die medikamentöse Aufrüstung des Gehirns boomt: Ritalin, früher bloß bei schweren Aufmerksamkeitsdefiziten von Kindern eingesetzt, hilft inzwischen kerngesunden College-Studenten beim Examen. Und: Alter war gestern, den Hormonen sei Dank! Die moderne Gesellschaft hat sich längst dem Körper zugewandt, früher und radikaler als die Wissenschaft.
Die Medizinsoziologin und Ethnologin Vera Kalitzkus von der Universität Witten-Herdecke ist überzeugt: Nur in der Hirnforschung verflüchtigt sich der Körper. „Je weiter die Erforschung des menschlichen Gehirns fortschreitet und es damit in immer feinere Areale mit spezifischen Funktionen aufgesplittert wird, umso mehr geht die gesamthafte Gestalt des Menschen, aber auch die körperliche Verortung seiner Identität verloren.” Der ganze Mensch wird unsichtbar, alles verliert sich in Gehirnrepräsentationen. Messbare Stoffwechselkonzentrationen, etwa beim Meditieren, werden zum „Gottesmodul” erklärt. Vor Kurzem hat sogar die Mutterliebe einen Ort im Gehirn zugewiesen bekommen. Doch ist das Gehirn der Boss? Steht es nicht vielmehr im Dienst des Körpers? Nur wenige Hirnforscher sehen das so.
Unser Verhältnis zum Körper ist besonders zwiespältig, wenn der Körper krank wird und versagt. Als Kalitzkus Gespräche mit den Angehörigen von Organspendern und den Empfängern und deren Familien führte, begegneten ihr viele Widersprüche. Typisch ist die Geschichte eines Herzempfängers, der nur mit einem nicht klar kam: Er konnte das Ultraschallbild des schlagenden Herzens nicht anschauen. Er ertrug es nicht, daran erinnert zu werden, dass es in einer anderen Brust geklopft hatte.
Solche Brüche schärfen den Blick auf den Körper. Den Hirntod zu begreifen, ist auch deshalb so schwer, weil der ganze Mensch noch vor uns liegt, beatmet zwar, aber mit einem Körper, der ein Leben gelebt hat. Seine Hände sprechen Bände, jede Narbe erzählt eine Geschichte. Ist der Hirntote wirklich nur noch „Körper”, und seine Organe sind bloß „Ersatzteile”, gereinigt von der Psyche, der Geschichte? Auch wer akzeptiert, dass hier ein unumkehrbarer Sterbeprozess angehalten wurde, empfindet diesen Zwiespalt. Der Schauspieler Jürgen Vogel macht ihn deutlich, wenn er, ein Spenderherz vor die Brust haltend, mit dem Slogan „Ich denk dir mein Herz” für die Organspende wirbt: Die Kopfentscheidung fällt gegen das Bauchgefühl.
OPTIMIERUNG DER RADIKALEN ART
In der Transplantationsmedizin wird man noch ganz anders vor den Kopf gestoßen: Jeder Körper verhält sich widerspenstig. Er erkennt genau, was fremd ist, und will diesen Fremdkörper abstoßen. Das Gehirn ist abgemeldet. Transplantationsmediziner setzen deshalb Medikamente ein, die das Immunsystem unterdrücken. Zurzeit haben diese Immunsuppressiva schwere Nebenwirkungen. Doch schon morgen könnten mit Stammzellcocktails von Empfänger und Spender komplette Körperareale nachhaltig getäuscht und neue Chimärenzonen geschaffen werden, in denen die Regeln zweier Körper gelten. Erste Experimente verliefen vielversprechend: Forschergruppen in den USA und Australien brachten blutbildende Stammzellen eines Spenders und eines Empfängers so ins Gleichgewicht, dass sie Medikamente gegen die Abstoßung teilweise ersetzten. Geforscht wird auch an Methoden, das Rückenmark wiederherzustellen: Martin Schwab in Zürich versucht, die Substanzen auszuschalten, die zu einer Vernarbung führen, Michael G. Fehlings in Toronto setzt auf Stammzellen, um das Wachstum der Nervenfasern zu steuern. Jeder Fortschritt nährt neue Unsterblichkeitsfantasien.
Die Ganzkörperspende, die zumindest chirurgisch kein Problem ist, könnte in Zukunft drei Gruppen das Leben verlängern:
· Krebskranken, deren Metastasen das Gehirn verschonen. Sie könnten sich für diesen großen Schritt und Schnitt entscheiden.
· Menschen mit einem genetischen Leiden, das fortschreitend den Körper zerstört, etwa Mucoviszidose-Kranken. Ihnen könnte grundlegend geholfen werden – mit einem Körper ohne das krankmachende Gen in den Zellen.
· Alten Menschen. Wie es wohl wäre, mit allem Wissen, das man mit 60 oder 70 hat, wieder 30 zu sein? Der alte Kopf auf einem passenden jüngeren Körper: Das wäre eine Optimierung der radikalen Art – für eine betuchte Klientel. Eine Umfrage um die Jahrtausendwende ergab, dass sich drei Prozent der Deutschen diesen Eingriff vorstellen könnten.
Doch wäre er auch zu verkraften? Kann es der Psyche gelingen, sich einen kompletten Fremdkörper, ein anderes Selbst, tatsächlich einzuverleiben? Nach dem, was Forscher in den letzten Jahren über die Entwicklung des Gehirns und seine Plastizität im Alter herausgefunden haben, ist es möglich: Im Wechselspiel zwischen dem Gehirn und dem neuen Körper kann sich ein neues Selbstbild formen. Die neuen Körpermaße und Empfindungen werden im Gehirn abgebildet. Dann wird auch diese zunächst fremde Person – ganz wörtlich – begreifbar und sichtbar. Das Ich formt sich neu: Der Mensch hat dann nicht nur einen neuen Körper, er ist ein neuer Leib. ■
CHARLOTTE KERNER hat in ihrem Roman „Kopflos” die Ganzkörperspende als Science-Fiction-Geschichte durchgespielt.
von Charlotte Kerner
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Charlotte Kerner KOPFLOS Roman um ein wissenschaftliches Experiment Piper, München 2008, € 12,–
Simone Ehm, Silke Schicktanz (Hrsg.) KÖRPER ALS MASS? Biomedizinische Eingriffe und ihre Auswirkungen auf Körper- und Identitätsvorstellungen Hirzel, Stuttgart 2006, € 12,50
Vera Kalitzkus LEBEN DURCH DEN TOD Die zwei Seiten der Organtransplantation Campus, Frankfurt 2003, € 29,90
KOMPAKT
· Ethiker und Kulturwissenschaftler wehren sich gegen eine Sichtweise, die den Menschen auf seine Gene und sein Gehirn reduziert.
· Wie sehr der Körper den Menschen bestimmt, machen die Erfahrungen von Transplantierten deutlich.
· Die Realisierung einer Ganzkörper-Transplantation rückt Stück für Stück näher. Sie könnte psychisch verkraftbar sein.





