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Kuhkuscheln: Wange an Fell
Text: Janina Martens, Fotos: Torben Becker
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Unsere Umarmung will nicht so richtig klappen. Pauline weicht zurück. Auch das Selfie misslingt: Neben meinem Gesicht passen gerade ein Auge und ein Ohr von Pauline aufs Bild. Sie wiegt fast 700 Kilo, ihr Kopf reicht mir bis zur Schulter. Pauline ist eine Kuh und an jenem Nachmittag stehen wir zusammen auf einer Weide im Havelland – zum Kuscheln.
Das mag skurril klingen. Date mit Kuh – bislang stand das nicht auf meiner Liste von Dingen, die ich mal erleben will. Doch Kuhkuscheln liegt im Trend. Erste Angebote in Deutschland gab es schon vor knapp 15 Jahren, mittlerweile bieten immer mehr Höfe an, den großen Wiederkäuern zu begegnen, sie zu bürsten, zu streicheln, sich an ihre warme Seite zu lehnen. Manche preisen das als Anti-Stress-Erlebnis für Großstädter an, andere als Nähe-Erfahrung gegen Einsamkeit.
In den sozialen Medien zeigen sich Influencer beim glücklichen Knuddeln mit Rindvieh, die Sendung Galileo schickte einen Reporter zu einer Kuh, um seinen Stresspegel zu senken, und auch ARD, BR und SAT.1 berichteten. Doch wie fühlt es sich an, Kühen nahezukommen? Und ist die Nähe nicht stressig für die Tiere selbst? Das will ich herausfinden – und fahre zum Kuscheln auf den Elfenhof.
Kuhkuscheln im Selbstversuch
Der kleine Grünlandbetrieb liegt in Wiesenaue, Ortsteil Jahnberge, eine Autostunde westlich von Berlin. Jahnberge hat etwa 100 Einwohner. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln kommt man dort nicht hin, nur mit dem Auto oder dem Rad über die kurvige Landstraße, vorbei an Feldern und noch mehr Feldern. Mein Berliner Großstadtleben fühlt sich sofort sehr weit weg an.
Das Tor zum Hof öffnet sich, zwei Hunde kommen angestürmt, eine Frauenstimme bremst sie: „Grobi, Feldmann!“ Die Stimme gehört Anne Graichen, die den Hof zusammen mit ihrem Mann Detlef betreibt. Herzlich lächelnd begrüßt sie mich und den Fotografen. „Wechseln wir zum Du?“, schlägt sie sofort vor. Das passt zur familiären Atmosphäre und zur Bauernhofidylle: ein roter Traktor, Tomatenpflanzen im Anbau am Haus, ein kleiner Apfelbaum.
Die kuschelbereite Mutterkuhherde steht auf der Weide hinter dem Haus, ein gutes Stück entfernt, nur zu erahnen. Es ist bewölkt, die Luft drückt, für später sind Sturmböen angesagt. Anne Graichen bleibt gelassen: „Wir kuscheln bei jedem Wetter.“ Das Grundstück mit seinen rund 14 Hektar bewirtschaftet sie seit etwa 25 Jahren, sie hat es teils gekauft, teils gepachtet, anfangs für eine Pferdezucht. Seit 2009 ist ihr Mann an Bord und vor rund sechs Jahren stellten die beiden den Betrieb auf Fleischrinder um. „Wir sind Quereinsteiger, was die Kühe angeht, aber inzwischen echte Kuh-Fans“, sagt Anne Graichen. Seit dem Frühjahr 2024 bieten sie an acht bis zehn Terminen im Monat das Kuscheln an und sind immer ausgebucht. Für eine Kleingruppe mit drei Personen berechnen sie 100 Euro. „Ich komme kaum hinterher bei den ganzen Anfragen“, sagt sie.
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Aber was zieht Menschen so zu den Kühen? Ich frage eine Expertin: Susanne Waiblinger, Fachtierärztin für Verhaltenskunde, Tierhaltung und Tierschutz sowie Professorin an der Veterinärmedizinischen Universität Wien. „Die Tiere strahlen eine tiefe Ruhe aus“, sagt sie im Videocall. Sie forscht seit vielen Jahren zu Mensch-Tier-Interaktionen und zum Verhalten von Rindern. Sie persönlich empfinde schon das bloße Beobachten der Tiere als beruhigend. Kühe seien ruhige, soziale Tiere. Aber sind sie auch kuschelig? Kühe seien keineswegs Kuscheltiere, so Waiblinger, doch freundlicher Körperkontakt gehöre tatsächlich zu ihrem Sozialverhalten: „Sie lecken einander mit ihrer rauen Zunge am Hals und Rücken. Das dient der Körperpflege, stärkt aber auch die Bindung und kann Spannungen abbauen.“ Ähnlich wie bei Affen, die sich gegenseitig das Fell pflegen.
In der Begegnung mit Menschen seien Kühe ebenfalls empfänglich für Nähe und Körperkontakt, sagt Waiblinger. Das hat sie mit ihrem Team in Studien untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass Kühe Berührungen genießen können – erkennbar daran, dass sie beim Streicheln den Hals strecken, die Ohren entspannt hängen lassen und dass ihre Herzfrequenz sinkt.
Sich wohlfühlen und entspannen – das sollen Mensch und Tier auch auf dem Elfenhof. Und so hat Anne Graichen die Gruppengröße auf sechs Personen begrenzt, kleine Kinder dürfen aus Sicherheitsgründen nicht mit. Die Landwirtin bereitet den Kuscheltermin gewissenhaft vor, trägt Stühle heran, holt Bürsten. Nebenher gießt sie die Tomaten, beantwortet meine Fragen. Sie scheint gewohnt zu sein, vieles gleichzeitig zu erledigen. „Einen Bauernhof im Nebenerwerb hat man nicht fürs Geld“, sagt sie, „das muss man lieben.“
Unkonventionelle Landwirtschaft
Graichens Mann Detlef bringt Apfelschorle. „Wir sind quersubventioniert“, sagt er grinsend. Damit meint er: Sein eigener Vollzeitjob als Geologe im Bereich Boden-Grundwasserschutz hält den Hof mit über Wasser. Die Graichens bezeichnen sich als „Mondscheinbauern“ – das bedeutet, sie bewirtschaften den Hof mit derzeit 14 Fleischrindern und einer Handvoll Pensionspferden im Nebenerwerb, nach Feierabend.
Die beiden legen Wert auf gute Haltungsbedingungen. Ihr Rindfleisch verkaufen sie auf Vorbestellung, zweimal im Jahr. Ausbauen wollen und können sie das nicht. Zum einen fehle es an einem verlässlichen Netzwerk von Schlachtbetrieben und Fleischereien, zum anderen zwängen die Wölfe, die ins Dorf kommen, sie dazu, die Kühe nachts nah am Haus zu halten, sodass für eine größere Herde kein Platz ist.
Das Kuhkuscheln stellt also ein gutes Zusatzeinkommen dar. „In der Landwirtschaft muss man kreativ werden, um eine schwarze Null zu schreiben“, sagt Anne Graichen. Beim Kuhkuscheln ist ihr zudem besonders der Bildungsaspekt wichtig. Schon zuvor habe sie Kundschaft eingeladen, an Fleischverkaufstagen die Kühe auf der Weide zu besuchen und etwas über sie zu lernen. Daraus entstand die Idee.
Vorbereitung
Die heutige Kuschelgruppe versammelt sich neben dem Stall. Ich spüre einzelne Regentropfen auf meiner Kopfhaut. Wir setzen uns unter das Dach auf Klappstühle. Anne Graichen will die Teilnehmenden kennenlernen, fragt: „Was verbindest du mit Kühen?“
Da ist etwa der elfjährige Peer, der sich von seinem letzten Bauernhofbesuch noch genau erinnert: „Kuhfladen sind besser wegzumachen als Pferdeäpfel.“ Er ist mit seinem Freund Richard und seiner Mutter Donata gekommen. Die ist Reittherapeutin und will nun etwas über Kühe lernen. Ähnlich wie Alexandra, die sich mit Pferdezucht auskennt, „mit Kühen aber weniger“.
Beim Autofahren darf man nicht ohne Kenntnis der Verkehrsregeln hinters Steuern, auf dem Elfenhof kommt niemand ohne Einführung auf die Kuhweide: Graichen gibt eine Stunde Theorieunterricht. Mit ausgedruckten Grafiken erklärt sie die Lebenswelt der Tiere: Fressen, Ruhen, Wiederkäuen, Sozialleben. Kühe seien Wiederkäuer und professionelle Energiesparer, Herzschlag und Atmung sind etwas langsamer und die Körpertemperatur etwas höher als beim Menschen. Anne Graichen mutmaßt: „Vielleicht lindert es deshalb Stress, mit ihnen Zeit zu verbringen.“
Die Kühe mögen Nähe, so die Landwirtin. „Die lecken einander gern am Hals. Das könnt ihr natürlich auch machen“, sie grinst, es ist nur ein Witz. Aber: „Körperkontakt ist in Ordnung für die Tiere. Es gehört zu ihrer Lebenswelt und muss nicht extra gelernt werden.“ Doch gelte es einiges zu beachten, zum Beispiel: „Die Kuh sieht ihre Füße nicht, also passt auf eure auf.“ Zudem hätten die Tiere seitliche Augen und dadurch zwar ein großes Sichtfeld, aber in der Mitte einen blinden Fleck: „Deshalb mit der Hand nicht von vorn kommen, besser von der Seite.“ Die Landwirtin bläut allen ein: „Wir sind Gäste und lassen die Kühe selbst entscheiden, was sie möchten.“
So friedlich sie auch wirken – Kühe sind kräftige Tiere, die mit ihren 400 bis 800 Kilo – je nach Rasse und Einzeltier – einen Menschen auch unbeabsichtigt verletzen können, etwa wenn sie ihn in Panik umstoßen oder sich auf seinen Fuß stellen.
Die Expertin Susanne Waiblinger betont: „Den Tieren ist mit Respekt und Vorsicht zu begegnen.“ Sie plädiert zudem für eine Qualitätssicherung von Kuhkuschel-Angeboten: „Eine Zertifizierung wäre sinnvoll.“ In Österreich können Höfe, die tiergestützte Angebote anbieten, eine bestimmte Green Care-Zertifizierung dafür bekommen. In Deutschland gibt es bislang keine Zertifizierung für Freizeitangebote wie Kuhkuscheln. Eine Qualitätssicherung durch entsprechende Fachverbände erfolgt nur bei tiergestützten Therapieangeboten. Die Professorin sagt, unabhängig davon, ob es um eine therapeutische Wirkung gehe oder nicht: Schlicht nicht jede Kuh eigne sich für Nähe zu Menschen. Sozialisation, Persönlichkeit und aktuelle Motivation der Tiere spielten eine Rolle. Auch bei Kühen, die es grundsätzlich genießen, gestreichelt zu werden, sei das nicht zu jedem Zeitpunkt der Fall. „Kühe sollten daher immer selbst wählen können, ob sie sich Menschen nähern, mit ihnen ‚kuscheln‘ und wann sie wieder gehen wollen.“ Daher sollten sie beim Kuhkuscheln nicht angebunden sein. Fremde könnten zudem einen Stressfaktor für die Tiere darstellen, wenn sie sich unpassend verhalten.
Anne Graichen sagt: „Die Kühe wissen ganz genau, wer ihr „Personal“ ist, die kennen Detlef und mich. Sie müssen euch erst kennenlernen und beschnuppern. Also geht es langsam an.“ Ich komme mir vor wie beim Coaching für ein erstes Date. „Seid ihr aufgeregt?“, fragt sie. Kopfschütteln. Na gut, ein bisschen vielleicht. „Zu viel Nervosität spüren die Kühe und gehen dann erst mal eher auf Abstand.“
Respektvolles Nähern
Und dann geht es endlich los. Natürlich kommen wir als gute Gäste nicht mit leeren Händen. Statt roter Rosen haben wir Bürsten dabei – zum Massieren der Kuhhälse. Wenige Minuten Fußmarsch zur Weide, zwischen langen Grashalmen und pieksigen Disteln hindurch. Die Luft ist schwerer, die Wolken sind düsterer geworden. Die berüchtigte Ruhe vor einem Sturm ist spürbar.
Die Graichens trennen den Bullen Holger für den Kuscheltermin ab, aus Sicherheitsgründen. Anschließend dürfen wir zu ihnen: Märtha, Pauline, Selma, Yvette und ihre drei Kälber. Sie stehen vor uns, kauend, größer als ich es erwartet habe. Gegenseitiges Beäugen. Die Kühe wirken unbeeindruckt, unsere Gruppe schüchtern. Wie die Moderatorin bei einem Speeddating, ermutigt Anne Graichen: „Ihr könnt losbürsten!“ Alexandra fasst sich ein Herz und nähert sich einer weißen Kuh.
„Das ist Pauline, die Chefin“, stellt Graichen vor: „Die hat den Willen zur Macht.“ Doch heute ist sie offenbar in Kuschellaune. Alexandra streicht ihr mit der Bürste über den Rücken. Pauline dreht den Kopf leicht zu ihr, schmatzt. „Das ist ein gutes Zeichen“, sagt Anne Graichen. Alexandra lächelt glücklich, macht weiter, spricht dabei leise mit der Kuh.
Donata bleibt zunächst etwas auf Abstand. „Ich finde es doch ein bisschen unheimlich.“ Die Bewegungen der Tiere wirken unvorhersehbar, ihre Körpersprache ist nicht direkt zu lesen. „Kühe haben weniger klare Mimik als andere Tiere“, sagt Graichen. Ablehnung aber sei eindeutig: Wenn sie etwa die Hand mit einem Schnauben wegstupsen, haben sie genug. „Die Tiere zeigen ihre Bedürfnisse.“ Eines der Kinder schreckt auf – ein Kuhschwanz hat es am Arm erwischt. Doch die Fachfrau beruhigt: „Sie treten nicht. Wenn sie sich erschrecken, machen sie vielleicht einen kleinen Satz, aber mehr nicht.“
Yvette – sonst laut Anne Graichen die „Kuschelqueen“ – ist mit Kalb Hagen beschäftigt, das gerade trinkt. Es bekommt eine Urindusche ab. „Wer möchte Hagen jetzt kuscheln?“, fragt die Landwirtin und lacht. Wenn die Tiere liegen, könne man sich auch zu ihnen legen, aber heute sind die Kühe nicht in Chill-Laune. Vielleicht liegt die leichte Unruhe auch am aufziehenden Sturm, mutmaßt Anne Graichen. Sie selbst sei ebenfalls angespannt – und die Tiere spiegelten das.
Gelassen durch den Sturm
Auch ich komme nicht recht in einen Kuschelmodus. Der Wind wird immer stärker, zerrt an meinem Notizzettel, an meinem Haargummi. Lose Haarsträhnen überall in meinem Gesicht. Und dann fegen Böen über die Wiese. Sand wirbelt auf, legt sich auf die Haut und hängt in der Luft. Alles wirkt plötzlich wie unter einem Sepiafilter.
Äste knacken und fallen und fliegen durch die Gegend. Rauschen und Tosen. Sandkörner in den Augen. Auf der Nachbarkoppel geraten die Pferde in Panik, Detlef Graichen sprintet zu ihnen. Und die Kühe – die stehen einfach da. Wie Felsen. Stoisch, geerdet, nicht zu beeindrucken. Anne Graichen sagt: „Das ist typisch: drüben bei den Pferden das Drama – und hier bei den Kühen die Ruhe.“ Sie lassen sich sogar weiter kuscheln. Donata hat sich herangewagt, knetet bei Yvette die Wamme, den Hautlappen am Hals. Das Tier hebt den Kopf, als wolle es sagen: Genau da, bitte weiter.
Doch wir müssen gehen, der Sturm hat Chaos angerichtet, Bäume sind umgefallen, Zäune eingekracht. Ein schneller Fußmarsch zurück, die Kühe hinterher. Zurück am Haus umgefallene Blumentöpfe, eine umhergewirbelte Plane. Die Kühe trotten an, stehen jetzt vor ihrem Stall, knabbern an abgebrochenen Zweigen.
Das ist mein Moment. Wie bei einem Date, das fast zu enden droht, weil der geschaute Kinofilm zu spannend und beide zu schüchtern waren, um einen Move zu machen, gebe ich mir endlich einen Ruck. Ich nähere mich Selma, langsam, von der Seite. Schnuppere an ihrem Fell, es duftet nach Gras. Oder milden Kräutern. Sie bleibt entspannt stehen, ich lege meine Wange an ihre Seite. Mein Gesicht fühlt sich vom aufgewirbelten Sand an, als hätte ich Peeling aufgetragen und nicht abgewaschen.
Was für ein wilder Termin, denke ich. Und wie um Himmels willen soll ich darüber später schreiben? Doch während ich an dem warmen Kuhkörper lehne, werden die Gedanken leiser. Selmas Fell ist glatt, weich. Ich atme ein und aus. „Vielleicht hilft das wirklich gegen Stress“, überlege ich. Anne Graichen meint mit einem Lächeln: „Ja, die Kühe sind meine Therapiegruppe.“ Und scheinbar eine gute. Denn die Landwirtin wirkt selbst jetzt noch wie die Gelassenheit in Person – während ihr Mann von kaputten Zäunen berichtet, der Fotograf sie für ein Porträt posieren lässt, Kühe und Kuschelgäste ihre Aufmerksamkeit fordern. Es scheint, als färbe die Ruhe der Tiere auf sie ab.
Auch ich bin entspannter, als die Situation erwarten lassen würde. Keine fünf Meter neben unserem Mietauto ist ein Baum umgekippt. Trotzdem fahren wir ruhig zurück in die Großstadt, ohne zitternde Hände oder kreisende Gedanken. Wer weiß, vielleicht liegt es wirklich an den Kühen. //
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