Wanderwege braucht das Land - wissenschaft.de | natur
natur PlusErde & Umwelt
Wanderwege braucht das Land
Wenn morgens früh über den Hügeln des Odenwalds die Sonne aufgeht und ein Rest nächtlichen Dunstes den davorliegenden Feldern einen Hauch Mystik verleiht, scheint die Welt zwischen Mannheim und Lampertheim noch in Ordnung. Auf der vierspurigen B 44 gibt es um diese Uhrzeit nur wenig Verkehr, von der nahen A 6 ist ebenfalls noch nicht viel zu hören. Ein Rotmilan fliegt gemächlich über die schier endlos wirkende Ackerlandschaft. Die meisten der Flurstücke erstrecken sich über Hunderte Meter, wenn überhaupt, nur durch ein paar Feldwege unterbrochen. Eine Monotonie in Grün. Bäume und Hecken sind Mangelware. Die Fluren wurden gründlich bereinigt, um sie für die industrielle Landwirtschaft zu optimieren. Das Ergebnis ist, wie Ökologen zu sagen pflegen, eine Agrarwüste.
Sie haben noch 2 von 3 kostenlosen Artikeln übrig1/3
Text: Kurt de Swaaf
Wenn morgens früh über den Hügeln des Odenwalds die Sonne aufgeht und ein Rest nächtlichen Dunstes den davorliegenden Feldern einen Hauch Mystik verleiht, scheint die Welt zwischen Mannheim und Lampertheim noch in Ordnung. Auf der vierspurigen B 44 gibt es um diese Uhrzeit nur wenig Verkehr, von der nahen A 6 ist ebenfalls noch nicht viel zu hören. Ein Rotmilan fliegt gemächlich über die schier endlos wirkende Ackerlandschaft. Die meisten der Flurstücke erstrecken sich über Hunderte Meter, wenn überhaupt, nur durch ein paar Feldwege unterbrochen. Eine Monotonie in Grün. Bäume und Hecken sind Mangelware. Die Fluren wurden gründlich bereinigt, um sie für die industrielle Landwirtschaft zu optimieren. Das Ergebnis ist, wie Ökologen zu sagen pflegen, eine Agrarwüste.
Solche findet man leider nicht nur in der Rheinebene. Ob in der Wetterau, dem Thüringer Becken, Mainfranken oder anderswo: fast überall das gleiche Bild. Deutschlands Landschaften sind enorm verarmt. Neben Wäldern und Siedlungen sind leer geräumte Gegenden praktisch zum Standard geworden. Vielen Menschen fällt die Eintönigkeit allerdings kaum auf, sie kennen es nicht anders. Manche freuen sich sogar über die ordentlich und gepflegt aussehenden Landstriche, gut erschlossen dank einer dichten Verkehrsinfrastruktur. Insgesamt ist das Straßennetz hierzulande rund 830.000 Kilometer lang – mehr als die doppelte Strecke von der Erde bis zum Mond. Und es wird weiter gebaut. Die Fauna indes findet sich in den auf Homo sapiens‘ Bedürfnisse getrimmten Gefilden immer weniger zurecht. Sie verliert Lebensräume, und die ihr verbleibenden Refugien werden zunehmend voneinander isoliert, wie der Geograf Julian Oeser von der Humboldt-Universität zu Berlin erläutert: „Die hohe Straßendichte macht es für die Tiere schwieriger, sich fortzubewegen.“ Wirkungsvoller Naturschutz kann nicht aus Insellösungen bestehen, mahnt die Fachwelt. Höchste Zeit für eine Trendwende.
Die notwendige Verbindung von Lebensräumen
Die Zerschneidung der Landschaften birgt eine unsichtbare Gefahr, denn: Populationen müssen miteinander in Verbindung bleiben, erklärt Katharina Westekemper, Wildbiologin am Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) in Gießen. „Konnektivität ist enorm wichtig, um gesunde Tierbestände zu erhalten.“ Es brauche nämlich einen genetischen Austausch. „Wenn dieser blockiert ist, kann es zu Inzucht kommen.“ Normalerweise sorgen abwandernde Individuen für eine Vermischung ihres Erbguts mit dem Genpool anderer Populationen – vorausgesetzt, sie werden nicht durch Dutzende Straßen und andere menschengemachte Hindernisse davon abgehalten. Die Bewegungsfreiheit ist zudem aus verhaltensökologischer Sicht wichtig, ergänzt Westekemper. Rothirsche zum Beispiel wechseln gerne zwischen Sommer- und Winterlebensräumen, das können sie in vielen Regionen aber gar nicht mehr. Straßen, Siedlungen und Management für rotwildfreie Gebiete, sperren die Tiere faktisch ein, die Wälder werden ihnen zu Gehegen.
Mehr aus Erde & Umwelt
Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Erde & Umwelt.
Braunbären haben als echte Anpassungskünstler mehrere Eiszeiten überlebt. Eine 3D-Analyse zeigt nun den Grund dafür - er steckt im Unterkiefer.
Erde & Umwelt
Aus Alt mach Neu: Retrofitting macht Dieselbusse zu E-Bussen
8. Juli 2026
Die Verkehrswende ist eine Voraussetzung für die Klimaneutralität. Eine Studie zeigt, wie Dieselbusse klimafreundlich auf Elektroantrieb umgerüstet werden…
Ganz neu ist das Bewusstsein für dieses Problem nicht. Schon in den 1980er Jahren begann der Landschaftsgärtner Hermann Benjes, der Verödung mit Hecken etwas entgegenzusetzen. Weitere Konzepte folgten. Die Erfolge blieben gering, aber ein Anfang war immerhin gemacht. Begünstigt durch strengere Schutzbestimmungen begannen die Populationen einiger fast ausgerotteter Arten wieder zu wachsen.
Wollen solche Vierbeiner allerdings in ihre früher bewohnten Regionen zurück, haben sie es oft schwer. Schließlich ist nicht jedes Tier so mobil und flexibel wie der Wolf, der prominenteste unter den Heimkehrern. Für andere Spezies sind die heutigen Landschaften voller Hürden. Ihre Wiederausbreitung geht deshalb nur langsam voran. Mit betroffen ist eine besonders scheue Jägerin: die Europäische Wildkatze, zoologisch Felis silvestris.
Beispiel: Europäische Wildkatze
Diese Samtpfoten brauchen gute Versteckmöglichkeiten, erklärt Andrea Lehning, Biologin des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Strukturreiche Laubwälder seien die bevorzugten Lebensräume. „Unaufgeräumt“, betont Lehning. Wildkatzen lieben nämlich Totholz. Wurzelteller von umgestürzten Bäumen, hohle Stämme und aufgetürmtes Astwerk mit Brombeergestrüpp bieten ihnen prima Schlafplätze und sichere Kinderstuben. Alternativ können auch Felsspalten oder verlassene Fuchsbaue Unterkunft bieten. Zum Glück ist Derartiges in relativ vielen Wäldern noch vorhanden. Dass Felis silvestris aus weiten Teilen Deutschlands trotzdem verschwand, war vor allem der einst gnadenlosen Verfolgung geschuldet. 1934 wurde die Jagd hierzulande gestoppt. Eine echte Wiederausbreitung findet allerdings erst seit den späten 1990er Jahren statt. Und die soll zukünftig schneller voranschreiten.
Biotopvernetzung tut not
Andrea Lehning ist für die entsprechenden Projekte des BUND-Landesverbandes Baden-Württemberg, darunter „Wildkatzenwälder für morgen“, mitverantwortlich. Einerseits gelte es, Waldgebiete strukturreicher und somit wildkatzenfreundlicher zu gestalten, sagt die Expertin. Mindestens genauso wichtig sei jedoch die Biotopvernetzung zwischen den Lebensräumen. In offenen Landschaften schaffe man mithilfe von Gehölzen Versteckmöglichkeiten und die sogenannten „Grünen Korridore“, erklärt Lehning. „Diese sollen Waldstücke miteinander verbinden.“ Zur gezielten Verwirklichung solcher Maßnahmen legte der BUND bereits 2007 einen „Wildkatzenwegeplan“ vor (www.wildkatzenwegeplan.de). Er zeigt deutschlandweit die möglichen Verbreitungsachsen zwischen den damaligen Wildkatzenvorkommen und den zur Wiederbesiedlung geeigneten Gebieten auf. Praktisch gleichzeitig veröffentlichte der Naturschutzbund Deutschland (NABU) seinen „Bundeswildwegeplan“, in dem Felis silvestris ebenfalls eine Schlüsselrolle spielt. Die Samtpfoten sind eine Schirmart – sprich eine Spezies, von deren Schutz auch viele andere Arten profitieren.
Grüne Korridore mit Mehrfachnutzen
Wie ein Grüner Korridor konkret eingerichtet wird, zeigt ein Beispiel eines BUND-Pilotprojekts bei Herrenberg nordwestlich von Tübingen. „Dort haben wir 20 Grundstücke erworben und mit Sträuchern bepflanzt“, berichtet Andrea Lehning. Die so entstandenen „Gehölz-Inseln“ dienen quasi als Trittsteine in einer Langstreckenverbindung zwischen dem Schwarzwald und der Schwäbischen Alb. Der Clou dabei: Vom Nationalpark Nordschwarzwald aus können Wildkatzen fast ohne Barriere durch bewaldetes Terrain ostwärts wandern. Um sich niederzulassen, wäre der Naturpark Schönbuch die nächste gute Adresse, und auf dem Weg dorthin könnten die Tiere die Autobahn A 81 am Schönbuchtunnel problemlos überqueren. Letzterer fungiert wie eine natürliche Grünbrücke. Weiter nördlich oder südlich dagegen stellt die vierspurige Trasse eine lebensgefährliche Bedrohung dar. Die vom BUND gepflanzten Gehölze sollen jedoch vom Gärtringer Wald kommenden Wildkatzen durch ansonsten offene Felder direkt zum Schönbuchtunnel leiten. Davor gibt es als letztes Hindernis noch die Bundesstraße B 14, für die allerdings eine eigene Grünbrücke in Planung ist.
Für lange Korridore im Offenland setzen Naturschützer bevorzugt auf Spezialhecken. „Die sind im Prinzip wie ein doppelter Waldrand aufgebaut“, erklärt Andrea Lehning. Die optimale Breite beträgt circa 20 Meter. In der Mitte stehen höhere Bäume, flankiert von möglichst vielen verschiedenen Arten von Sträuchern. Den Abschluss zum Feldrand hin bilden Krautsäume. Jede dieser Vegetationsstufen hat ihre eigene Funktion. Die Bäume bieten Schutz vor Sonne und Wind, und die Büsche bilden zusätzlich eine Barriere gegen Menschen und deren Hunde. Auch die Krautsäume seien essenziell, betont Lehning, denn darin tummeln sich gerne die Mäuse – prima Verpflegung für reisende Wildkatzen.
Natürlich finden in den Hecken noch viele andere Tiere Unterschlupf. Sie dienen Vögeln als Brutplätze und Futterquellen. Die seltene Haselmaus – Muscardinus avellanarius, keine echte Mausart, sondern eine Verwandte des Siebenschläfers – fühlt sich in den Sträuchern wohl. Ebenso sind die Pflanzungen für zahlreiche Insekten, Spinnen, Schnecken und weitere Wirbellose in heutigen Agrarlandschaften oft die einzigen Lebensräume. Kein Wunder, dass nachts auch Fledermäuse wie die stark gefährdete Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) entlang der Hecken jagen. Neben ihrer Funktion als Grüne Korridore sind die Gehölze also echte Oasen der Vielfalt: eine doppelte Wirkung. Wir brauchen dringend mehr davon.
Grünbrücken sind essenziell
Die bereits erwähnten Grünbrücken wiederum helfen der Fauna über stark befahrenen Straßen. In Deutschland stehen Vierbeinern bereits über 100 solcher Passagen zur Verfügung. Der Bedarf sei aber noch nicht einmal annähernd gedeckt, meinen Fachleute. Die Bedeutung solcher Querungsbauwerke wird häufig unterschätzt. „Grünbrücken sind das Bindeglied zwischen Artenschutz und Verkehrssicherheit“, betont der Wildtierökologe Hannes König vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung in Müncheberg. Laut Statistischem Bundesamt starben hierzulande im Jahr 2022 sieben Menschen bei Wildunfällen, gut 2.600 weitere Personen wurden verletzt; mehrere Hunderttausende Tiere starben. Trotzdem löste die Errichtung der Spezialviadukte in der Vergangenheit so einige Debatten aus. Das lag in erster Linie an den Kosten. Der Bau einer Wildtierbrücke schlägt im Schnitt mit drei bis fünf Millionen Euro zu Buche. Geldverschwendung, monierte unter anderem der Bund der Steuerzahler, und klagte dabei auch über die angeblich geringe Wirksamkeit der Querungshilfen. Die Tiere würden sie kaum nutzen.
Inzwischen sind die meisten Kritiker jedoch verstummt. Diverse Untersuchungen belegen einen regen Tierverkehr. Besonders interessant ist diesbezüglich eine 2021 publizierte Studie von Hannes König und seinen Kollegen. Die Forscher stellten ihre Überwachungskameras ein Jahr lang auf einer Grünbrücke über der A 12 in Brandenburg östlich von Berlin auf. Die Aufnahmen zeigten neben Rehen, Wildschweinen und einigen Hundert Rothirschen auch 111 Querungen durch Wölfe. „Sie haben die Brücke extrem gut angenommen“, sagt König. Gut 50 Kilometer weiter südwestlich, an der A 13, wurden auf einem vergleichbaren Bauwerk schon mehrfach Elche (Alces alces) abgelichtet. Die bis zu 600 Kilo schweren Wiederkäuer zieht es zunehmend von Polen aus nach Deutschland. Weitere Großsäuger dürften bald folgen.
„In Westpolen gibt es immer mehr Wisente“, berichtet Julian Oeser. Nachdem man die einst fast ausgestorbenen europäischen Bisons, zoologisch Bison bonasus, in der Woiwodschaft Westpommern wieder angesiedelt hat, gehen manche von ihnen auf Wanderschaft. Schon 2017 schwamm ein Wisent bei Lebus durch die Oder auf die deutsche Seite. Es wurde kurz darauf gesetzeswidrig erschossen.
Auch Elche und Wisente sind unterwegs
Doch abgesehen von der mitunter mangelnden Akzeptanz durch die Bevölkerung: Platz für Elche und Wisente gäbe es hierzulande durchaus. Julian Oeser hat sich als Geograf auf die Beziehungen zwischen Tieren und Landschaften spezialisiert. Als Mitglied eines internationalen Forscherteams half er, das Lebensraumpotenzial für beide Arten in sechs europäischen Staaten (Dänemark, Deutschland, Polen, Tschechien, Österreich und der Slowakei) zu ermitteln. Die Ergebnisse der im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie zeigen zunächst ein überraschend positives Bild. Insgesamt gibt es für Wisente zwischen Ostsee und Südalpen gut 120.000 Quadratkilometern geeignete Habitate; das entspricht etwa 13 Prozent des Untersuchungsgebiets. Für Elche beträgt das Potenzial sogar über 244.000 Quadratkilometer. Viele dieser Areale unterliegen allerdings starken anthropogenen Störungen, sie sind für die Großsäuger oft kaum erreichbar.
Wahrscheinlich würden mehr Grünbrücken auch bei Elch und Wisent die natürlich Wiederbesiedlung fördern, meint Julian Oeser. Noch gebe es dazu nur wenige Daten, aber wenn die Brücken „halbwegs natürlich und groß genug sind, gehen die Tiere gerne drüber“. Das Problem sei vielmehr die geringe Verfügbarkeit. Schweizer Experten zufolge bräuchte man an kritischen Straßenstrecken alle zehn Kilometer ein Querungsbauwerk. Leider kommt die Umsetzung der Wildwegepläne jedoch nur sehr schleppend voran. Es fehlt vor allem am politischen Willen. Es wird noch immer eher der Bau von Umgehungsstraßen gefordert als die Einrichtung Grüner Korridore.
Unter Brücken hindurch
Gerade die kleineren Trassen sind in ihren Auswirkungen jedoch nicht zu unterschätzen. Katharina Westekemper hat dies am Beispiel der Wildkatzen aufgezeigt. Die Wissenschaftlerin untersuchte anhand von 975 DNA-Proben, wie stark unterschiedliche Landschaftsstrukturen Felis silvestris‘ Genfluss in Deutschland prägen. Dabei kam Überraschendes zutage: Den Auswertungen zufolge haben nicht Autobahnen und Bundesstraßen, sondern Landstraßen den größten Einfluss. Das liege vermutlich an der schieren Menge, meint Westekemper. Je dichter das Netz, umso stärker werde der genetische Austausch gebremst. Möglicherweise meiden viele Wildkatzen die Straßen, oder sie werden überfahren, erklärt die Wildbiologin. „Ich befürchte tatsächlich, dass es die Mortalität ist.“ Jedes Jahr fallen Dutzende Samtpfoten dem Verkehr zum Opfer. „Und die Dunkelziffer ist wahrscheinlich hoch.“
Aber auch hier ist Abhilfe möglich: So wurden an manchen Stellen, an denen schon mehrfach Wildkatzen zu Tode kamen, Unterführungen mit flankierenden Zäunen eingerichtet. Die nutzen natürlich auch andere Tiere; im Ostharz ging bereits ein Luchs durch einen solchen Tunnel. Felis silvestris indes breitet sich trotz der vielen Hindernisse weiter aus. Zwischen Elsass und Baden-Württemberg haben die scheuen Vierbeiner offenbar sogar den Rhein überquert, wie Andrea Lehning berichtet. Wie genau sie das geschafft haben, weiß niemand. Nun geht es langsam gen Osten und Norden voran. Mittlerweile gibt es die ersten Meldungen auch aus dem Odenwald. Das Leben sucht sich seine Wege, und es findet sie. //
Erde & Umwelt
Ozeanerwärmung lässt Meerestiere schrumpfen
6. Juli 2026
Meerestiere werden in Reaktion auf Umweltkrisen kleiner, besonders bei einer Erwärmung der Ozeane. Dadurch könnte der aktuelle Klimawandel den marinen…
natur PlusErde & Umwelt
Schutz der Halligen
6. Juli 2026
Auf der Hallig Nordstrandischmoor wird erprobt, wie Halligen durch vermehrte Einschwemmung von Sediment den Klimawandelfolgen besser trotzen können.