Auf Hufen um die Welt: Eine Gazelle in der mongolischen Steppe legt innerhalb von fünf Jahren über 18.000 Kilometer zurück. Das entspricht einer halben Erdumrundung. Solche Wanderbewegungen sind charakteristisch für viele Huftierarten – von Alpensteinböcken, Gämsen und Rentieren in Europa über die Gnus der Serengeti und die Saiga-Antilopen der zentralasiatischen Steppe bis hin zu den lamaartigen Guanakos in Argentinien und nordamerikanischen Karibus. Besonders häufig wandern Huftiere in Lebensräumen mit ausgeprägten Jahreszeiten. Dabei durchqueren sie Berge, Wüsten und Gewässer.
Doch immer häufiger treffen die Tiere auf ihren Wanderungen auf menschgemachte Hürden. „Heute stehen wandernde Huftiere vor einer Vielzahl von Bedrohungen: lineare Barrieren wie Straßen oder Eisenbahnen, die illegale Tötung von Tieren, Habitatverlust oder -fragmentierung sowie der Klimawandel“, erklärt die Wildtierökologin Nandintsetseg Dejid vom Senckenberg Biodiversität und Klima Forschungszentrum Frankfurt (SBiK-F). „In zentralasiatischen Ländern wie Kasachstan oder der Mongolei wurden in den letzten Jahren beispielsweise viele hundert Kilometer neue und teils eingezäunte Eisenbahnlinien gebaut, die mitten in den Hauptverbreitungsgebieten wandernder Arten liegen.“
Weltweite Karte für Tierwanderungen
Ein Team aus über 80 Forschenden der 2020 gegründeten Globalen Initiative für Huftierwanderungen (GIUM) hat daher nun untersucht, wo die Huftiere auf solche menschengemachten Barrieren treffen und ob sie diese überwinden können. Dafür verfolgten die Wissenschaftler per GPS-Halsbändern die Bewegungen von 20 Tierarten über mehrere Jahre hinweg und kartierten, wo deren Wanderrouten verlaufen. Zudem analysierten sie, welche Wege häufig, und welche eher selten genutzt werden. Daraus erstellten sie einen digitalen, interaktiven und frei zugänglichen Atlas für globale Huftierwanderungen.
Der Atlas zeigt beispielsweise, dass die Rentiere in Finnland sehr weite Strecken zurücklegen, während die Gämsen in den Alpen hauptsächlich zwischen verschiedenen Höhenlagen im Sommer und Winter wechseln. „Wir wissen nun auch, dass Tiere in stark zersiedelten Landschaften zwar weniger wandern, aber sich dennoch Wege durch unsere Kulturlandschaft suchen. So ist im Atlas beispielsweise eine beeindruckende Rothirschmigration nahe der Stadt Genf abgebildet“, berichtet Wibke Peters von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft. Eingeschränkt werden die Hirsche dabei durch zahlreiche Zäune.





