JEDER RAUM HAT einen charakteristischen Geruch – etwa nach neuen Möbeln, Putzmitteln oder der Mahlzeit vom Vortag. Man bemerkt die Duftnote beim Eintreten, aber nach längerem Aufenthalt im Raum verschwindet sie anscheinend. Nicht so die gasförmigen Substanzen, die sie verursachen: Wer nicht regelmäßig lüftet, setzt sich den Ausdünstungen zum Beispiel von Holzmöbeln und Bodenbelägen aus. Es sei denn – so versprachen Textilhersteller vor etwa zehn Jahren –, man dekoriert seine Wohnung mit Hightech-Gardinen, die Schad- und Geruchsstoffe in Kohlendioxid und Wasser verwandeln (bild der wissenschaft 5/2005, „Gardinen als Geruchskiller”).
Alle großen Hersteller stürzten sich damals auf die Entwicklung „intelligenter” Wohntextilien. Gardinen des Marktführers ADO Goldkante in Aschendorf/Niedersachsen hießen „ ADO ActiBreeze”, „ADO BioProtect” und „ADO eProtect”. Neben der chemischen Gefahr in Form von Luftschadstoffen konnte der Käufer nun angeblich auch Krankheitskeime und Elektrosmog bannen – vorausgesetzt, er hatte den richtigen Vorhang am Fenster.
Inzwischen haben sowohl ADO als auch der Wettbewerber Unland in Saterland diese Produktlinien eingestellt. Zur Begründung gibt der Marketing-Beauftragte Alfons Schlüter bei Unland an, die Nachfrage sei zu gering gewesen. Bei ADO macht Firmensprecher Carsten Haueis die „hohen wissenschaftlichen Anforderungen” an die Produkte verantwortlich. Experte Wolfgang Lorenz vom Institut für Innenraumdiagnostik in Düsseldorf weint den Wunderstoffen keine Träne nach: „Wenn die Luft belastet ist, sollte man die Ursache beseitigen und nicht versuchen, mit Gardinen dagegen anzugehen.”
Doch nicht alle haben aufgegeben. Mit der Marke „drapilux” setzt der Textilhersteller Schmitz-Werke in Emsdetten weiterhin auf intelligente Gardinen – und bestreitet damit nach eigenem Bekunden gut ein Drittel seines Umsatzes, allerdings ohne genaue Zahlen anzugeben. Seit 2003 wurden nacheinander drapilux-Gardinen zur Schadstoffbeseitigung, zur Bakterienbekämpfung und zur Verbesserung der Raumakustik eingeführt.
Das Unternehmen vermittelt auf Anfrage einen Einblick in Prüfberichte unabhängiger Institute, die den Abbau von Formaldehyd und Ammoniak durch das Material „drapilux air” bestätigen. Allerdings: Subjektiv „frischer” erschien den Prüfern des Instituts für Fußboden und Raumausstattung Richard A. Kille in Köln die Luft nur, wenn zusätzlich gelüftet wurde. Am Institut für Umwelt und Gesundheit in Fulda hingegen stellten die Prüfer überhaupt keinen geruchlichen Unterschied fest. Und den Abbau von Nikotin, den die Firma auf ihrer Homepage verspricht, hat bisher keines der Institute nachgewiesen.
Die keimtötende Gardine beseitigt nach Herstellerangaben 99,9 Prozent aller Bakterien auf ihrer Oberfläche mithilfe von ins Gewebe integrierten Silberionen. Klaus-Dieter Zastrow, Arzt am Institut für Hygiene und Umweltmedizin in Berlin, wollte es genau wissen und hat den Effekt unter Klinikbedingungen selbst getestet. „Innerhalb von 16 Stunden wurden 88 Prozent der Keime auf der Gardine getötet”, fasst Zastrow das Ergebnis zusammen. Für ihn ist das Grund genug, diese Gardine zu empfehlen. Der Verband „Kliniken des Landkreises Freyung-Grafenau” hat daraufhin die Krankenzimmer auf fast allen seinen Stationen mit dem Hightech-Stoff bestückt.
Kann man sich wirklich an einer Gardine infizieren? Natürlich muss man sie dazu angefasst haben. „Aber das kommt häufig vor. Viele Patienten wischen sich die Hände an den Gardinen ab. Das sehen wir an der Marmelade, die daran klebt”, klärt Zastrow auf. Maria Bongartz ■





