Text: Oliver Abraham
Dreißig Meter hoch und höher liegt das Kronendach des Nahrungswaldes. Riesen wie Walnussbäume oder Esskastanien bilden die oberste Etage. Eine Etage darunter wachsen Obstbäume, die nicht ganz so hoch werden – Apfel- und Birnbäume oder Kirschen, an denen wiederum Wein ranken kann. Es folgt das Stockwerk der Gebüsche: Sanddorn-, Haselnuss- oder Holundersträucher, darunter etwas niedrigere wie Himbeere oder Brombeere. Weiter unten, zwischen 30 und 120 Zentimetern Höhe, breitet sich eine Krautschicht aus mit Gewächsen wie Minze, Salbei, Brennnessel oder Kerbel. Zuunterst findet sich schließlich die Kriechschicht. Bodendecker wie Bärlauch, Huflattich oder Thymian wachsen hier. Teils unter der Erde wachsen Wurzel- und Knollengemüse.
Der Nahrungswald ist eine künstlich angelegte Agrarfläche – die aber in der Struktur einem natürlichen Wald nachempfunden ist. Landwirte können Obst, Beeren, Nüsse und Kräuter für den Lebensmittelmarkt auf ihrem waldartigen Feld produzieren. Und gleichzeitig den Boden und die Artenvielfalt schützen. In den Niederlanden gibt es schon gute Erfahrungen mit dem Konzept. Nun fangen die ersten Landwirte in Deutschland an, Bäume, Sträucher und Kräuter auf diese Weise anzubauen.
„Ein Nahrungswald kann ein rentables landwirtschaftliches System sein, weil mit wenig Aufwand eine Menge marktfähige Produkte erwirtschaftet werden können. Und Natur kann Natur sein, das verbessert zum Beispiel die Bodenfruchtbarkeit oder die Artenvielfalt. Bislang aber fristen diese Nahrungswälder in Deutschland noch ein Nischendasein“, sagt Martin Franz. Er ist Professor für Geografie an der Universität Osnabrück und Partner in einem deutsch-niederländischen Projekt zu Nahrungswäldern. Gemeinsam mit den niederländischen Stiftungen „Huize Aarde“ und „Voedselbosbouw Nederland“ sowie der Hochschule Rhein-Waal aus Kleve untersuchen Franz und sein Team, welche Potenziale es für Nahrungswälder in der deutsch-niederländischen Grenzregion gibt.
Deutschlands erster Nahrungswald
Eines der Projekte, das Martin Franz wissenschaftlich begleitet, ist der Agroforst von Johannes Hoffrogge in Spelle, einer Gemeinde im Emsland. „Wir sind in Deutschland aktuell der einzige Betrieb, der aus eigener Motivation und hauptsächlich eigenen Mitteln heraus ein solches, womöglich zukünftig absolut notwendiges System zur Lebensmittelproduktion erprobt“, erklärt der Landwirt.
Im Frühjahr 2022 begannen er und seine Familie mit der Bepflanzung von zwei Hektar Land, diesen Herbst sollen drei weitere Hektar folgen. Das ist jedoch erst der Anfang: „Wir haben damals schon die Planung für eine 14 Hektar große vorherige Ackerfläche erstellt, um im Herbst 2022 zunächst im ersten Abschnitt auf gut zwei Hektar knapp 400 Bäume zu pflanzen“, berichtet Hoffrogge. „Die Konzeption der 14 Hektar war notwendig, um die Struktur der Anlage perspektivisch komplett in Nord-Süd-Ausrichtung gestalten zu können, damit die Sonne im Tagesverlauf alle Ebenen erreicht.“ Denn: Wie in einem echten Wald, brauchen alle angebauten Pflanzen Licht, allerdings benötigen die Pflanzen je nach Jahreszeit unterschiedliche Lichtintensitäten. Beispielsweise ist eine volle Besonnung zur Blüte wichtig; die findet bei manchen Gewächsen im zeitigen Frühjahr statt, bei anderen im Herbst. Deshalb müsse die Anordnung von Bäumen, Büschen und Bodendeckern entsprechend durchdacht und geplant werden, erklärt Martin Franz. So wie in der Natur: In einem Buchenwald zum Beispiel blüht Bärlauch, bevor sich das Blätterdach schließt. Wenn Landwirte die Zeit optimal nutzen, können sie viel ernten und gleichzeitig das Risiko von Ernteausfällen durch Wetterextreme minimieren. Das Blätterdach mit den unterschiedlichen Etagen schützt außerdem den Boden vor Wettereinflüssen und Erosion.





