Löwen überwältigen bekanntlich sogar Riesen – 20 Kilogramm schwere Beutetiere sind somit normalerweise leichte Opfer – doch im Fall des Stachelschweins gilt das nicht: Um in den Savannen Afrikas zu überleben, setzt dieses skurrile Nagetier auf rabiate Verteidigung. Wird es angegriffen, konfrontiert es den Feind mit seinen über 30 Zentimeter langen Stacheln. Der Angreifer kann sich diese spitzen Gebilde beim Gerangel leicht ins Fleisch rammen, wo sie stecken bleiben und oft gefährliche Wunden verursachen. Ein Stachelschwein ist dadurch nicht nur ein unangenehmer, sondern auch potenziell lebensgefährlicher Gegner.
Es ist allerdings bekannt, dass Löwen das Risiko dennoch manchmal eingehen. Einige tragen dadurch schmerzhafte „Andenken“ an ihr Wagnis mit sich herum. Dem interessanten Thema „Löwe versus Stachelschwein“ hat nun ein Team des Field Museums in Chicago eine Studie gewidmet. Die Forscher durchforsteten dazu wissenschaftliche Literatur, historische Aufzeichnungen, Geschichten aus der Presse und YouTube-Videos. Stets waren sie dabei auf der Suche nach Hinweisen auf Interaktionen zwischen Löwen und Stachelschweinen. Außerdem führten sie im Rahmen ihrer Studie forensische Untersuchungen an Löwen durch, die von Stachel-Verletzungen betroffen waren.
Not und jugendlicher Leichtsinn
Unterm Strich dokumentierten die Forscher etwa 50 Fälle, in denen Löwen von Stachelschweinen verletzt oder sogar getötet wurden. Wie sie berichten, zeichneten sich in diesen Daten Muster ab. “Durch die Untersuchung von Löwen, die von Stachelschweinen verletzt wurden, konnten wir ein besseres Bild von den Bedingungen entwickeln, unter denen Löwen versuchen, Stachelschweine zu jagen, und was mit verletzten Löwen anschließend passiert”, erklärt Co-Autor Kerbis Peterhans.
Demnach scheinen vor allem die Löwen auf Stachelschweine als Nahrung zu setzen, die mit vergleichsweise kargen Bedingungen zurechtkommen müssen. Möglicherweise attackieren sie die gefährlichen Gegner, weil zu bestimmten Zeiten andere Beutetiere nicht zur Verfügung stehen. Aus den Fallanalysen ging zudem hervor, dass sich eher relativ junge Löwen an die bewaffneten Nager wagen. Außerdem sind die meisten von Stachelschweinen verletzten Löwen männlich, zeigten die Auswertungen.
Wie die Forscher berichten, reichen die Geschichten über Löwen, die durch Stachelschweine verletzt wurden, teils hunderte Jahre zurück. Bereits 1656 erwähnte etwa ein niederländischer Beamter in Kapstadt drei von Stachelschwein-Stacheln durchbohrte Löwen in seinem Tagebuch. In vielen Fällen zeichnet sich den Forschern zufolge ab, dass die Verletzungen es den Löwen schwer gemacht haben, zu jagen oder zu fressen. Einige wandten sich deshalb vergleichsweise leichter Beute zu wie Vieh – oder aber Menschen – die sie unter normalen Umständen meiden.





