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Der Gorongosa-Nationalpark: Vom Schlachtfeld zum Schutzgebiet
Im Gorongosa-Nationalpark leben Antilopen, Warzenschweine, Flusspferde, Paviane und Pangoline zusammen. Das lockt Touristen, aber auch Wilderer an. · Foto: Evgeny Makarov
Im Gorongosa-Nationalpark in Mosambik kämpfen Tierärzte und Ranger nicht nur gegen Wilderer, sondern für eine neue Idee von Umweltschutz. Der einstige Kriegsschauplatz gilt heute als Beispiel dafür, wie sich Natur schützen und Lebensgrundlagen sichern lassen.
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Text: Niklas Franzen, Fotos: Evgeny Makarov
Der Jeep bremst im kniehohen Savannengras. Tierarzt Elias Mubobo klettert auf die Ladefläche. Eine schwere Holzkiste steht dort, in ihr rappelt es. Mubobo entknotet ein Seil, klappt den Deckel auf. Ein prähistorisch anmutendes Wesen kriecht heraus: spitze Schnauze, langer Schwanz, schuppiger Körper. Ein Pangolin. Auf dessen Schuppen und Fleisch haben es viele abgesehen. Einige würden alles riskieren, um das Tier in die Finger zu bekommen. Gefängnis, sogar den Tod. Mubobo will das verhindern. Sein Job: Pangoline retten, aufpäppeln, auswildern. Vor einigen Monaten, erzählt er, hätten Ranger eine Gruppe verdächtiger Männer kontrolliert. In einem Sack: das Tier, nur wenige Wochen alt. Daneben die tote Mutter. Ivan haben sie das Junge getauft. Es soll bei ihnen bleiben, bis es alleine zurechtkommt.
Vorsichtig wickelt er Ivan in ein Wachstuch, schultert es und stapft los. Hinter ihm ein zweiter Mann in Uniform, ein altes Gewehr im Anschlag. Unruhig schweift sein Blick umher. Irgendwo knackt es im Gebüsch. Ein Löwe? Nein, nur ein Vogel, weiter geht’s. Hier draußen im Gorongosa-Nationalpark muss man wachsam sein.
Dieser liegt in Zentralmosambik, vier Autostunden von der Hafenstadt Beira entfernt. Noch vor wenigen Jahrzehnten pfiffen hier im Bürgerkrieg die Kugeln durchs Gestrüpp. Heute liegt auf dem einstigen Schlachtfeld eines der ambitioniertesten Naturschutzprojekte Mosambiks, vielleicht sogar des Kontinents. Der Park zeichnet sich durch eine außergewöhnliche Artenvielfalt aus und gilt als Vorbild dafür, wie sich Gemeinden erfolgreich in den Umweltschutz einbinden lassen.
„Doktor, hier drüben!“, ruft es plötzlich. Eine junge Rangerin steht unter einer alten Akazie. Mit einer Hacke hämmert sie in den Boden, immer wieder. Ameisen krabbeln aus den Ritzen, es müssen Hunderte sein. Mubobo lässt Ivan, den Pangolin, nach unten gleiten. Wie ein Staubsauger fährt seine spitze Nase über den Boden. Er schnauft und schnüffelt und zack, schießt die klebrige Zunge heraus und schleckt eine Portion Ameisen auf. Mubobo beobachtet das Tier genau, wirkt zufrieden.
Die meisten gefangenen Pangoline haben nicht so viel Glück. Sie enden in China und Vietnam. Ihr Fleisch wird in Luxusrestaurants serviert; die zu Pulver gemahlenen Schuppen gelten als Wundermittel gegen Krankheiten und böse Geister. Auf dem Schwarzmarkt bringt ein einziges Tier mehrere Tausend Dollar. Ein kleines Vermögen in Mosambik, einem der ärmsten Länder der Welt, das in einem langjährigen Bürgerkrieg verwüstet wurde und von den Folgen der Klimakrise gezeichnet ist, und in dem Ende 2024 nach Vorwürfen der Wahlmanipulation politische Konflikte im ganzen Land aufflammten. Der Pangolin soll nun die Lösung sein. Nicht das Tier selbst, sondern die Idee, dass es sich langfristig lohnt, die Tiere zu schützen. Dass es rentabel ist, wenn die sonderbaren Kreaturen durch den Park streifen und Touristen anlocken. Es ist so etwas wie die Philosophie von Gorongosa. Auch Mubobo glaubt daran.
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Die neue Zeitrechnung der Parks begann Mitte der 2000er Jahre mit einem Mann von der anderen Seite der Welt: Gregory Carr. Der US-Amerikaner hatte ein Vermögen mit Telefon- und Internetfirmen gemacht, suchte aber nach einem neuen Sinn. Er verkaufte seine Anteile und wandte sich der Menschenrechtsarbeit zu. Ein Hubschrauberflug über die Gorongosa-Region, so erzählt es Carr, habe alles verändert. Gorongosa ließ ihn nicht mehr los. 1960 als erster Nationalpark Mosambiks durch die damalige Kolonialmacht Portugal eingerichtet, hatte der Bürgerkrieg das einstige „Eden Afrikas“ in den 90er-Jahren zu vermintem Brachland gemacht. Von der reichen Tierwelt war kaum etwas geblieben, nur wenige Tiere hatten das Gemetzel überlebt. Den Park zu retten, wurde Carrs Lebensaufgabe.
Er gründete eine Stiftung, schloss ein Abkommen mit der Regierung. Sie beschlossen eine gemeinsame Verwaltung des Parks, Millionen flossen durch seine Stiftung. Mit dem Geld wurden Ranger eingestellt, die Fallen entschärften und Wilderer entwaffneten. Schon bald wurden Tiere aus anderen Schutzgebieten eingeflogen, um so zur natürlichen Erholung des Ökosystems beizutragen. Dann kamen die ersten Touristen.
Heute ist der Gorongosa-Nationalpark, der mit rund 4.000 Quadratmetern in etwa eineinhalbmal so groß ist wie das Saarland, eine grüne Oase aus weiten Savannen, Palmenwäldern und Fieberakazien. Antilopen und Warzenschweine ziehen durch die weiten Graslandschaften, Flusspferde baden in Tümpeln, während Pavianfamilien auf alten Mauern hocken und Störche durch das hohe Gras staksen. Wenn die Sonne untergeht, leuchtet der Park in warmen Farben. Afrika wie aus dem Reisekatalog.
Leben am Rand des Parks
Wenige Kilometer vom Hauptcamp Chitengo entfernt fließt der dunkelbraune Fluss Pungwe. Hier endet offiziell der Nationalpark, die Pufferzone beginnt. Ein Fährmann manövriert seine hölzerne Schaluppe mit einem langen Stock geschickt ans andere Ufer. Dort lebt Antônia Mussa in einer Lehmhütte am Fuß eines riesigen Mangobaums. Vor dem Haus pflanzt sie Bohnen, Maniok und Sesam an. Hühner gackern zwischen den Beeten. Mussa trägt geflochtene Haare und einen bunten Wickelrock. Ihr Dorf heißt Vinho – Wein.
Mussa erinnert sich daran, wie es früher war, an Elefanten, die nachts ins Dorf kamen, Felder zertrampelten, Maisvorräte plünderten, Menschen angriffen. Touristen bezahlen viel Geld, um die gigantischen Tiere in freier Wildbahn zu sehen. Hier aber bedeuten sie eine existenzielle Bedrohung. Viele Tiere sind von den großen Schlachten der Kriegsjahre traumatisiert. Dass die Bewohner heute ruhig schlafen können, ist auch Antônia Mussa zu verdanken.
Ihr Tag beginnt früh. Fast noch im Morgengrauen trommelt sie die anderen zusammen und macht sich auf den Weg an den Rand des Dorfes. Mussa koordiniert eine Gruppe von Bewohnern bei der Aufgabe, den Zaun rund um das Dorf instand zu halten. Er ist so etwas wie die Lebensversicherung der Siedlung.
Mit einer Zange dreht Mussa einen Draht fest, prüft die dort angebrachten Metallplatten, die bei Berührung klappern. „Die Reflexion des Lichts stört die Elefanten“, erklärt sie, „auch der Lärm verscheucht sie.“ Dann zeigt sie eine Holzbox. Bienen schwirren heraus. Doppelt praktisch: Elefanten fürchten die Bienen, und zugleich wird der Honig an den Park verkauft.
„Für uns lohnt es sich, die Biodiversität zu schützen“, sagt Mussa. Denn für den Tourismus ist eine intakte Natur zentral. Gorongosa wirbt damit, einer der letzten wirklich wilden Orte Afrikas zu sein. Schnell realisierten die Verantwortlichen des Parks, dass Umweltschutz nur funktioniert, wenn die rundherum lebenden Menschen aktiv einbezogen werden. Und dass die lokale Bevölkerung die Natur nicht zerstören wird, wenn sie andere Optionen hat.
Bildung statt Wilderei
Rund 200.000 Menschen leben in den umliegenden Dörfern. Die meisten Menschen sind arm. Die Region Gorongosa sah sich traditionell vom Zentralstaat vernachlässigt und kämpft bis heute mit Hunger. Die Verlockung, Antilopen und Warzenschweine als Nahrungsquelle zu jagen, ist groß.
Das weiß auch Tsuere Castro Buramo. Im Hauptcamp Chitengo schließt er die Tür eines Containers auf, der bis zur Decke vollgestopft ist: Drähte, Schlingen, Metallpfeiler. Buramo nimmt ein altes Gewehr heraus. „Hier kommen die Kugeln rein, und hier das Schwarzpulver.“ Eine selbst gebaute Waffe, beschlagnahmt im Park. „Die holt selbst Elefanten von den Beinen.“
Aufgewachsen ist Buramo ganz in der Nähe des Parks. Mithilfe der Carr-Stiftung schloss er die Schule ab. Heute ist er Chef von 260 Wildhütern. Er ist ein höflicher Mann mit eindringlichem Blick, der trotz seiner gigantischen Statur eine sanfte Stimme hat. Nicht ohne Stolz zeigt er, wie sein Team arbeitet: Computerüberwachung, GPS, Hubschrauber – die neueste Technologie. Und es gibt Informanten in den Dörfern sowie das Angebot, auf Wilderei zu verzichten, im Tausch für Jobs und Schulen. „Wir sprechen viel mit den Menschen, um keine Gewalt anwenden zu müssen.“ Doch das gelingt nicht immer.
Ein paar Tage später steht Buramo auf einer staubigen Piste am Rande eines Waldstücks. Buramo und zwei Kollegen tragen Ohrenschützer. Sie legen das Gewehr an. Ein Pfiff. Bum, bum, bum. Die Kugeln zerlöchern eine Zielscheibe. Halt! Sie laufen nach vorne, Schussanalyse. Der Chef hat gut getroffen. Mehrere Treffer im Bauchbereich. Auch ein Herztreffer.
Hier trainieren sie für den Ernstfall. Für Situationen wie im Dezember 2023. Kollegen Buramos erhielten einen Funkspruch: Wilderer unterwegs. Als sie die Männer aufspürten, eröffneten diese das Feuer. Ein Schusswechsel folgte, mehrere Minuten lang. Am Ende waren zwei Ranger tot. Deshalb, sagt Buramo, müsse man sich vorbereiten wie für einen Kriegseinsatz.
Und die Erfolge sprächen für sich. Die Wilderei sei deutlich zurückgegangen, sagt Buramo. Ein Blick auf die Tierbestände macht Gorongosa tatsächlich zu einer Erfolgsgeschichte. Heute leben dort mehr als 100.000 große Tiere, überwiegend Pflanzenfresser wie Antilopen und Wasserböcke, aber auch Löwen, Hyänen und Leoparden. Einige Arten haben ihre Bestände aus Vorkriegszeiten inzwischen sogar übertroffen.
Win-win statt Konkurrenz
Parkdirektor Pedro Muagura erinnert sich gut an seinen ersten Eindruck, als er von den Plänen für Gorongosa hörte: Wieder so ein Naturschutzprojekt, unzählige gab es schon in Afrika. Doch als er verstand, worum es wirklich ging, war er dabei. „Der Park ist stark auf die Gemeinschaften ausgerichtet.“
Muagura wuchs als Sohn eines traditionellen Chiefs auf, brachte sich selbst alles über Gräser und Bäume bei, studierte in Finnland. Heute leitet er den Park. Ein Pin des Parks funkelt am Revers, die Uniform sitzt perfekt. Er ist überzeugt von der Idee des Parks. „Unser Ziel ist, dass die Menschen hier eines Tages selbst für sich sorgen können – ohne mit Natur und Tieren zu konkurrieren.“
Dafür gebe es zahlreiche Projekte: Fischzucht, Honigproduktion und vor allem den Kaffeeanbau in den Bergen, die zu einem großen Teil in den Grenzen des Parks liegen. Dort wiegen Bauern die Bohnen in Säcken ab. Was einst gerodetes Land war, ist heute dichter Wald. Denn Kaffee wird unter Bäumen angebaut, die Schatten spenden. Ein Anreiz für die Bauern, die Wälder zu erhalten und neue Bäume zu pflanzen. Sprösslinge liefert der Park. „Win-win“, meint Muagura.
Umdenken
Ein paar Tage später sitzt der Tierarzt Elias Mubobo wieder in einem Jeep und holpert über eine bucklige Piste. In der Hand hält er ein Gerät mit einer langen Antenne, einen GPS-Empfänger. „Sie sind ganz in der Nähe“, murmelt er. Mit „sie“ meint er ein Rudel Afrikanischer Wildhunde. Umweltschützer bevorzugen den wissenschaftlichen Namen Lycaon pictus, „bunter Wolf“.
Es geht immer weiter durch ein Waldstück. Zielsicher durch die Landschaft, über Straßen, wo das normale Auge nur Gestrüpp sieht. Äste knacken unter dem Gewicht des Wagens. Plötzlich ruft Mubobo: „Dort drüben!“ Im Unterholz sieht man das gepunktete Fell der Tiere, Mubobo grinst.
Wenn Mubobo über seine Lieblingstiere spricht, taut der sonst so ruhige Mann auf. Während des Bürgerkriegs wurden die Afrikanischen Wildhunde Gorongosas nahezu ausgerottet. Die Tiere gelten laut der Internationalen Union zur Bewahrung der Natur (IUCN) als stark vom Aussterben bedroht. Experten hatten lange Zeit vorhergesagt, dass die Art bald verschwinden würde.
Mit ihren großen Ohren und ihrem verspielten Welpenverhalten sind Wildhunde bei Naturschützern beliebt. Doch von vielen Dorfbewohnern werden sie verabscheut. Farmer begannen, die Tiere gezielt auszurotten. Sie gelten vielen bis heute als blutrünstige Bestien, Kindermörder, Schädlinge. Das liegt vor allem an ihrem Jagdstil: Hetzjagden im Rudel, bei denen sie ihrer bevorzugten Beute – Antilopen – Stücke aus dem Fleisch reißen. Die Beutetiere werden stark zerlegt und bis zur Unkenntlichkeit auseinandergerissen. Die Jagd ist tatsächlich heftig, unterscheidet sich aber kaum von der anderer Fleischfresser. „Indem sie Pflanzenfresser essen, regulieren sie das ökologische Gleichgewicht“, erklärt Mubobo. Auch der Mythos, Wildhunde seien Kannibalen, ist widerlegt. In Wahrheit sind sie überaus sozial, ergänzt er.
„Sie sind unglaublich organisiert. Jedes Individuum kennt seine Aufgabe, besonders während der Jagd“, sagt Mubobo. Hin und wieder komme es zu Territorialkonflikten zwischen den Rudeln, doch die Gebiete seien weitgehend aufgeteilt. Mittlerweile gebe es wieder rund 250 Tiere im Park.
Auf einer Lichtung hält der Jeep. Mubobo und einige Kollegen steigen aus. Wieder wird ein Gewehr mitgeführt, man muss vorsichtig sein. „Sie mögen es nicht, wenn sich Fremde ihrem Zuhause nähern.“ Mehrere Erdlöcher sind im Boden, Fellreste und Knochen liegen herum, der Geruch von Fleisch hängt in der Luft. Wenn man genau hinhört, kann man das Fiepen der Welpen hören, die im Bau verborgen sind. Die erwachsenen Tiere sind gerade auf der Jagd, erklärt Mubobo. Nach etwa drei Monaten verlassen die Jungen den Bau. Er demontiert eine grüne Kamerafalle, befestigt eine neue am Baum – exakt auf die Eingänge der Baue ausgerichtet – und tauscht SD-Karten und Batterien aus.
Später sitzt Mubobo in einem kleinen Büro und wertet die Bilder aus. Stundenlang sitzt er vor dem Computer und durchsucht die Aufnahmen. Löwen reißen häufig Wildhunde, sagt er. Doch ihr größter Feind sei immer noch der Mensch. Mubobo besucht regelmäßig die umliegenden Gemeinden, gibt Vorträge, spricht mit den Bewohnern. Denn der beste Weg, Tiere zu schützen, so Mubobo, bleibe, das Denken und das Verhalten der Menschen zu verändern. //
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