Seit 2021 hat sich das Vogelgrippevirus H5N1 von Asien aus weltweit ausgebreitet. Dabei hat es auch einige der entlegensten Orte erreicht, darunter die überwiegend abgeschotteten Wildtierpopulationen in der Antarktis. Seither werden offenbar immer mehr Teile der Antarktis von dem aggressiven Stamm dieses Influenza-Virus heimgesucht: Im Oktober 2023 wiesen Forschende diese H5N1-Variante erstmals in erkrankten Skuas (Raubmöwen) im Südatlantik nach, damals auf der subantarktischen Insel Südgeorgien. Vermutlich wurde der Erreger durch Zugvögel aus Südamerika dorthin eingeschleppt. Kurz darauf, im Februar 2024, stellten sie auch grippekranke Vögel auf James Ross Island fest. Diese Insel liegt viel weiter südlich und nahe am Festland der Antarktis.

Ungewöhnlich viele tote Vögel auf King George Island
Ein Team um Christina Braun von der Universität Jena hat nun weitere Vogelbestände in der Antarktis auf das Virus hin untersucht. Ihr Langzeit-Monitoring umfasst ein 35 Quadratkilometer großes Gebiet rund um eine Forschungsstation auf der Fildes-Halbinsel auf King George Island, unweit vom antarktischen Festland. Beobachtet werden dort regelmäßig 14 Brutvogelarten, darunter Zügel-, Adélie- und Eselspinguine sowie Skuas und Riesensturmvögel.
Bei ihrer jüngsten Expedition im Januar und Februar 2025 fanden die Forschenden nun erstmals auch dort H5N1-Viren in Proben von infizierten Vögeln. Insgesamt beobachteten Braun und ihre Kollegen 52 tote Tiere innerhalb der kurzen Brutsaison 2025, mehrheitlich Skuas. Normalerweise finden sie in diesem Zeitraum nur wenige tote Tiere, wie sie erklären. Das legt nahe, dass dort derzeit eine hochpathogene Variante von H5N1 kursiert.
Breitet sich H5N1 weiter aus?
Das Forschungsteam befürchtet, dass sich dieses Virus weiter in dem Brutgebiet der Antarktis ausbreiten wird. Vorteilhaft für den Erreger ist dabei, dass die Vögel dort oft auf sehr kleinem und beengtem Gebiet brüten. Weil nur etwa zwei Prozent der antarktischen Fläche eisfrei sind, tummeln sich die Vögel alle in derselben Region. „Außerdem brüten die antarktischen Vögel typischerweise in Kolonien. Deshalb ist die Ansteckungsgefahr sehr groß“, erklärt Markus Bernhardt-Römermann von der Universität Jena.
Ein weiteres Problem: Anders als eine Grippe bei Menschen ist der aktuelle Stamm der Vogelgrippe bei Wildvögeln zu fast 100 Prozent tödlich. Wenn also eine solche Kolonie mit dem H5N1-Virus infiziert wird und dabei die meisten Tiere sterben, kann das schwere Folgen für die gesamte Population haben. „Ist die Mortalitätsrate sehr hoch, kann es sein, dass die Population komplett zusammenbricht“, so Bernhardt-Römermann.
Wie andernorts besteht auch in der Antarktis zudem immer die Gefahr, dass das Virus auf Säugetiere übertragen wird und auch in diesen Populationen schwere bis tödliche Krankheitswellen verursacht. In Chile, Peru und Argentinien sprang H5N1 zum Beispiel von Wildvögeln auf Robben, Seelöwen und Seeelefanten über und führte 2023 zu einem Massensterben an den dortigen Küsten. „Einzelne Infektionen bei Menschen nach direktem Kontakt mit infizierten Vögeln sind ebenfalls dokumentiert,“ sagt Braun. Ihr Team trug daher Schutzkleidung. Bislang gibt es allerdings keine Anzeichen dafür, dass Vogelgrippe von Mensch zu Mensch weitergegeben werden kann. Wer sich infiziert, entwickelt zudem meist nur eine vorübergehende Atemwegserkrankung.
Vögel in der Antarktis reagieren auch auf den Klimawandel
Neben der Vogelgrippe beobachtete das Team auf King George Island einen weiteren besorgniserregenden Trend: „Die Artenzusammensetzung verschiebt sich rasant“, erklären die Forschenden und machen dafür den Klimawandel verantwortlich. So sind zum Beispiel die Kapsturmvögel, die noch vor wenigen Jahren zu Hunderten auf der Insel brüteten, dort inzwischen komplett verschwunden. Ebenfalls stark geschrumpft sind die Populationen der Adélie- und Zügelpinguine. Eine Zunahme verzeichneten die Forschenden hingegen bei den Riesensturmvögeln und den Eselspinguinen. Beide Vogelarten bevorzugten bislang eher subantarktische, wärmere Regionen. Doch mit dem Klimawandel scheinen sie sich weiter Richtung Festland vorzuwagen.
Ob sich die Vogelgrippe tatsächlich weiter ausbreitet und wie sich diese und die klimatische Erwärmung langfristig auf die antarktische Tierwelt auswirken, werden die Forschenden um Braun ab November in ihrer nächsten Antarktis-Expedition erforschen.
Quelle: Friedrich-Schiller-Universität Jena





