Text: Rolf Heßbrügge
Ein Markt in Marokkos Hauptstadt Rabat: reges Treiben, lautes Stimmengewirr. Etwas abseits, im Schatten einer weiß getünchten Mauer, preist ein Händler wort- und gestenreich seine Ware an: Stieglitze. In engen, selbst gezimmerten Holzverschlägen hocken die Vögel auf schmalen Stangen und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Der bunt gefiederte Stieglitz (Carduelis carduelis), hierzulande auch Distelfink genannt, kommt in Nordafrika als Standvogel (Nicht-Zugvogel) im baumreichen Offenland, aber auch in Städten vor und wird von skrupellosen Geschäftemachern mit großen Netzen eingefangen. In der prallen Sonne Nordafrikas können die Tiere in den Maschen schnell verenden. Die überlebenden Stieglitze landen auf Märkten wie diesem, wo sie teuer gehandelt werden. Der Preis für einen Stieglitz beträgt rund 30 Prozent eines durchschnittlichen marokkanischen Monatsgehalts, schließlich gelten die Vögel in Nordafrika als Statussymbole. Vogelhaltung hat in Marokko, aber auch in Algerien und Tunesien eine jahrhundertelange Tradition. Seit den 1990er Jahren ist der Stieglitz mit seinen fröhlichen „Stieglit, Stieglit“-Lauten das Mode-Haustier. Die Folgen sind dramatisch: In fast 60 Prozent ihrer ursprünglichen Verbreitungsgebiete im westlichen Maghreb ist diese Spezies heute nicht mehr anzutreffen.





