Text: Oliver Abraham
In diesen alten Baumbeständen vermute ich schon länger historische Obstsorten“, sagt Volker Knipp und geht hinunter in das Tal des Hemeckebaches. Der Baumschulgärtner ist Pomologe – Experte für Obstbaumkunde und Projektleiter beim Naturschutzzentrum Märkischer Kreis (NRW). Knipp ist auf der Suche nach alten Obstbäumen. Nach alten Sorten. Nach neuen Funden. Er weiß, es gibt sie noch: bereits verloren scheinende Äpfel und Birnen, in Vergessenheit geratene Pflaumen, lange übersehene Kirschen. Sie sind noch da. Irgendwo. „Wenn wir historische Obstsorten nicht aufspüren und ihren Erhalt sichern, wenn wir sie nicht retten, dann ist eine wertvolle Genreserve, eine Option auf die Zukunft, für immer verloren“, mahnt Knipp. Denn weg ist eben weg. Doch Menschen wie Volker Knipp spüren viele solcher Sorten vorher auf.
Zum Beispiel die „Plettenberger Herrenbirne“. Diesen Birnbaum hat er hier im Umland von Lüdenscheid entdeckt. „Das war in dieser Gegend früher ein traditioneller Birnbaum und heute ist er selten, fast verschwunden“, sagt Volker Knipp. „Ich habe diese Birne nahe einer alten Hofstelle wiedergefunden“, berichtet er und erklärt, dass jedes Dorf, jeder Hof, jedes kleine Gehöft hier früher einen Garten hatte, in dem auch Obstbäume standen. Das sei damals alles so kleinteilig und speziell gewesen, dass manche Sorte sogar nur an einem einzigen Ort vorkam.
Viele alte Bäume sind noch da
Auch wenn manche Hofstelle, mancher Bauerngarten längst nicht mehr existiert – die Obstbäume gibt es oft noch. Denn sie wachsen weiter, verwildern, säen sich aus. Es gibt hier noch eine Menge alter, knorriger Obstbäume zu entdecken, ist Volker Knipp überzeugt. Seit mehr als 20 Jahren widmet er sich den historischen Obstsorten und weiß, wo man nach ihnen suchen muss.
Jetzt steuert er auf einen schönen Bauernhof zu, der noch bewirtschaftet ist und einen hübschen Garten hat. Doch schon neben dem Feldweg stehen einige alte Obstbäume. „Dieser Baum hier“, sagt Knipp und zeigt auf einen knorrigen Apfelbaum, „das ist ,Stahls Winterprinz‘.“ Funde von solch alten Bäumen werden zur Begutachtung an spezielle Apfelexperten weitergegeben, zur Bestätigung der Sorte.
Natürlich hat Volker Knipp auch Obst zum Probieren dabei, zum Beispiel den ,Verwechsler des Roten Fresquin‘, so der Arbeitsname. Das ist ein guter Lagerapfel, herb-süß, als Cidre-Apfel fast ein wenig bitter. Ein anderer Mitgebrachter heißt ,Verwechsler des Roten Böhmischen Jungfernapfel‘, ebenfalls ein Arbeitsname. Alles, was er und seine Mitstreiter finden und nicht sicher bestimmen können, bekommt einen vorläufigen Arbeitsnamen.
Volker Knipp ist viel unterwegs: „Ich bin neugierig, interessante Bäume fallen mir auf, die erkenne ich zwischen allen anderen in der Landschaft.“ Aber nie geht er ungefragt auf Privatgelände. Die Besitzer müssen vorher ausfindig gemacht werden, betont er, „und dann spreche ich die Leute darauf an, komme mit Anwohnern ins Gespräch.“ Auch an wenig befahrenen Straßen und alten, abseits gelegenen Wegen schaut Knipp genauer hin, findet übrig gebliebene Obstbäume.





