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Unterwegs im lettischen Moor
Sümpfe und Moore als Urlaubsziel? In Lettland werden Feuchtgebiete als touristische Attraktionen angepriesen. Wie lassen sie sich erkunden – und ist das nachhaltig? Eine Reise in den Nationalpark Ķemeri.
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Bloß nicht vom Weg abkommen, keinen falschen Schritt tun. Das geht mir durch den Kopf, während ich Agnese Balandina von der lettischen Naturschutzbehörde durchs Moor folge. Feste Schritte auf Holzbohlen, hoffentlich festen Holzbohlen. Wir sind im Nationalpark Ķemeri in Lettland unterwegs, auf einem Wanderweg im Großen Hochmoor.
„Wenn wir den Holzsteg verlassen, versinken wir dann?“, frage ich wohl etwas zu hysterisch. Balandina lacht, „das Moor zeigt an, wo es begehbar ist und wo nicht.“ Ist das so? Ich sehe schlicht moosige Böden so weit das Auge reicht. „Da, wo weder Heidekraut noch Moorkiefern wachsen, bekämen wir wohl nasse Füße“, sagt Balandina. Das Hochmoor sei wie ein riesiger Schwamm: entstanden über etwa 10.000 Jahre hinweg durch andauernden Wasserüberschuss im Boden; Pflanzenreste wurden zu einer meterdicken Torfschicht. „Dass Moore einfach alles und jeden verschlucken, ist Quatsch.“
Das Moor – dunkel und gefährlich?
In mir sitzt diese Vorstellung aber offenbar tief. Als mir bei der Touristeninfo in Lettlands Hauptstadt Riga zum ersten Mal eine Broschüre in die Hände fällt, die Moore und Sümpfe als hübsche Reiseziele anpreist, stutze ich. Romantischer Sonnenaufgang im Sumpf, echt? Meine Assoziationen sind eher düster. Nebelschwaden, schaurige Moorleichen und eine der erschütterndsten Filmszenen meiner Kindheit: In „Die Unendliche Geschichte“ versinkt das Pferd des Helden im Sumpf.
Dennoch strahlen Moore eine Faszination aus und ihr Image hat sich zudem in letzter Zeit aufgrund der nachgewiesenen Bedeutung für unser Klima weiter zum Positiven verändert. Sie speichern CO2, und zwar jede Menge: Die Moore der Welt binden rund ein Drittel des terrestrischen Kohlenstoffs. Ihr Schutz steht daher auch auf der politischen Agenda; in Deutschland hat das Kabinett im Jahr 2022 die sogenannte Nationale Moorschutzstrategie beschlossen, die unter anderem intakte Moore schützen soll und die Wiedervernässung von entwässerten Mooren vorsieht. Dennoch werden in Mooren weiterhin große Mengen Torf abgebaut, der wegen seiner Struktur und seinem pH-Wert häufig als Blumenerde verwendet wird. Aber all das macht Moore doch nicht zu reizvollen Urlaubszielen, denke ich mir. Im Gegenteil: Sollten wir sie nicht in Ruhe lassen?
Mehr Tourismus in den Balten
In Lettland ist Moor-Tourismus ein Ding. „Wir werben mit der Unberührtheit und Stille der Natur. Gerade Menschen aus Großstädten sehnen sich danach“, sagt Linda Ziediņa-Ērgle. Sie ist stellvertretende Direktorin des Tourismusdepartments der staatlichen Investitions- und Entwicklungsagentur (LIAA). Ich treffe sie in Riga ein paar Tage vor meiner Fahrt ins Moor. Viele Westeuropäer hätten die baltischen Staaten noch nicht als Reiseziel auf dem Schirm, sagt Ziediņa-Ērgle. Das wolle sie ändern. Etwa 5 bis 10 Prozent der lettischen Landesfläche – die ungefähr der Größe von Bayern entspricht – sind Moor- und Sumpfgebiet, teilweise für Torfabbau genutzt, teilweise geschützt. Ziediņa-Ērgle sagt stolz: „Bei uns gibt es noch Moore, die nie vom Menschen angerührt wurden.“
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Die LIAA hat auf ihrer Website eine Übersicht zu „Mooren, die einen Besuch wert sind“. Ich entscheide mich für das Große Moor Ķemeri. Es liegt an der Küste des Golfs von Riga, weniger als eine Autostunde von der Hauptstadt entfernt, und ist mit rund 6.000 Hektar eines der größten Hochmoore in Lettland.
Stand-up-Paddling im Sumpf
Meine Reise beginnt schon frühmorgens um 3:10 Uhr auf einem kleinen Parkplatz in Riga. Dinars, ein Mitarbeiter des Tourveranstalters Advaita Adventures, holt mich und ein paar weitere Frühaufsteher ab; wir sind angetreten für eine morgendliche Stand-up-Paddling-Tour im Sumpf. Richtig gelesen, Stand-up-Paddling. In meinem Kopf sah das bisher so aus: Man steht entspannt auf einem Surfbrett, paddelt bei Sonnenschein über einen See, springt zwischendurch ins Wasser und schlürft Limo am Ufer. Ich ahne, im lettischen Sumpf könnte es – nun ja – anders werden.
Im Auto döse ich erst, aber schon bald wird die Fahrt ruckeliger, der Wagen schaukelt über einen unbefestigten Weg. Im Scheinwerferlicht: Schilf, weiße Birkenstämme, Nebel. Könnte die Kulisse eines Thrillers sein, und jemand hat es mit der Nebelmaschine übertrieben. Mitten im Nirgendwo halten wir an. Kein Handyempfang. Dinars steigt aus, schweigsam und mit Taschenlampe ausgerüstet. Im Thriller würde er jetzt die Leiche vom Anhänger holen, um sie im Sumpf zu versenken – hier sind es zum Glück nur Surfbretter und Kanus. Inzwischen ist es 4 Uhr. Ein Kuckuck ruft, in der Ferne schnattern Gänse. Im ersten Licht der Dämmerung sehe ich links neben dem Auto Wasser. Dunstnebel liegt über der spiegelglatten Oberfläche. Das ist er, der Sumpf von Ķemeri. Moor und Sumpf sind beides Feuchtgebiete, so viel habe ich mir ergoogelt, als ich noch Handyempfang hatte. Anders als im Moor, bildet sich im Sumpf jedoch kein Torf, Sümpfe haben schlammige Böden mit stehendem Wasser. Die Luft ist frisch und feucht, kein modriger Geruch, wie ich erwartet habe. Es ist ein kalter Morgen mit sieben Grad. Ich fröstele. Dabei trage ich Handschuhe und zwei Jacken. Die nasse Kälte kriecht durch alles hindurch, auch meine Wollsocken.
Sonnenaufgang im Moor erleben
Nach und nach kommen die anderen Teilnehmenden an, an diesem Morgen sind wir rund 30 Abenteuerlustige, die auf SUP-Boards und in Kanus den Sonnenaufgang im Sumpf erleben wollen. 4:45 Uhr, wir paddeln los. Mein Smartphone ist in Plastik eingepackt, die Spiegelreflexkamera sicher im Auto geblieben, zusammen mit Wechselklamotten. Für den Fall, dass ich im Sumpf lande. Die Umgebung ist unwirklich, mystisch. Ich umfahre Schilf und Grasbüschel, daran Spinnennetze mit Tautropfen. Es ist neblig, die Sichtweite reicht nur wenige Meter. Sobald ich knapp hinter der Gruppe zurückfalle, ist es, als sei ich allein im Sumpf. Ich höre die Stimmen von Wasservögeln und meinen eigenen Atem. Und die Geräusche der Paddel im Wasser.
Zunächst paddele ich im Knien, meine Hose wird nass. Dann traue ich mich, aufzustehen. Das Brett fühlt sich stabil an. Sich im Stehen fortzubewegen und dabei die Arme statt der Beine die Arbeit machen zu lassen, kommt einem komisch vor, funktioniert aber erstaunlich gut. Ich frage Dinars, wie oft Leute vom Board fallen. Er schätzt: „Vielleicht 1 Prozent der Teilnehmer.“ Aber das sei nicht so schlimm, denn das Wasser ist nur einen Meter tief. Dinars begleitet die Tour regelmäßig seit sechs Jahren. „Handys landen öfter im Wasser.“ Auch ihm selbst sei über die Zeit hinweg einiges in den Sumpf gefallen. „Sechs Smartphones und zwei Drohnen“, resümiert er.
Mein Zeit- und Raumgefühl verschwimmt, hier mit nassen Knien im Nebel, gleichmäßig paddelnd. Doch das Licht verändert sich fast minütlich. Die Sonne geht auf, ein schemenhafter Kreis im Dunst. Wir halten an, alle holen ihre Handys zum Fotografieren raus. Als könnten wir so das Unwirkliche dieses Moments wirklicher machen – oder zumindest festhalten. Es ist eine spektakuläre Naturerfahrung. Allerdings ohne Informationen zu Flora, Fauna oder Geschichte des Sumpfes. Dinars kennt den Weg und achtet auf Sicherheit, aber mehr nicht. Später wird mir Agnese Balandina von der lettischen Naturschutzbehörde erzählen, dass sie das gerne ändern wollen. Dass die Behörde künftig stärker mit den Veranstaltern im Nationalpark kooperieren und Naturguides auf die Touren mitschicken will. Irgendwann siegt die Sonne und der Nebel lichtet sich. Wir kehren um, es ist 6 Uhr. Hinter mir macht es Platsch. Es ist doch noch passiert: Ein älterer Herr ist das eine Prozent – er nimmt es mit Humor.
Ķemeri: Ein vergessener Kurort
Dinars fährt einige der Teilnehmenden im Auto zurück nach Riga, mich setzt er an der Straße ab, die nach Ķemeri führt, den Ort, dem der Nationalpark seinen Namen verdankt. Nach einer Stunde zu Fuß komme ich an. Das Dorf ist klein, hat ungefähr 2.000 Einwohner. Niedliche Holzhäuser, ein Bahnhof, ein Supermarkt, eine Pizzeria, fünf Kirchen. Einst war Ķemeri ein beliebter Kurort mit luxuriösem Hotel und Thermen. Gegründet wurde das Dorf 1838, nachdem man hier schwefelhaltige Mineral- und Heilschlammvorkommen entdeckt hatte. Im 19. und 20. Jahrhundert zog es wohlhabende Leute aus ganz Europa zu Kuraufenthalten her, besonders in Zeiten der sowjetischen Besatzung. Seit Lettlands Unabhängigkeit vor fast 35 Jahren sind das große Hotelanwesen und die Bäder jedoch geschlossen – und eine Wiedereröffnung nicht absehbar.
Im restaurierten Park vor dem einstigen Kurhotel laden allerdings Wege und Brücken zum Spazieren und Bänke zum Verweilen ein. Ich setze mich an einen Bach neben einen Pavillon, der eine Schwefelquelle beherbergt. Eine Familie auf Rädern kommt vorbei, das Kind fasst ins Bachwasser, ekelt sich sichtbar, sagt etwas auf Lettisch, das ich auch ohne Sprachkenntnisse verstehe: „Das stinkt!“ Ein paar Meter weiter steht ein rot-weißer Wasserturm, mit einer kleinen Ausstellung über die Geschichte des Ortes. Ich erklimme die 192 Stufen bis zur Aussichtsplattform auf dem Dach – und überblicke von hier, in 42 Metern Höhe, nicht nur den Ort, sondern den gesamten Nationalpark bis zur Ostsee. Grün, so weit das Auge reicht.
Rundgang durch den Nationalpark
Am nächsten Morgen bin ich verabredet mit Agnese Balandina. Sie arbeitet seit 2008 für die staatliche Nature Conservation Agency in Lettland und wird mich durchs Hochmoor führen. An der Infotafel am Parkplatz zum Wanderweg erklärt sie Eckdaten: Der Ķemeri Nationalpark wurde 1997 gegründet, das Moor macht fast ein Fünftel seiner etwa 36.200 Hektar aus. „Der Aussichtsturm im Hochmoor ist der wahrscheinlich beliebteste Platz in ganz Lettland, um den Sonnenaufgang anzuschauen“, sagt sie. Man müsse morgens sogar oft am Turm Schlange stehen. „Manche Leute übernachten hier in Hängematten, um die Ersten zu sein.“ Als sei das Moor das neue iPhone, für das man vorm Shop campt, oder die erste Reihe eines Taylor-Swift-Konzertes.
Es ist 10 Uhr, der Parkplatz so gut wie leer und kaum ein Mensch unterwegs. Der morgendliche Ansturm ist wohl vorbei. Wir wandern den beliebtesten Weg im Nationalpark, den „Ķemeri Bog Trail“, einen 3,4 Kilometer langen Holzsteg, der als Rundweg durch das Hochmoor führt. Oder zumindest einen kleinen Teil davon. „Maximal 10 Prozent des Moores sind zugänglich, über Wege oder mit dem Kanu“, sagt Balandina. Der Rest sei streng geschützt und dürfe nicht betreten werden. Für den Bretterweg braucht es weder Gummistiefel noch sonstige Ausrüstung. Wem das zu langweilig sei, für den bieten Tourveranstalter im Nationalpark Wanderungen in Moorschuhen an, erzählt Balandina. Tennisschlägerförmige Hilfsmittel – wie breite, löchrige Skier – werden dabei um die Schuhe geschnallt, um Einsinken zu verhindern. „Der Moorboden wird dabei nicht beschädigt“, sagt Balandina. Ihre Behörde prüfe vor Genehmigung alle Aktivitäten im Park streng.
Pflanzenvielfalt und Vogelparadies in Lettland
Nach einem kurzen Stück im Wald lichtet sich die Vegetation, wir betreten Holzbohlen. Ein Zählgerät erfasse automatisch jeden Besucher, sagt Balandina. Derzeit kämen sie auf rund 100.000 pro Jahr. Es geht eine sanfte Brise, der Himmel ist bedeckt. Zum Glück. Denn nichts hier würde vor starkem Wind oder Sonne schützen; das Moor ist eine weite, moosbewachsene Fläche, durchsetzt mit dunklen Teichen. Heidekrautsträucher, Krähenbeeren, Blau-, Moos- und Moltebeeren. Nur wenige Bäume wachsen hier, kleine Moorkiefern und dünne Birken. „Die Bäume sind alt, bleiben aber alle im Miniaturformat, weil der Boden so nass und säurehaltig ist“, sagt Balandina. Die Flora und Fauna im Moor sei „nicht sehr divers, aber sehr spezifisch“, sagt Balandina. Sie zeigt mir etwas am Wegesrand: „Drosera“, sagt sie, zu Deutsch: Sonnentau, und deutet auf eine winzige rötliche Pflanze. „Die ist ein Fleischfresser“, erklärt sie. Die klebrigen Tröpfchen an ihren Blättern locken Insekten an.
Am liebsten kommt Balandina jedoch auf Vögel zu sprechen. Im Moor leben etwa Bruchwasserläufer, Bachstelzen, Kraniche. Der Nationalpark ist auch Heimat mehrerer bedrohter Arten, etwa für Schwarzstörche und Schreiadler. „Ich habe immer schon Vögel geliebt“, sagt Balandina. Im Ķemeri-Moor sei sie zum ersten Mal 1999 gewesen – für ein Vogelmonitoring. „Wir sind in Gummistiefeln mittendurch, es gab noch keinen Weg.“
Urlaub im Sumpf
In den vergangenen Jahrzehnten hat sich hier viel verändert. Seit 2000 führt der Holzsteg durchs Moor, zuletzt kommen stetig mehr Touristen. Was hält sie davon, und wie gut ist das für das Moor? Solange es nur einen kleinen Teil des Moores betreffe, findet Balandina es gut. „Früher galten Moore als Furcht einflößende Orte, die man meiden sollte. Mittlerweile hat sich die Wahrnehmung gedreht. Auch dank der Infrastruktur.“ Die Menschen könnten Beeren pflücken, in Moorseen schwimmen oder den Sonnenaufgang genießen. So würden Gruselmärchen durch die Realität und sinnliche Erfahrungen ersetzt. „Das Moor wird zum Lieblingsplatz.“ Wenn die Menschen das Moor lieben lernen, seien sie auch eher bereit, es zu schützen.
Nach etwa anderthalb Kilometern erreichen wir den hölzernen Aussichtsturm. Keine Schlange an der Treppe. Von oben lässt sich das Moor überblicken, es liegt da wie ein grünlich-brauner Teppich mit dunklen Wasserflecken. Wo es endet, fängt Wald an. Bei Sonnenaufgang ist das bestimmt beeindruckend, denke ich, aber das frühe Aufstehen und der Andrang schrecken mich ab. Da hat Balandina die Lösung parat: „Sonnenuntergang!“ Ein paar Schritte hinter dem Turm zeigt sie ihren Geheimtipp, die „Sunset Lounge“, und lacht selbst über den Ausdruck. „So nenne ich diese zwei Holzstühle.“ Die seien der beste Platz für den Sonnenuntergang im Moor. Ich sitze Probe. Ja, doch. Könnte ich mir beim nächsten Besuch glatt reservieren. Einfach ein paar Stunden hier sitzen, den Kranichen lauschen und warten, bis die Sonne untergeht. Fühlt sich wie Urlaub an, und das mitten im Moor. //
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