Sie und Ihre Kollegen haben ein Szenario für das Jahr 2040 entworfen. Sie legen dar, wie der Klimawandel unseren Alltag prägen und was er dem Staat abverlangen wird. Wieso 2040?
Wir hatten zwei Überlegungen: Für klimatische Trends sind dreißig Jahre ein sinnvoller Zeitraum. Sie lassen sich ganz gut berechnen. Und was gesellschaftliche Entwicklungen angeht, da können wir annehmen, dass sich bis 2040 wenig Grundlegendes ändert: Deutschland wird voraussichtlich weiter eine Demokratie mit einer Marktwirtschaft und relativ stabilen Institutionen sein. Man kann auch einigermaßen absehen, wie sich die Bevölkerung entwickelt. Während schon Schätzungen des Staatshaushaltes unsicher sind. Letztlich erschien uns eine Prognose für 2040 als guter Kompromiss.
An der Studie haben Soziologen und Klimaforscher gemeinsam gearbeitet. Aber ist solch eine Prognose nicht ausgesprochen komplex und gewagt?
Ja, man muss extrem viele Wechselwirkungen beachten. Nehmen wir die Entwicklung des Tourismus’ an der Ostsee. Man kann nicht einfach sagen: Wenn die Temperaturen in Deutschland um weitere 1,2 Grad Celsius steigen – zu den 0,8 Grad, die wir schon haben –, dann werden mehr Menschen ihren Urlaub an der See verbringen. Denn zugleich steigt auch das Risiko von Blaualgen, was zur Sperrung von Strandabschnitten führt. Voraussagen sind also kompliziert. Unsere generelle These ist daher: Der klimatische Wandel bringt nicht diese oder jene Folge mit sich. Vieles hängt von heutigen Entscheidungen ab und davon, wie sich die Gesellschaft auf den Wandel einstellt. Je nachdem, welche Vorsorge wir treffen, kann ein und dasselbe klimatische Ereignis später sehr unterschiedliche Auswirkungen nach sich ziehen.
Als Soziologe haben Sie untersucht, worauf sich Bevölkerung, Politik und Institutionen vorbereiten sollten. Sind denn überhaupt alle gleichermaßen vom Klimawandel betroffen?
Nein, es werden vor allem sozial schwache Menschen sein, die unter Extremwetter leiden. Sie leben in ärmeren Stadtteilen, wo die Häuser schlechter gedämmt sind, wo es weniger Klimaanlagen gibt und mehr Personen in einem Haushalt leben. Wichtige Naherholungsanlagen sind dort außerdem meist weiter weg. Man kann sagen: Je ungleicher eine Gesellschaft ist, desto weniger widerstandsfähig ist sie gegenüber dem Klimawandel. Die Ungleichheit wird dann zu einem Problem.
Wird es nicht auch mehr alte Menschen geben?
Die Gesellschaft wird im Schnitt älter und insgesamt kleiner sein. Aktuell leben in Deutschland mehr als 81 Millionen Menschen. Bis 2040 dürfte die Einwohnerzahl – je nach Modell – auf 43 bis 76 Millionen sinken. Und die Zahl der Rentner wird von heute knapp 15 auf mehr als 20 Millionen ansteigen. Damit ist die Gruppe derjenigen, die besonders unter Hitzewellen leiden, also Alte und Kranke, relativ gesehen viel größer als derzeit. Man kann deshalb auch annehmen, dass es mehr hitzebedingte Krankheits- und Todesfälle gibt.


natur: Herr Sommer, wie wird ein Tag im Juli 2040 aussehen?

Der Soziologe Dr. Bernd Sommer, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Interdisziplinären Institut für Umwelt-, Sozial- und Humanwissenschaften an der Universität Flensburg. Zusammen mit drei weiteren Sozialwissenschaftlern sowie einem Team von Naturwissenschaftlern des Potsdam Instituts für Klimafolgenforschung hat Sommer ein bisher einmaliges Szenario entworfen: Was bedeutet der Klimawandel für Alltag, Wirtschaft, Sozialsysteme und unser Lebensgefühl?
Zum Buch: Szenario 2040
