Beim Speed-Dating gibt es eine feste Regel, glaubten Psychologen bisher: Weibliche Singles sind grundsätzlich wählerischer als männliche. Das stimmt auch, zeigt jetzt eine neue Studie ? allerdings nur dann, wenn es die Männer sind, die für die kurzen Kennlerntreffen aufstehen und von Tisch zu Tisch wandern. Wechseln hingegen die Frauen ihren Platz, während die Männer sitzen bleiben, verschwindet der Effekt. Was hinter diesem Rollentausch steckt, können die Initiatoren der Studie, die beiden US-Psychologen Eli Finkel und Paul Eastwick von der Northwestern University in Evanston, bisher allerdings nicht sagen.
Im Schnitt, das hatten bereits mehrere frühere Speed-Dating-Experimente gezeigt, wollen Männer etwa die Hälfte aller Frauen wiedersehen, die sie treffen. Frauen hingegen fühlen sich nur zu gut einem Drittel der Männer hingezogen. Für Forscher klang das bislang völlig plausibel, zumal ein solcher Effekt auch im Tierreich nicht selten zu beobachten ist. Frauen, so die Erklärung, investierten schließlich mehr Energie in die Fortpflanzung, also sei es für sie auch wichtiger, genau den richtigen Partner zu finden.
Finkel und Eastwick fiel nun allerdings auf, dass es bei Speed-Datings nahezu immer die Männer sind, die nach einem der kurzen Gespräche aufstehen, zur nächsten potenziellen Partnerin gehen und sich dann dort wieder hinsetzen. Dieses System erscheine galanter gegenüber den Frauen, gab eine kommerzielle Speed-Dating-Agentur auf Nachfrage an. Doch genau diese Ritterlichkeit scheint die Ergebnisse der Treffen zu beeinflussen, entdeckten die beiden Forscher, als sie selbst 15 Speed-Dating-Runden mit insgesamt 350 Teilnehmern organisierten ? acht davon nach dem klassischen Muster und sieben, bei denen die Frauen rotierten. Die herkömmliche Variante lieferte den typischen Geschlechterunterschied: Männer wollten 50 Prozent der Frauen kennenlernen, Frauen jedoch nur 43 Prozent der Männer.
Durch den Rollentausch verschob sich diese Quote jedoch: Jetzt waren es die Männer, die nur in 43 Prozent der Fälle Interesse hatten, während die Frauen immerhin 45 Prozent der Männer wiedersehen wollten. Für diesen Effekt können sich die Psychologen zwei mögliche Erklärungen vorstellen. Einer davon liegt der Einfluss körperlicher Aktionen auf die Wahrnehmung zugrunde: Nähert man sich etwas, wird es attraktiver, entfernt man sich, nimmt die Anziehungskraft ab. Alternativ könnte es allerdings auch sein, dass die Männer die herumwandernden Frauen einfach besser sehen und damit auch ihre körperliche Attraktivität besser bewerten konnten. Als nächstes wollen Finkel und Eastwick jetzt ältere Studien neu analysieren und sehen, ob sich der Effekt reproduzieren lässt.
Nature, Onlinedienst, doi: 10.1038/news.2009.537 ddp/wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel





