Rund 460 Millionen Tonnen Plastik werden weltweit pro Jahr produziert – Tendenz steigend. Wenn kein Umdenken erfolgt, könnte sich die weltweite Plastikmüllmenge bis 2060 verdreifachen. Allein im Nordatlantik treiben laut aktuellen Schätzungen 27 Millionen Tonnen Mikroplastik. Plastikpartikel finden sich in Böden, in der Tiefsee, auf Gletschern, in der Luft – und im menschlichen Körper. Die Belastung durch Kunststoffe trägt zur Erderwärmung bei, schädigt Ökosysteme und bedroht die Gesundheit. „Studien zeigen, dass wir die planetaren Belastungsgrenzen für neue Stoffe bereits überschritten haben“, erklärt Melanie Bergmann vom Alfred-Wegener-Institut.
Plastik als globale Bedrohung
Bergmann sitzt als Teil der deutschen Delegation am Verhandlungstisch über das sogenannte UN-Plastikabkommen. Seit 2022 beraten Vertreter aus über 170 Staaten sowie aus Wissenschaft, Industrie und Zivilgesellschaft über ein rechtsverbindliches Abkommen zur Eindämmung der globalen Plastikverschmutzung. Ziel ist es, einheitliche Regeln zu schaffen, die entlang des gesamten Lebenszyklus von Kunststoffen gelten – von der Rohstoffgewinnung über die Produktion bis hin zu Entsorgung und Recycling. Langfristig soll das Abkommen auf einer Stufe mit anderen bedeutenden Umweltverträgen wie dem Pariser Klimaabkommen und dem UN-Übereinkommen zur biologischen Vielfalt stehen.
Bei der fünften Verhandlungsrunde im Dezember 2024 in Südkorea blieb eine Einigung zwar aus. Doch erstmals traten mehr als 100 Staaten bei Kernfragen wie Produktionsgrenzen und Chemikalienregulierung geschlossen auf. In Genf steht nun vom 5. bis 14. August 2025 der nächste Schritt an: die Ausarbeitung eines konkreten Vertragstextes mit verbindlichen Maßnahmen. „Im besten Fall erreichen wir in Genf, dass sich die Weltgemeinschaft, oder zumindest weite Teile davon, zu einem starken Abkommen bekennt, das sich an wissenschaftlichen Fakten orientiert und anerkennt, wie schädlich Plastik für den Menschen und die Natur ist“, betont Bergmann. Ob es tatsächlich dazu kommt, ist allerdings ungewiss. Denn einige zentrale Streitpunkte sind nach wie vor ungelöst – etwa die Frage, ob die Kunststoffproduktion künftig begrenzt wird, wie der Einsatz gefährlicher Chemikalien geregelt werden soll und ob Entscheidungen einstimmig oder mehrheitlich getroffen werden müssen.
Unterschiedliche Interessen, harte Verhandlungen
Ein Knackpunkt in den bisherigen Verhandlungsrunden war die stark unterschiedliche Interessenlage der beteiligten Staaten. Während eine Gruppe rund um große Erdölproduzenten wie Saudi-Arabien vor allem auf verbessertes Abfallmanagement und Recycling setzt, lehnt sie verbindliche Produktionsgrenzen bislang ab. Ziel dieser Staaten ist es, die für sie wirtschaftlich lukrative Kunststoffproduktion weitgehend unangetastet zu lassen. Dem gegenüber steht die sogenannte „High Ambition Coalition to End Plastic Pollution“, angeführt von Norwegen und Ruanda. Ihr gehören unter anderem auch die EU und mehrere pazifische Inselstaaten an – viele davon sind besonders stark von den Folgen der Plastikverschmutzung betroffen. Diese Koalition fordert umfassendere Maßnahmen. Dazu zählen Obergrenzen für die Primärproduktion von Plastik, ein Verbot besonders problematischer Einwegprodukte und die Regulierung gefährlicher Inhaltsstoffe.
Auch wissenschaftlich spricht viel für diesen Ansatz: „Plastik sollte nicht nur als Abfall reguliert werden, denn die Probleme fangen bereits bei der umweltschädlichen Herstellung an“, betont Dana Kühnel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, die die Verhandlungen wissenschaftlich begleitet. Nur wenn der gesamte Lebenszyklus von Kunststoffen berücksichtigt werde, könne das Abkommen wirksam werden. So oder so sollte eine Einigung jedoch möglichst bald erfolgen, betont Kühnel: „Die Weltgemeinschaft muss ins Handeln kommen. Mit jeder weiteren Verzögerung werden die Probleme größer.“
Quelle: Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ





