Heftige Diskussionen hat in der Fachwelt eine Studie mit Parkinson-Patienten ausgelöst, die vergangene Woche in der Fachzeitschrift The New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Laut einem Bericht in der New York Times ist das Ergebnis ein herber Schlag für den als aussichtsreich angenommenen Weg in der Behandlung von Parkinson, Alzheimer und anderen neurodegenerativen Krankheiten.
Die Wissenschaftler um Curt R. Freed von der University of Colorado Health Sciences Center in Denver und Stanley Fahn vom Columbia University College of Physicians and Surgeons, veröffentlichten ihre umstrittene Studie, bei der Parkinson-Patienten mit fötalen Gehirnzellen behandelt wurden. Die nicht eindeutigen Ergebnisse dieser Studie sorgen auch nach Ende der Experimente weiter für Kontroversen. Einige Forscher sind laut der New York Times nun der Meinung, dass es an der Zeit sei, wieder zum Labor und zu Tierversuchen umzukehren, bevor man weitere Behandlungen am Menschen durchführe.
Die Parkinson’sche Krankheit resultiert aus einem Mangel an Dopamin, ausgelöst durch das Absterben dopamin-produzierenden Zellen in bestimmten Bereichen des Gehirns. Laut Freed liege es deshalb nahe, anzunehmen, dass ein Ersatz der abgestorbenen Zellen durch intakte Zellen den Zustand der an Parkinson leidenden Patienten verbessern könnte.
Für die Studie haben die Forscher um Freed 40 Patienten im Alter von 34 bis 75 Jahren, die im Durchschnitt seit 14 Jahren an Parkinson erkrankt waren, rekrutiert. Bei der Operation wurden durch vier kleine Löcher in der Stirn des Patienten lange Nadeln ins Gehirn geführt wurden, um so die fötalen Zellen zu injizieren. Als Kontrolle, ob und wie die Transplantation wirkt, haben die Wissenschaftler 20 der Probanden tatsächlich Nervenzellen injiziert und die anderen 20 wurden lediglich scheinbar operiert.
Die Patienten sollten nun selbst festlegen, ob es ihnen nach einem Jahr besser geht ? ohne zu wissen, ob sie fötale Zellen bekommen hatten oder nicht. Es gab jedoch keinen Unterschied zwischen den zwei Gruppen: Weder Patienten, die die fötalen Zellen injiziert bekommen hatten, noch jene, die die simulierte Operation gehabt hatten, bemerkten eine Verbesserung ihrer Situation. Damit falle die Studie negativ aus, kommentiert William Weiner, Direktor am Maryland Parkinson’s Disease and Movement Disorder Center und Professor der Neurology an der University of Maryland School of Medicine in Baltimore.
Laut einem Bericht in Reuters Health, der sich auf die Aussage Freeds beruft, legen die Ergebnisse der Studio jedoch nahe, als Behandlungsmethode bei Parkinson-Patienten weiterhin dopamin-produzierende Gehirnzellen zu transplantieren. Freed sagte gegenüber Reuters Health, dass, obwohl die Ergebnisse sehr unterschiedlich ausgefallen sind, diese Studie zeige, dass die transplantierten Zellen eine neurodegenerative Krankheit wie Parkinson modifizieren können. “Eine Verfeinerung der Transplantationsmethoden werde wahrscheinlich mehr voraussagbare Ergebnisse für individuelle Patienten hervorbringen,” so Freed.
So verbesserte sich der Zustand von zehn Patienten unter 60 Jahren, denen die Zellen transplantiert wurden, im Vergleich zu den Patienten, die jünger als 60 waren und keine Zellen transplantiert bekamen. Die Verbesserung wurde jedoch nicht von den Patienten selber (was eigentlich als Erfolgskriterium festgelegt worden ist), sondern von den Neurologen festgestellt. Zudem bezog sie sich nicht auf alle Parameter. So unterschied sich die Häufigkeit der Zitteranfälle nicht bei den Patienten mit oder ohne transplantierte Nervenzellen.
Freed begrüßte dieses Ergebnis: “Es war eine klare Besserung.” Die fötalen Zellen hätten in den Gehirnen der meisten Patienten überlebt. Trotz des geringen Erfolges glaubt er an die Zukunft solcher Experimente: “Zu Sagen, dass man in der Forschung an Menschen etwas nicht tun sollte oder könnte, weil die Experimente einen ungewissen Ausgang haben, ist nach meiner Meinung falsch.”
Gedämpft wird die Euphorie Freeds laut der New York Times von Wissenschaftlern, die die Behandlungsmethode ebenso wie die Ergebnisse kritisieren. Ein Aspekt der Kritik ist die Tatsache, dass Zellen von Föten, die aus Abtreibungen stammten, für die Behandlung verwendet wurden. Wie berichtet wird, zeigten sich zudem katastrophale Nebenwirkungen nach dem Eingriff.
Bei ungefähr 15 Prozent der Patienten wuchsen die Zellen angeblich so gut, dass die Patienten sich unkontrollierbar krümmten und sich ruckartig bewegten. Das “Wackeln” und die Krümmungsbewegungen traten erst ein Jahr nach der Operation auf. Die Forscher sagten, dass die Medikamente, die das fehlende Dopamin im Gehirn funktionell ersetzen sollen, die einige Parkinson Patienten bekommen, in einer zu hohen Dosierung ähnliche Effekte zeigten. In diesem Fall könne dies aber nicht die Ursache für diese Symptome sein – sogar als Ärzte die Medikamente absetzten, dauerten die Symptome an – und es gebe keine Möglichkeit, die verpflanzten Zellen zu entfernen oder zu deaktivieren.
Paul E. Greene, Neurologe an der Columbia University College of Physicians and Surgeons und ein Forscher der Studie, sagte, dass die unkontrollierbaren Bewegungen, unter denen einige Patienten leiden, “vollkommen verheerend” seien. Für ihn ist sein jetzige Position klar: Keine Transplantationen fötaler Zellen mehr. “Wir sind vollkommen und hartnäckig überzeugt, dass dies nur noch für Forschungszwecke in Betracht gezogen werden sollte.” Ob es eines Tages wieder Forschung an Menschen geben wird, ist für ihn eine offene Frage.
Die Implantatsstudie mit fötalen Zellen war von Anfang an umstritten, da ein Teil der Gruppe nicht wirklich operiert wurde, und weil fötales Gewebe aus Abtreibungen eingesetzt worden ist. Aber viele Fachleute für Parkinson waren wie Freed, der 1985 die erste Operation dieser Art an einem Parkinson-Patienten durchführte, der Meinung, dass die Studie durchgeführt werden musste. Viele Ärzte haben diese Operation ihren Patienten bereits für 40.000 Dollar oder mehr angeboten, ohne einen Beleg zu haben, ob der Eingriff helfen würde oder nicht.
Nicole Waschke





