Text: Oliver Abraham
Der Biss einer Schwarzen Mamba ist in der Regel für den Menschen tödlich, manche Innereien eines Kugelfisches zu essen auch, Wespenstiche schmerzen zumindest. Die Gifte vieler Tiere rufen im menschlichen Organismus mitunter schwere Reaktionen hervor. Tiere produzieren toxische Stoffe, um sich gegen Feinde zu verteidigen oder um Beute zu töten, die Substanzen wirken dabei auf den Stoffwechsel.
Was so stark im Schlechten wirkt, kann auch im Guten nützen. Das haben etwa Naturheiler schon lange entdeckt, aber auch die moderne Pharmakologie hat bereits profitiert. Forschende sehen hier noch eine riesige, vielversprechende Bio-Ressource und hoffen, dass weitere dieser Toxine gegen Krankheiten eingesetzt werden können. Doch dazu muss man sie zuerst einmal finden.
„Wir kennen rund 200.000 Tierarten, die Gifte produzieren“, sagt Andreas Vilcinskas, Professor an der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU), „es handelt sich dabei meist um komplexe Gemische. Diese Gifte können bisweilen hunderte einzelner Wirkstoffe enthalten.“ Nach bisherigen Untersuchungen und Schätzungen gehe man davon aus, dass dies einen Pool von rund 20 Millionen wirksamer Substanzen bedeute. „Davon sind bis heute allerdings nur rund 16.000 Toxine genauer untersucht“, so der Biologe Vilcinskas.
Heilendes Gift aus dem Speichel einer Echse
Fast zwanzig Medikamente, die auf Toxinen von Tieren basieren oder von ihnen inspiriert sind, werden inzwischen vermarktet, berichtet Vilcinskas. Dazu gehöre zum Beispiel Captopril, ein Blutdrucksenker, der auf der Grundlage eines Toxins aus der Lanzenotter entwickelt wurde. Das Präparat Exenatid zur Behandlung von Typ-2-Diabetes basiert auf einem Toxin, das im Speichel der giftigen Gila-Krustenechse gefunden wurde. Weiterhin werde ein synthetisches Conotoxin aus räuberischen Kegelschnecken zur Behandlung von Schmerzen eingesetzt. „Weitere sechs Toxine zum Beispiel aus dem Gift von Skorpionen, Kegelschnecken oder giftigen Spitzmäusen befinden sich in klinischen Studien oder kurz vor dem Beginn dieser“, so Andreas Vilcinskas.
Ein großes Problem bei der Suche ist, dass die Stoffe oft nur in winzigsten Mengen anfallen. Giftschlangen kann man „melken“, indem man sie in eine Membran beißen lässt, die über ein Auffangglas gespannt ist. Das Schlangengift ist ein Cocktail zahlreicher Toxine, und die Isolierung eines bestimmten Wirkstoffes aus diesem komplexen Gemisch ist sehr aufwendig. Bei kleinen Gifttieren wie Wespen, Spinnen und Skorpionen ist die Giftmenge so gering, dass kaum einzelne Toxine mit vertretbarem Aufwand aus diesen gewonnen werden können. „Die Mehrzahl der Gifttiere, von denen wir uns wertvolle Ressourcen für die Entwicklung neuer Medikamente versprechen, sind klein und ihre Giftdrüsen winzig“, erklärt Andreas Vilcinskas.





