Chronischer Lärm macht Menschen krank – diesen Effekt belegen mittlerweile zahlreiche Studien. Verkehrslärm stellt demnach einen Stressfaktor dar, der letztlich zur Entwicklung von stressbedingten Gesundheitsproblemen wie Herzkreislauferkrankungen führen kann. Die Auswirkungen von Lärm auf die Gesundheit von Tieren sind hingegen weit weniger erforscht. Grundsätzlich zeichnen sich aber bereits Effekte auf das Leben von Stadtvögeln ab. Bisherige Studien haben sich beispielsweise mit dem Gesang von Singvögeln beschäftigt. Um die Straßengeräusche zu übertönen, singen sie demnach lauter und zu anderen Zeiten.
Nester im Verkehrslärm
Um nun auch Informationen über die gesundheitlichen Auswirkungen von Straßenlärm auf Vögel zu sammeln, haben die Wissenschaftler um Sue Anne Zollinger vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen Untersuchungen an Zebrafinken durchgeführt. Es handelt sich bei diesen Tieren um die typischen „Versuchskaninchen“ der Vogel-Forschung. Im Fokus der Wissenschaftler stand, wie sich Lärm auf den Stresshormonspiegel, die Gesundheit und den Fortpflanzungserfolg der Zebrafinken auswirkt.
Sie ließen dazu je eine Gruppe von Pärchen in ruhiger und eine in lauter Umgebung brüten – während der gesamten Brutzeit hörten diese gefiederten Probanden tagsüber den Verkehrslärm von mehrspurigen Münchner Straßen. Auch nachts wurden die Vögel beschallt, dann allerdings mit den nächtlich aufgenommenen, ruhigeren Geräuschen des Verkehrs. Die Wissenschaftler bestimmten bei den Elternvögeln die Menge des Stresshormons Kortikosteron im Blut jeweils vor, während und nach der Brutzeit. Außerdem wurden ihre Immunfunktion, ihr Fortpflanzungserfolg sowie die Wachstumsraten der Küken gemessen.
Die Auswertungen ergaben: Die beschallten Zebrafinken hatten während des Brütens weniger Stresshormone im Blut als jene Tiere, die ihre Jungtiere in ruhiger Umgebung aufzogen. Das erscheint zunächst paradox, da Stress normalerweise zu einer höheren Konzentration von Kortikosteron führt, denn das Hormon hilft dem Organismus bei der Regulierung von stressigen Situationen. Doch offenbar kam es zu einer Unterdrückung, die bis in den Minusbereich führte: „Der Pegel an Stresshormonen stieg bei den Tieren, die während der Brutzeit Lärm ausgesetzt waren, gar nicht erst an“, erklärt Zollinger, Erstautorin der Studie. „Wir gehen davon aus, dass der Organismus der Tiere von vornherein gegensteuerte, um die negativen Auswirkungen eines erhöhten Stresshormonpegels auf das Immunsystem zu vermeiden“, so die Wissenschaftlerin. Mit welchen Folgen dieser Regulierung verknüpft ist, bleibt unklar – es handelt sich aber eindeutig um eine abnormale Stressreaktion, sagen die Forscher.





