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Tschernobyls neue Wildnis
Das Gebiet um den Atomreaktor ist auch fast 40 Jahre nach dem Super-GAU noch immer stark radioaktiv belastet. Trotz der Verseuchung hat sich ohne den störenden Einfluss des Menschen eine europaweit einmalige Artenvielfalt entwickelt.
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Text: Ralf Stork
Wenn es jemals einen Sicherheitstest gegeben hat, der auf katastrophale Weise schiefgegangen ist, dann war es der vom 25. April 1986 nahe der ukrainischen Stadt Pripjat: Planmäßig sollte überprüft werden, ob Reaktor Nummer 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl auch bei einem Stromausfall noch genügend eigene Energie für seine Notkühlung zur Verfügung hätte. Aber es lief nichts nach Plan. Ein paar bauliche Besonderheiten und eine Reihe menschlicher Fehler lösten eine Kettenreaktion aus, die am 26. April 1986 um 01:23 Uhr Ortszeit zur Explosion des Reaktors führte, bei der gewaltige Mengen Radioaktivität freigesetzt wurden.
50 Menschen, die bei der Eindämmung der Katastrophe geholfen hatten, starben bald darauf an akuter Strahlenkrankheit. Nach Schätzungen der WHO verloren in den Jahren darauf weitere 4.000 Menschen durch die Folgen der Reaktorkatastrophe ihr Leben. Andere Schätzungen gehen von wesentlich mehr Toten aus. Weite Landstriche wurden unbewohnbar:
Zwei Tage nach dem Unglück wurden die 49.000 Einwohner von Pripjat evakuiert, kurz darauf die Einwohner von Tschernobyl und von 70 Dörfern in der Region. In einem 30-Kilometer-Radius um das Atomkraftwerk mussten am Ende 330.000 Menschen ihre Heimat verlassen.
Auch für die Natur war der Super-GAU von Tschernobyl eine Katastrophe: In einem zehn Quadratkilometer großen Waldgebiet, das während des Unglücks durch radioaktiven Rauch besonders viel Strahlung abbekommen hatte, starben 1986 alle Bäume ab. Weil sich die trockenen Äste rotbraun verfärbten, wird das Gebiet bis heute Roter Wald genannt. Die Strahlenbelastung dort ist immer noch extrem hoch.
In einem Radius von drei Kilometern um den Reaktor gingen die Bestände von Insekten und anderen wirbellosen Tieren im Boden 1986 und im Folgejahr zum Teil um das 30-Fache zurück. Studien in den 1990er und in den frühen 2000er Jahren belegen außerdem, dass Vogelarten in stark belasteten Gebieten zu Mutationen wie Albinismus und veränderten Schwanzfedern neigen und eine erhöhte Sterblichkeit haben.
Neues Leben in der Sperrzone
Aber trotz der Strahlenbelastung haben sich Pflanzen und Tiere im Sperrgebiet rund um Tschernobyl erstaunlich schnell erholt: Nur zweieinhalb Jahre nach dem Unglück kamen die Wirbellosen im direkten Umfeld des Reaktors wieder genauso häufig vor wie auf nicht belasteten Kontrollflächen. Bereits in den späten 1980er Jahren beobachteten die Wissenschaftler in der Region einen Anstieg der Wildtierdichte, der bis heute anhält. Insbesondere große Säugetiere wie Rehe, Rothirsche, Wildschweine, Rotfüchse, Wölfe, Elche und Luchse sind heute deutlich häufiger und zahlreicher in dem Gebiet anzutreffen als vor der Katastrophe.
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„Die Entstehungsgeschichte ist schrecklich. Aber es ist faszinierend, zu sehen, wie sich die Natur in der Sperrzone ohne den Einfluss des Menschen entfalten kann“, sagt Elleni Vendras. Vendras ist Mitarbeiterin der Zoologischen Gesellschaft in Frankfurt und leitet das Projekt „Wildnis ohne Grenzen – Projekt zur Erhaltung der Polesie“. Die Polesie ist ein riesiges Feuchtgebiet, das sich über Teile Belarus‘ und der Ukraine bis in die Grenzregionen Polens und Russlands erstreckt. Teile der Polesie liegen in den Tschernobyl-Sperrzonen von Belarus und der Ukraine. Vor dem Reaktorunglück wurde dort viel Land- und Forstwirtschaft betrieben und große Flächen wurden freigelegt. Die Zoologische Gesellschaft Frankfurt betreut in der Ukraine ein insgesamt 20.000 Hektar großes Gebiet, in dem Dutzende alter Entwässerungsgräben geschlossen werden sollen, damit sich das Land wieder naturnah entwickeln kann.
Ursprünglich hat die Zoologische Gesellschaft ihr Wiedervernässungsprojekt auch in Belarus durchgeführt, Elleni Vendras‘ Büro lag bis vor Kurzem in Minsk. Wegen politischer Repressalien und der Verfolgung von NGOs – darunter auch Naturschutzorganisationen – sowie dem Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine musste sie 2022 das Land verlassen.
Für die Planung und Vorbereitung der Umsetzung ist Vendras regelmäßig in dem Gebiet rund um Tschernobyl unterwegs, zuletzt im Januar 2025. „Es halten sich schon eine Menge Menschen in der Sperrzone auf, Wissenschaftler, Naturschützer und seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 auch viele Soldaten“, berichtet die Projektleiterin.
Die Strahlung ist für Menschen immer noch gefährlich. Manche Bereiche dürfen nicht betreten werden. Beim Verlassen der Sperrzone wird mit einem Geigerzähler die Strahlendosis gemessen und es wird geraten, die getragene Kleidung anschließend zu entsorgen. Trotzdem ist es mittlerweile wieder möglich, in der Stadt Tschernobyl zu übernachten und für mehrere Tage in der Region unterwegs zu sein.
Bei einer Fahrt durch die weitgehend menschenleere Landschaft stellt sich leicht das Gefühl ein, auf Safari zu sein: „So viele Wildtiere zu sehen, war unglaublich. Ein Rudel Wölfe ist vor uns durch den Fluss gerannt, auch Elche. Ein Seeadler saß nur ein paar Meter von mir entfernt, und überall entlang der Straße stehen Przewalski-Pferde – an einem Tag habe ich drei oder vier verschiedene Herden gesehen“, erzählt Vendras.
Die 2.600 Quadratkilometer große Tschernobyl-Sperrzone in der Ukraine ist de facto Naturschutzgebiet, weil so gut wie keine menschliche Nutzung stattfindet. Auf belarussischer Seite schließt sich der 2.162 Quadratkilometer große Polessische Staatliche Radioökologische Schutzbezirk an. Die zusammenhängende, ungestörte Fläche ist insgesamt größer als Mallorca und Rügen zusammen. In Naturschutz-Kategorien ist das eine gewaltige Dimension. Zum Vergleich: Die 16 deutschen Nationalparks haben zusammengenommen nur eine (Land-)Fläche von rund 2.000 Quadratkilometern, die über das ganze Land verstreut liegen. „Dass sich die Natur in einem so großen Gebiet frei und ungestört entfalten kann, ist in Europa einzigartig“, sagt Vendras.
Pferde und Wisente
In der Ukraine und in Belarus wurden die Chancen, die der schreckliche Reaktorunfall für die Natur bedeuten könnte, schon früh erkannt. Auf ukrainischer Seite wurden 1998 nach mehreren Jahren der Vorbereitung 31 Przewalski-Pferde ausgewildert, die als letzte überlebende Wildpferde-Art gelten. Weil es in den Folgejahren Probleme mit Wilderei gab, stieg der Bestand nur langsam an auf circa 50 Tiere im Jahr 2008. 2018 war die die Population dann schon 150 Tiere stark, die sich in natürliche Herdenstrukturen aufgliederten: Neben mehreren Einzelgängern gab es sechs sogenannte Junggesellengruppen und 13 sogenannte Haremsgruppen, die aus einem Hengst, mehreren Stuten und ihren Fohlen bestehen.
Auf belarussischer Seite wurden 1998 insgesamt 21 Wisente ausgewildert. Der Bestand wuchs bis 2012 auf 93 Tiere an, die sich auf drei Herden verteilten. 2020 wurden 174 Wisente gezählt. Die politische Lage erschwert aber weitere Naturschutzbemühungen in der Region. Andere Naturschutzorganisationen hatten geplant, den ursprünglichen Wisent-Bestand in der belarussischen Tschernobyl-Zone durch acht oder neun Tiere aus dem polnischen Białowieża-Nationalpark aufzufrischen. Wegen des Ukraine-Krieges wurde die Umsetzung des Projektes aber bis auf Weiteres auf Eis gelegt.
Wisente und Przewalski-Pferde sind die einzigen Arten, die aktiv ausgewildert wurden und komplettieren ein Artenspektrum, das europaweit einzigartig ist. Sogar eine kleine Population von Braunbären hat sich in dem Gebiet angesiedelt, obwohl die nächste Population (in den Karpaten) mehrere Hundert Kilometer entfernt liegt. 2014 tappte erstmals ein Bär in eine Fotofalle. In den Folgejahren wurden auf ukrainischer Seite in einem 80 Quadratkilometer großen Gebiet, das mit Wildtierkameras ausgestattet war, zwei bis drei verschiedene Bären identifiziert. Weil es verschiedene anekdotische Berichte zu Sichtungen von Bären mit Jungtieren gibt, ist wahrscheinlich, dass sich die Population durch Nachwuchs vergrößert. Gleiches gilt für das belarussische Teilgebiet.
Ein Großraumlabor für Rewilding-Projekte
Dass sich die Natur rund um Tschernobyl so gut entwickelt, ist ein gutes Beispiel für – in diesem Fall passives – Rewilding. Rewilding ist ein Naturschutzansatz, bei dem sich große Landschaften möglichst ohne menschlichen Einfluss entwickeln sollen. Die Grundidee hinter dem Konzept: das Vertrauen darauf, dass sich in ausreichend großen Gebieten eine natürliche Dynamik mit großer Artenvielfalt und vielen seltenen Arten von allein einstellen wird, wenn die Natur sich ungestört entfalten kann. Weil zu einer natürlichen Landschaft auch große Pflanzenfresser gehören, die die Ausbreitung des Waldes zumindest verlangsamen, werden in solchen Projekten häufig auch Pferde, Rinder und Hirsche eingesetzt. Ein bekanntes Beispiel dafür ist etwa das englische Knepp Wildland, wo sich rund 2.600 Hektar Farmland seit 2001 wieder zurück in eine Naturlandschaft verwandeln. In Deutschland sind die meist deutlich kleineren Wildnisflächen (Prozessschutzflächen) der Nationalparks de facto Rewilding-Gebiete, weil menschliche Aktivitäten dort eingestellt worden sind.
Anpassung an die Strahlung
Dunklere Laubfrösche
Untersuchungen des Östlichen Laubfroschs (Hyla orientalis) in der Tschernobyl-Sperrzone haben gezeigt: Je stärker das Gebiet, in dem sie vorkommen, radioaktiv belastet ist, desto dunkler ist die Haut der Frösche. Die Frösche mit dem dunkleren Hauttyp sind in der Sperrzone jetzt die vorherrschende Art. Eine dunkle Hautfärbung schützt vor unterschiedlichen Quellen von Strahlung, indem sie Freie Radikale neutralisiert und Schäden an der DNA verringert. Das farbgebende Pigment Melanin ist dabei der Schutzmechanismus gegen ionisierende Strahlung.
Wölfe mit Krebsresistenz
2014 wurden von einigen Wölfen aus der Sperrzone Blutproben genommen und die Tiere mit Halsbändern versehen, die unter anderem die Strahlenbelastung messen. Wie sich zeigte, waren die Wölfe täglich einer Strahlendosis ausgesetzt, die den zulässigen Höchstwert für Menschen um das Sechsfache überschreitet. Im Vergleich zu Wölfen außerhalb der Sperrzone hatten die Tschernobyl-Wölfe ein verändertes Immunsystem, das dem von Krebspatienten während einer Strahlentherapie ähnelt. Die Wölfe haben anscheinend Mutationen entwickelt, die ihre Überlebenschancen bei einer Krebserkrankung erhöhen.
Veränderter Zellstoffwechsel bei Vögeln
Verschiedene Vogelarten in der Sperrzone von Tschernobyl haben ihren Zellstoffwechsel mittlerweile an die erhöhte Radioaktivität angepasst. Je höher die Strahlung ist, desto mehr Antioxidantien werden produziert. Der wichtige Zellschutz minimiert das Risiko für DNA-Schäden, Fehlbildungen und Krebserkrankungen.
Vogelarten mit dunklem Gefieder gelingt diese Anpassung weniger gut. Forscher erklären dies damit, dass die Produktion des dunklen Pigments zusätzliche Antioxidantien verbraucht, die dann für den Strahlenschutz fehlen.
Zudem ergab eine Studie, dass etwa Trauerschnäpper und Kohlmeisen Nester mit geringer Strahlenbelastung bevorzugten. Wie die Vögel die Strahlungsintensität erkannten und unterschieden, blieb den Forschern ein Rätsel. Möglicherweise bestimmten aber auch äußere Faktoren wie ein geringeres Nahrungsangebot im Umfeld dieses Verhalten.
Die Sperrzone um Tschernobyl ist also zu einem zufällig entstandenen Großraumlabor für Rewilding-Projekte geworden. Als solches liefert es der Wissenschaft wichtige Erkenntnisse für künftige Projekte: In einer Langzeitstudie haben belarussische und englische Wissenschaftler zum Beispiel die Populationen von Greifvögeln im belarussischen Teil der Sperrzone untersucht. Die Studie zeigt einerseits, wie schnell sich der Landschaftswandel in dem Gebiet vollzogen hat: Von 1999 bis 2017 erhöhte sich der Anteil der Feuchtgebiete in dem knapp 150 Quadratkilometer großen Untersuchungsgebiet um 680 Prozent. Der Wald nahm um 15 Prozent zu, die Fläche offener Felder nahm dagegen um 45 Prozent ab, die von Sandböden um 31 Prozent. Ohne die Eingriffe der Menschen, ohne Entwässerungsmaßnahmen sowie regelmäßiges Pflügen und Mähen der Felder hat sich in nicht einmal 20 Jahren eine wesentlich natürlichere Landschaft entwickelt.
Die Verschiebung bei den Landschaftsformen spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Greifvögel wider. Während die Zahl der ans Agrarland und an trockene Wälder angepassten Generalisten wie Mäusebussard, Wespenbussard, Wiesenweihe und Schreiadler zum Teil stark zurückging, stieg die Zahl von Feuchtgebiet-Spezialisten und von Greifvögeln an der Spitze der Nahrungskette: Die Anzahl von Seeadlern (mindestens 20 Brutpaare) und Schelladlern nahm deutlich zu, ebenso die Zahl von Baumfalken und Rohrweihen. Bei Baumfalken, Seeadlern und Schelladlern liegt sie deutlich über dem Landesdurchschnitt. Vor allem die Rückkehr des Schelladlers ist bemerkenswert: Der Bestand der extrem seltenen Art erhöhte sich von null auf vier Brutpaare, während die Art überall sonst in ihrem Verbreitungsgebiet starke Rückgänge zu verzeichnen hat. Mit der Zeit näherte sich die Zusammensetzung der Greifvögel immer stärker anderen intakten Feuchtgebieten in Belarus an. Für die Autoren der Studie ist das ein Beleg dafür, dass Rewilding-Gebiete selbst in ehemaligem Agrarland wichtige Rückzugsgebiete für seltene und bedrohte Arten sein können.
Andere Studien belegen, dass auch Luchse wieder in der Region heimisch geworden sind. Vor der Reaktorkatastrophe fehlte die Art in dem stark von Landwirtschaft und anderen menschlichen Aktivitäten geprägten Gebiet. Die Wiederbesiedlung erfolgte im ukrainischen Teil um die Jahrtausendwende, in Belarus wegen des größeren Waldanteils schon etwas früher. Allein für die ukrainische Sperrzone wird der Bestand auf 50 bis 70 Individuen geschätzt. Die Dichte von 2,2 bis 2,7 Tieren je 100 Quadratkilometer ist dabei vergleichbar mit gesunden Luchs-Populationen in anderen europäischen Regionen.
Bei Wölfen wiederum wurde ein verändertes Verhalten festgestellt. Während die Tiere fast in allen Regionen nachtaktiv sind und um menschliche Siedlungen und ihre Lichter einen Bogen machen, werden sie in den Sperrzonen von Tschernobyl regelmäßig auch tagsüber gesichtet.
Die Schlussfolgerung, die man aus den Beobachtungen für zukünftige Rewilding-Projekte ziehen kann, ist naheliegend – und für uns wenig schmeichelhaft: Der Mensch ist das größte Hindernis, das einer Entfaltung der Natur im Weg steht. Durch seine Abwesenheit kann in Gebieten in kurzer Zeit eine enorme Artenvielfalt entstehen. Das gilt sogar dann, wenn das menschenleere Gebiet nach einer Reaktorkatastrophe hochgradig radioaktiv verseucht ist. //
Ralf Stork
erinnert sich noch gut an das diffuse Bedrohungsgefühl nach dem Super-GAU und freut sich umso mehr, dass die Natur jetzt von der Katastrophe profitiert.
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