Zum weltweit ersten Mal ist unter Meeressäugern eine Tollwutepidemie ausgebrochen. Forscher müssen nun schnell klären: Hat sich das Virus in den südafrikanischen Kolonien der Kap-Pelzrobbe etabliert? Und wie kann eine Ausbreitung in andere Regionen und in andere Tierarten im Meer verhindert werden?
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Text: Roman Goergen
Wenn Greg Hofmeyr in Südafrika zu einer Robbenimpfung an den Strand gerufen wird, kommt es auf seine Erfahrung und Präzision an. Der Meeresbiologe erzählt von seinem letzten Einsatz: Gemeinsam mit einem Tierarzt und mit einer Impfspritze bewaffnet hatte er sich an eine gewaltige Südliche See-Elefantenkuh herangeschlichen. Das über 700 Kilogramm schwere und mehr als drei Meter lange Weibchen war am Strand von St. Francis Bay in der Eastern Cape Provinz eingeschlafen. Das ist die Gelegenheit, auf die Hofmeyr immer wartet.
Als Experte für Robben – See-Elefanten gehören ebenfalls zu den Robbenarten – ist Hofmeyr weit vertrauter mit dem Verhalten und dem Körperbau der Tiere als die meisten Tierärzte und so besser qualifiziert, das Tier nicht zu reizen und die Nadel durch die Blubber-Schicht bis in den Muskel zu bringen. „Ich habe eine Spritze mit der richtigen Dosis – befestigt an einer langen Nadel. Ich pirsche mich von hinten heran und steche sie schnell in den Muskel, injiziere den Impfstoff und springe dann zurück“, beschreibt der Kurator für Meeressäuger am Port Elizabeth Museum seine erprobte Technik. In Hofmeyrs Spritze befindet sich ein Impfstoff gegen Tollwut, dieselbe Substanz, die zum Beispiel auch für Hunde und Katzen verwendet wird.
Tollwut unter Meeressäugern
Abgesehen von der Gefahr, von einem verärgerten Exemplar der größten Robbenart der Welt über den Strand gejagt zu werden, ist eine solche Impfaktion auch aus anderen Gründen eher ungewöhnlich. Einer davon ist, dass bei schwer kontrollierbaren Wildtieren oder auch streunenden Haustieren üblicherweise präparierte Köder für eine Impfung eingesetzt werden. Doch wilde Robben schlucken so gut wie keine Köder aus totem Fisch, da sie lebendige Beute bevorzugen.
Der viel schwerer wiegende Grund ist jedoch, dass solche abenteuerlichen Impfungen am Strand bis dato noch nie nötig waren – denn eine Tollwutepidemie unter Meeressäugern war vor 2024 noch nie beobachtet worden. Doch seit dem vergangenen Jahr ist alles anders. In der Nachbarprovinz Western Cape war es zum weltweit ersten nachgewiesenen Tollwutausbruch unter einer Säugetierart gekommen, die im Meer lebt. In inzwischen mehr als 60 Fällen konnte das Rabiesvirus dort in den Gehirnen verendeter Kap-Pelzrobben nachgewiesen werden. Besonders in der Tourismusmetropole Kapstadt sorgte das für Aufregung, nachdem aggressive infizierte Robben mehrere Surfer, Taucher und Strandbesucher attackiert und mitunter gebissen hatten. Bisher gab es jedoch keine nachgewiesenen menschlichen Infektionen.
Experten wie Hofmeyr sind jedoch alarmiert – nicht nur wegen einer möglichen weiteren Ausbreitung entlang der südafrikanischen Küsten, sondern auch aufgrund der Gefahr für empfindliche Ökosysteme und andere Meeressäugerarten, wie die See-Elefanten, die in die Nähe von St. Francis Bay kommen und bei denen es bislang keine nachgewiesenen Fälle von Tollwut gab. „Wenn sich Tollwut zum Beispiel auch unter anderen Robbenarten etabliert, könnte dies das Risiko einer Ausbreitung des Virus weit über das aktuelle Ausbruchgebiet hinaus erheblich erhöhen. Meeressäuger haben weniger physische Barrieren für ihre Bewegung als Landtiere. Sie leben im Ozean, können weite Strecken zurücklegen und viele Arten unternehmen lange Migrationen“, warnt Hofmeyer.
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Als Robbenspezialist war der Biologe für zusammengerechnet drei Jahre auf der Marion-Insel im Subantarktischen Meer stationiert und hat dabei die großen Kolonien der dortigen Pelzrobben und See-Elefanten erforscht. Es sind genau diese unberührten empfindlichen Ökosysteme, um die sich Hofmeyr jetzt verstärkt sorgt: „Der Klimawandel macht diese Region ohnehin schon anfällig und wir haben keine Ahnung, was das Virus dort anrichten würde.“
Kap-Pelzrobben (Arctocephalus pusillus pusillus) sind eine der am weitesten verbreiteten Robbenarten der südlichen Hemisphäre. Schätzungsweise bis zu zwei Millionen Tiere leben entlang der Küsten Südafrikas, Namibias und Angolas. Ihre Kolonien, oft mit Zehntausenden von Individuen, prägen die entlegenen felsigen Küstenabschnitte der Region oder kleine schroffe unbewohnte Inseln. Erwachsene Tiere sind oft wochenlang zur Nahrungssuche auf See und legen dabei leicht Hunderte Kilometer zurück.
Sie kehren regelmäßig in die Kolonien zurück – zum Ruhen, zur Fortpflanzung oder um ihre Jungtiere zu säugen. „Ältere Individuen zeigen eine stärkere Standorttreue zu bestimmten Kolonien, während jüngere Tiere hochmobil sind. Sie wechseln frei zwischen den Kolonien“, erläutert Hofmeyr. Durch einen solchen Austausch könnte sich dann auch ein Virus zwischen den Kolonien ausbreiten.
Auch die dortige Lebensweise birgt Gefahren: Die Robben liegen dicht gedrängt, Revierkämpfe, spielerische Raufereien und aggressive Bisse gehören zum Alltag. Besonders Männchen beißen sich während der Paarungszeit, um Territorien zu verteidigen. „Solche sozialen Attribute treffen auch auf andere Tierarten zu, die bereits als Reservoirwirte für das Rabiesvirus bekannt sind“, betont auch Ilse Jenkinson. Dazu zählen zum Beispiel Schabrackenschakale, Löffelhunde, Waschbären, Kojoten oder Rotfüchse. Die Tierärztin des Two Oceans Aquarium in Kapstadt ist Expertin für die Gesundheitsüberwachung von Meeressäugern in Südafrika und erprobt mit ihren Kollegen derzeit vor allem, wie wirksam Impfungen sein können.
Tückische Tollwut
Tollwut ist eine tödliche Virusinfektion, die vor allem über Speichel und Bisse übertragen wird. Das Rabiesvirus dringt über Wunden ein, wandert durch die Nervenbahnen ins Gehirn und führt zu neurologischen Symptomen wie Lähmungen, Krämpfen oder gesteigerter Aggressivität. Fast immer folgt der Tod. Besonders tückisch: Tollwut ist ein sogenannter slow burner – es vergehen drei Wochen bis mehrere Monate, bis erste Symptome auftreten. Infizierte Robben können also noch lange mobil bleiben und andere Regionen aufsuchen, ehe sie krank werden. Wenige Tage vor dem Auftreten der Symptome werden sie ansteckend.
Dieser langsame Krankheitsverlauf, die wenig erforschten Bewegungsmuster der Pelzrobben zwischen ihren Kolonien und unbekannte Berührungspunkte mit anderen Landtierarten – all das und die Abgelegenheit der Kolonien trug lange dazu bei, dass Tollwut bei Kap-Pelzrobben nicht beobachtet wurde.
Besonders in den vergangenen vier Jahren wunderten sich Forscher, Behörden und Tierschützer besonders in Kapstadt immer wieder über mysteriöse Vorfälle mit aggressiven Robben an den Stränden. Die Erklärungsversuche reichten von Stress und Unterernährung, verursacht durch Überfischung, bis zu neurologischen Schäden durch Giftstoffe aus Algenblüten. Mehrere Vorfälle im Mai 2024 führten schließlich zur Lösung des Rätsels. „Zunächst wurde uns ein an Tollwut erkrankter Hund gemeldet“, berichtet Lesley van Helden, amtliche Veterinärmedizinerin im Landwirtschaftsministerium der Provinz Western Cape. Das mag andernorts banal klingen, doch „Tollwut ist bei Hunden in Kapstadt sehr selten, da das Virus hier – anders als in einigen anderen Teilen Südafrikas – nicht endemisch unter Haushunden zirkuliert“, so van Helden. Die Ermittlungen ihrer Abteilung ergaben schließlich, dass der Hund am Strand von einer Pelzrobbe gebissen worden war. Nur kurze Zeit später wurden Kapstädter Surfer von vier ungewöhnlich aggressiven Robben attackiert. „Das war genau einer dieser Vorfälle, bei denen die Aggressivität so hoch war, dass wir uns das nicht erklären konnten“, erinnert sich Gregg Oelofse, Leiter des Küstenmanagements von Kapstadt. Die vier Robben wurden erlegt – drei von ihnen testeten positiv auf Tollwut, gemeinsam mit dem kurz zuvor verendeten Hund. „Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, wenn wir jetzt schnell handeln, können wir das Virus vielleicht noch aus unserer Robbenpopulation entfernen. Aber ich lag falsch“, berichtet Oelofse.
Artenübertragung
Die Nekropsie an den Gehirnen von Robben und Hund lieferte dann neue Einblicke darüber, wo das Virus herkam. Zunächst wurden bislang nicht auf Tollwut überprüfte Proben von Robben, die bis 2021 zurückreichen, nachträglich getestet. Auch hier wurde das Virus entdeckt. Mittels DNA-Sequenzierung wurden die Proben dann verglichen: „Dadurch können unsere Forscher die Viren aus den Proben dann in einem phylogenetischen Stammbaum einordnen – im Grunde einem familiären Verwandtschaftsbaum des Virus“, erläutert van Helden.
Dies erlaubte gleich zwei wichtige Rückschlüsse: Erstens war Tollwut unter den Robben bereits endemisch geworden. „Da fast alle Virusstämme, die in den Robben gefunden wurden, eng miteinander verwandt sind, bestätigt dies, dass das Virus innerhalb der Robbenpopulation zirkuliert, anstatt wiederholt von einer anderen Tierart eingeführt zu werden“, so die Amtsveterinärin. Zweitens gibt es auch sehr konkrete Hinweise zur Herkunft. „Das genetisch am nächsten verwandte Virus, das wir bisher in einer anderen Tierart gefunden haben, stammt von der Probe eines Schabrackenschakals aus Namibia – das deutet darauf hin, dass der Ausbruch ursprünglich vor einigen Jahren durch die Übertragung von einem Wildtier in Namibia auf die Robben erfolgte“, so van Helden.
Im Süden Afrikas leben Kap-Pelzrobben und Schakale seit Jahrhunderten in enger Nachbarschaft – Schakale durchstreifen Strände, fressen verendete Robben und greifen gelegentlich geschwächte Jungtiere an. Da Tollwut unter Schakalen im südlichen Afrika etabliert ist, ist es eher verwunderlich, dass das Virus nicht schon lange auf Robben übergesprungen ist.
Krankheiten bei Wildtieren
„Oder ist es schon früher passiert, wir haben es nur nicht bemerkt?“, fragt Fabian Leendertz, Direktor am Helmholtz-Institut für One Health in Greifswald. Der Experte für zoonotische Krankheiten, bei denen Erreger die Wirtsart wechseln, gibt zu bedenken, dass die gründliche Überwachung der Gesundheit von Wildtieren eine keineswegs vollständige und flächendeckende Disziplin sei. „Wenn die Tiere einfach nur so existieren – ohne besondere Aufmerksamkeit seitens der Wissenschaft oder der Behörden – dann kann eine Tollwutinfektion auch unentdeckt bleiben“, so Leendertz.
Kim Krynauw, die in Hout Bay bei Kapstadt das einzige Rehabilitationszentrum für Robben im Western Cape leitet und mehr Kontakt zu den Tieren hat als kaum jemand sonst, bestätigt: „Wir glauben, dass Tollwut schon immer in Robben präsent war, weil wir dieses aggressive Verhalten über die Jahre immer wieder bemerkt haben.“
Auch Thomas Müller, Leiter des Referenzlabors für Tollwut am Friedrich-Loeffler-Institut, geht davon aus, dass sich die Tollwut unter den Pelzrobben festgesetzt hat: „Wenn man sich die Anzahl und auch die geografische Verteilung der Fälle, die teilweise schon fast entlang der gesamten Küste des Atlantischen und Indischen Ozeans nachgewiesen wurden, ansieht, so muss man davon ausgehen, dass sich dort mittlerweile eine Schakal-Tollwutvirusvariante in dieser Tierart etabliert hat“, so der Virologe.
Die Kapstädter Behörden gehen noch einen Schritt weiter: „Die Robben sind jetzt schon zu 100 Prozent eine Reservoir-Art für das Virus“, sagt Lesley van Helden. Ein Reservoirwirt ist eine Spezies, in der ein Erreger über längere Zeiträume ohne wiederholte externe Einführung überleben und sich vermehren kann. „Einige der genomischen Analysen deuten sogar darauf hin, dass sich der Erreger in den Kap-Pelzrobben möglicherweise zu einer eigenen Untergruppe innerhalb des Tollwutvirus entwickelt – möglicherweise zu einem eigenen Biotyp“, ergänzt Brett Gardner, ein südafrikanischer Robben-Experte bei der One Health-Forschungsgruppe an der tiermedizinischen Fakultät der University of Melbourne.
Das Virus eindämmen
Zwischen den Verweisen auf Reservoirwirte und eigene Biotypen schwingt bei den Forschern Sorge über die Gefahr einer Ausbreitung auf andere Meeressäuger und in andere Regionen mit, besonders in der Antarktis und ihren Nachbarregionen. „Wenn das hier wirklich der Anfang einer solchen Entwicklung ist, dann würde ich lieber etwas mehr Geld investieren und das Problem frühzeitig eindämmen, anstatt später festzustellen, dass es zu spät ist – wenn überall tollwütige Meeressäuger auftauchen“, sagt Fabian Leendertz. Das bedeutet, dass Maßnahmen bereits jetzt anlaufen müssen – auch wenn längst nicht alle wissenschaftlichen Fragen geklärt sind. One Health, das Konzept einer vernetzten Gesundheit von Menschen, Tieren und Umwelt, spielt dabei eine zentrale Rolle. „Es geht nicht nur darum, was man direkt bei den infizierten Robben tun kann – die größere Frage ist: Wie kann man verhindern, dass sich so etwas wiederholt – sei es in dieser Region oder an anderen Orten?“, betont der Direktor des One Health-Instituts. Dazu müssen vor allem auch Hauptreservoire der Tollwut geimpft werden. Das sind weltweit besonders Hunde.
Im Fall von Kapstadt findet ein solches One Health-Konzept bereits Anwendung. Alle Hunde der Stadt werden seit dem Ausbruch verstärkt geimpft. Besitzer werden für Strandspaziergänge mit ihren Vierbeinern für die Gefahr ebenso sensibilisiert wie Surfer, Taucher oder Touristen. Allerdings fehlen für Tollwut unter Meeressäugern bislang internationale Protokolle. „Ich denke, die brauchen wir auf jeden Fall, weil wir jetzt sehen, dass es vorkommt, und wir sollten unbedingt darauf reagieren. Generell wollen wir keine neuen Erreger in zusätzlichen Arten etablieren“, betont Leendertz. Die Wissenschaftsgemeinschaft müsse sich auf eine einheitliche Strategie verständigen – ähnlich wie bei anderen zoonotischen Erregern, die über Artgrenzen hinweg zirkulieren.
In Südafrika wird bereits gehandelt. Kapstadt hat einen Rabies Response Management Plan entwickelt, der auf schnelle Reaktionen setzt, erklärt Gregg Oelofse: „Wenn eine Robbe Symptome zeigt, ist unser Hauptziel, sie so schnell wie möglich aus der Umgebung zu entfernen – erstens, um das Risiko für Menschen zu reduzieren, zweitens, um die Weiterverbreitung innerhalb der Robbenpopulation einzudämmen.“
Tierärztin Ilse Jenkinson testet unterdessen an zahmen Robben im Two Oceans Aquarium, wie effektiv die Impfstoffe wirken, die für Haustiere entwickelt wurden. Die Behörden konzentrieren sich bei ihren Impfungen bislang vor allem auf die habituierten Pelzrobben in den Häfen von Kapstadt und Umgebung, die dort oft zum Beispiel Menschen um Fisch anbetteln. „Durch die Impfung der identifizierten, an Menschen gewöhnten Robben in diesen bestimmten Gebieten wird das Risiko, dass sie sich mit der Krankheit infizieren, erheblich verringert. Dies wiederum reduziert das Risiko einer Tollwutübertragung auf die Öffentlichkeit, die diese Bereiche nutzt“, sagt Jenkinson. Massenimpfungen ganzer Pelzrobben-Kolonien bleiben derweil unmöglich – ginge es doch um Zehntausende Tiere auf unzugänglichen Inseln oder Küstenabschnitten, die zudem keine toten Fischköder annehmen.
Für Populationsbiologen wie Greg Hofmeyr bleibt es eines der wichtigsten Gebote, die anderen Robbenarten zu schützen, besonders jene, die oft in Kontakt mit den Pelzrobben kommen und dann wieder in antarktische Regionen weiterziehen. „Diese anderen Robbenarten, die hier zu Besuch kommen, könnten bei einer Infektion das Virus ins Südliche Polarmeer tragen und es dort in völlig neue Populationen einführen“, warnt Hofmeyr. Dies gelte es mit gezielten Impfungen zu verhindern. Hofmeyrs Spritze liegt für den nächsten Einsatz am Strand schon bereit. //
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