Zugegeben, schön sind sie nicht: Rückegassen mit tiefen, pfützendurchzogenen Fahrrinnen, tote Holzstämme oder Tierkadaver. In der Ökologie des Waldes spielen sie jedoch eine wichtige Rolle. Alle drei bilden bedeutende Biotope für unzählige Tiere und Kleinstlebewesen. Für sie sind diese Brutstätten überlebenswichtig. Text: Monika Offenberger
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Ein Waldspaziergang ist Erholung pur. Schon die Bewegung tut gut, dazu kommt ein Feuerwerk für die Sinne: das frische Grün, der Duft von Laub und Fichtennadeln, das Moos unter den Sohlen. Kein Wunder, dass es die Menschen scharenweise in den Wald zieht. Vier Millionen Besucher strömen jedes Jahr allein in den Naturpark Schönbuch südwestlich von Stuttgart. Sie wollen Pilze finden, einen Specht trommeln hören, Eichhörnchen beobachten oder sogar ein scheues Reh.
„Und wenn sie dann so eine Rückegasse sehen, wo die Holzerntemaschine Fahrspuren in den Dreck gedrückt hat, dann regen sich manche Waldbesucher fürchterlich auf“, erzählt Winfried Seitz. Der Revierförster betreut den im Naturpark gelegenen Stadtwald Herrenberg. Regelmäßig bietet er auch naturkundliche Exkursionen an. Wer sie mitgemacht hat, sieht besagte Fahrspuren mit anderen Augen. Denn darin bilden sich Pfützen, in denen sich die streng geschützte Gelbbauchunke Bombina variegata vermehrt. Die hässlichen Furchen sind also ein wertvolles Biotop für diese stark gefährdete Amphibienart. Besser gesagt: fast das einzige Refugium, das ihr in unserer Kulturlandschaft geblieben ist. Ihre natürlichen Lebensräume, die regelmäßig überschwemmten Auen der Bäche und Flüsse, wurden schon im vorletzten Jahrhundert bis auf wenige Reste zerstört. „Und so ist die Gelbbauchunke eben in den Wald gewandert, wo durch die Forstwirtschaft passende Ersatzlebensräume für sie entstanden sind“, berichtet Winfried Seitz.
Hilfreiche Holzerntemaschinen
Tatsächlich sind die wassergefüllten Fahrrillen, die ebenso zufällig wie verlässlich bei der Holzernte entstehen, heute die mit Abstand wichtigsten Laichgewässer der Gelbbauchunke. Das ergab ein Forschungsprojekt der Universität Hohenheim im Naturpark Schönbuch und fünf weiteren Waldflächen in Baden-Württemberg. Ähnlich gut geeignet sind nur Quellen, Wildschweinsuhlen oder Pfützen in den Mulden entwurzelter Bäume – allesamt Mangelware. Dagegen fallen die Fahrspuren bei der Holzernte jedes Frühjahr von Neuem an. Also genau dann, wenn die Unken aus ihrer Winterstarre erwachen und sich fortpflanzen wollen. Fließende und dauerhaft stehende Gewässer wie Tümpel oder Seen sind für diese Amphibien ungeeignet. Der Förster erklärt, warum: „Dort werden ihre Eier und Kaulquappen von Fischen, Molchen und Libellenlarven gefressen. Nur in frisch gebildeten Pfützen ohne Feinddruck können genug Kaulquappen heranwachsen und an Land kriechen.“
Die braunen Lurche mit dem grell gefärbten Bauch scheinen das zu wissen. Während andere Frösche, Kröten und Molche zum Laichen an die Gewässer ihrer Geburt zurückkehren, hält Bombina variegata Jahr für Jahr nach neuen Kinderstuben Ausschau. Sie nimmt dafür weite Wanderungen in Kauf, nachweislich bis zu vier Kilometer. Dabei sind die Tiere eigentlich recht ortstreu, sofern sie in der Umgebung stets neue Pfützen finden. Dann lassen die Weibchen den ganzen Sommer mal hier, mal dort bis zu einem Dutzend Eier ins Wasser gleiten – und erhöhen damit die Chance, dass genügend Nachwuchs überlebt.
Pflanzen können nicht fliehen, wenn Trockenheit, Hitze oder Krankheitserreger zuschlagen. Stattdessen reagieren sie mit fein abgestimmten Strategien auf Stress.
Biologie
SMS von Mama: So entwickeln sich Pollen
3. Juli 2026
Woher weiß ein Pollen, was er werden soll? Wichtige Anweisungen dafür kommen offenbar als molekulare „SMS“ aus mütterlichem Pflanzengewebe.
Auch die Forstwege selbst bergen neben Risiken auch Chancen für bedrohte Tiere und Pflanzen. Zwar dienen sie zusammen mit den Rückegassen vor allem der Erschließung und Bewirtschaftung des Waldes. Für kleine und weniger mobile Tiere stellen sie teils unüberwindliche Barrieren dar. Zudem wird beim Bauen, Warten und Befahren von Forstwegen der Waldboden verdichtet und kann dadurch weniger gut Wasser speichern. Deshalb sollte das Wegenetz im Wald auf das Nötigste beschränkt werden. Fakt ist aber auch, dass entlang von Forstwegen wertvolle Lebensräume entstehen, die anderswo selten oder ganz verschwunden sind. Das belegt ein dreijähriges Forschungsprojekt in fünf ausgewählten Regionen Österreichs, bei dem 126 Forststraßen samt der angrenzenden Waldflächen auf einer Strecke von jeweils 100 Metern Länge ökologisch bewertet wurden.
Das Ergebnis fiel überraschend positiv aus: 83 unterschiedliche Biotoptypen kamen zum Vorschein, darunter 28, die laut Roter Liste als gefährdet gelten, und 16, die bereits stark gefährdet sind. Zum Beispiel trockene Waldsäume oder feuchte Magerrasen, auf denen jeweils unterschiedliche Orchideen gedeihen. Blütenreiche Hochstaudenfluren, die mehr als 40 verschiedene Tagfalter und Bärenspinner mit Nektar und Raupenfutter versorgen. Totholzreiche Naturhecken, die Maus und Igel Verstecke bieten. Wassergräben entlang der Wege, in denen Kaulquappen neben Libellen und weiteren Insekten heranwachsen. Sonnenbeschienene Böschungen, in denen vielerlei Sandbienen, Erdwespen und Hummeln ihre Nisthöhlen anlegen. Dazu kilometerlange Trockenmauern, die im steilen Gelände die Forstwege befestigen: Dort finden streng geschützte Reptilien wie Schlingnatter, Blindschleiche, Zaun- und Mauereidechse, aber auch besonders wärmeliebende Insekten wie die Waldgrille Nahrung und Unterschlupf. Fast die Hälfte der 172 in der Studie erfassten Tierarten sowie 95 Prozent der Pflanzen fanden sich ausschließlich entlang der betrachteten Forstwege, nicht aber im angrenzenden Wald. Indem sie Ersatz für anderswo schwindende Biotope bieten, tragen Forstwege also entscheidend zur Bereicherung der Artenvielfalt bei.
Besonders viele Arten finden auch in Baumhöhlen Schutz und Nahrung. Diese Biotope entstehen natürlicherweise, wenn Fäulnispilze und -bakterien ins zunächst frische Holz eindringen und es allmählich zersetzen. In der morscher werdenden Holzmasse bilden sich Hohlräume, die von zahlreichen Insekten, aber auch von Vögeln und Säugern genutzt werden. Wenn das Material weich genug ist, picken zum Beispiel Hauben- oder Weidenmeisen ihre Bruthöhlen hinein. Gerne beziehen die Meisen auch bestehende Höhlen, die einst von einem Mittel- oder Buntspecht gezimmert und später aufgegeben wurden.
Tatsächlich sind Spechte die wichtigsten Baumeister von Baumhöhlen – und zwar jeder auf seine Art: Der nur 15 Zentimeter große Kleinspecht kann nur in sehr weichem, morschem Holz eine Höhle anlegen. „Das Männchen präsentiert die fertige Höhle seiner Partnerin. Die legt gleich ihr erstes Ei da rein und klaut ihm quasi seine Schlafhöhle. Dann muss er sich eine neue bauen“, erzählt Volker Zahner, Professor für Zoologie, Wildtierökologie und Entomologie an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf.
Bunt- und Mittelspechte können auch in weniger weiches Holz Löcher schlagen. Und der bis zu 55 Zentimeter große Schwarzspecht kann sogar vitale Buchen bearbeiten. Allerdings nur, wenn ihr Kern schon geschwächt ist, betont Volker Zahner: „Um das herauszufinden, testet er zuerst, ob eine Fäule im Stamm sitzt. Das hört er beim Klopfen an der veränderten Resonanz. Falls ja, beginnt er mit einer kleinen Initialhöhle und lässt sie dann eine Zeit lang ruhen.“
Mit seinem befiederten Schnabel hat der Schwarzspecht jede Menge Pilzsporen mitgebracht, die ihr Zersetzungswerk beginnen. „Und nach ein, zwei Jahren kommt er wieder und probiert aus, ob die Initialhöhle schon etwas weicher ist, und arbeitet sie dann komplett aus. Er braucht also ein bisschen Unterstützung von den Schwammpilzen, damit er diese harten, vitalen Buchen überhaupt bearbeiten kann“, so der Zoologe.
Die Höhlen der Schwarzspechte sind begehrt
Schwarzspechte nutzen ihre Höhlen meist fünf bis sieben Jahre lang, bevor sie sich ein neues Heim zimmern. Dabei bewohnt jedes Pärchen bis zu sieben Höhlen gleichzeitig: Das Männchen schläft nachts bei den Jungen in der Bruthöhle, das Weibchen wechselt zwischen mehreren Schlafhöhlen, um sich vor Marder und Habicht zu schützen. Weitere Höhlen dienen als Reserve für Verluste, die durch umstürzende Bäume entstehen. Schwarzspechthöhlen – bewohnte ebenso wie verlassene – sind eine begehrte Ressource, um die sich zahlreiche Tiere streiten. Gut zwei Dutzend verschiedene Vögel, also die Hälfte unserer waldbewohnenden Vogelarten, sind Höhlenbrüter. Vor allem große Arten wie Hohltaube, Raufußkauz oder auch Waldkauz sind auf die geräumigen Höhlen der Schwarzspechte angewiesen, weil sie sonst wenige Alternativen haben. Grau- und Grünspechte nutzen die Höhlen ihrer großen Verwandten gerne zum Schlafen.
„Auch kleinere Vögel wie Kleiber oder Stare versuchen, darin zu brüten, und Bilche wie der Siebenschläfer nutzen sie zum Überwintern“, sagt Volker Zahner: „Wenn die Höhlen noch stärker ausgefault sind, dann gehen auch Fledermäuse rein, vor allem der Große Abendsegler. Baummarder ziehen ebenfalls ihre Jungen in diesen Schwarzspechthöhlen auf. Da ist wirklich was los.“ Das bekommen auch Habicht und Mäusebussard mit – und versuchen bettelnde Spechtjunge oder auch eine Hohltaube zu schlagen, die sich mit ihrer rundlichen Figur mühsam in den Höhleneingang zwängen muss.
Wenn der letzte Vogel ausgezogen ist, kommen neue Nachmieter: Pilze, Milben und Insekten zersetzen Nistmaterial, Kot und Federn, die sich im Lauf der Zeit angesammelt haben. In dieser Masse, man nennt sie Mulm, leben spezialisierte Pilze und Insekten wie Hirschkäfer oder Eremit – sowie deren Gegenspieler, etwa ein Käfer namens Feuerschmied, der die Eremitenlarven frisst. „Auch die Braune Holzameise kommt in diesem Holzmulm vor und produziert selber wieder Abfälle, die zum Beispiel von Milben zersetzt werden, von denen sich wieder andere Ameisen und Käfer ernähren“, sagt Volker Zahner: „Es ist eine eigene Welt. Man kann gar nicht beziffern, wie viele verschiedene Spezies da zusammenleben.“
Ähnlich komplexe Lebensgemeinschaften bilden sich in einem Biotop, das man in unseren Wäldern so gut wie nie zu sehen bekommt: Tierkadaver. Wie sterbende Bäume mit ihrem toten Holz neues Leben schaffen, ernähren auch verendete Wildtiere unzählige Arten von Mikroben, Pflanzen und Tieren. An einem einzigen Hirschkadaver können ein paar Hunderttausend Maden fressen, die wieder Nahrung für andere Insekten sind, für Ameisen, Wespen, Aaskäfer. Dazu kommen in Mitteleuropa mehr als 100 Wirbeltierarten, die Aas oder darin lebende Insekten verwerten, darunter mindestens ein Drittel unserer Vogelarten. „Kolkraben und Elstern sind unter den Ersten am Kadaver, oft auch Seeadler. Kleiber tragen Aasstücke weg, Rotkehlchen picken Maden auf, Kohlmeisen fressen beides und tragen dazu noch das Fell für den Nestbau ein“, erzählt René Krawczynski. Der Zoologe hat schon 2008, als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Allgemeine Ökologie der Universität Cottbus, tote Füchse, Dachse, Wildschweine, Rehe und Rothirsche ausgelegt und ihr Schicksal dokumentiert. Damals wurde die Kadaverökologie noch von vielen als Spinnerei abgetan. Erst allmählich erkennt man die Bedeutung von Aas für die Biodiversität.
Dem Wald werden Nährstoffe entzogen
Denn ökologisch betrachtet sind tote Wildtiere eine gigantische Nährstoffquelle. Ihre Biomoleküle gelangen zum Teil in die tierische Nahrungskette, zum Teil aber auch ins Erdreich, wo sie von Mikroben, wirbellosen Tieren und Pflanzen verwertet werden. Ein 30 Kilogramm schwerer Kadaver reichert den Boden mit rund vier Kilogramm Stickstoff je Quadratmeter an, dazu kommen Mineralien und Spurenelemente. Um vergleichbare Düngermengen in der Landwirtschaft auszubringen, braucht es rund 100 Jahre. Dem Wald aber werden mit den großen Wildtieren seit Jahrhunderten Nährstoffe und Mineralien entzogen, so Krawczynski: „Aus den Jagdstatistiken geht hervor, wie viel Rot-, Reh- und Schwarzwild geschossen wird, meist mit genauen Gewichtsangaben. Pro Jahr summiert sich das auf mehrere Tonnen Biomasse. Ihre ständige Entnahme führt zu einer extremen Verarmung der Waldböden.“
Was würde passieren, wenn man mehr tote Wildtiere liegen ließe? Welche Organismen profitieren davon, wie reagiert die Vegetation? Welche Arten sind als Erste am Kadaver? Wie lange dauert es, bis er samt Knochen verschwunden ist? Um diese Fragen dreht sich ein interdisziplinäres Forschungsprojekt, bei dem 15 der 16 deutschen Nationalparks mitmachen. Leiter ist Christian von Hoermann, Zoologe am Lehrstuhl für Naturschutzbiologie und Waldökologie der Universität Würzburg. In früheren Studien hat er an nur 29 Wildkadavern im Nationalpark Bayerischer Wald ganze 3.725 Pilzarten, 1.820 Bakterien und 92 teils extrem seltene Käfer identifiziert, dazu Beutegreifer wie Rotmilan, Seeadler und Wildkatze. „Das entspricht fast der Hälfte der im Nationalpark nachgewiesenen Arten“, betont von Hoermann.
Kadaver: eine wichtige Ressource
Trotz ihrer immensen Bedeutung für die Artenvielfalt werden Wildtiere, die durch natürliche Ursachen oder
bei Verkehrsunfällen zu Tode kommen, überwiegend verbrannt oder anderweitig entsorgt. Dabei stellen sie – außer bei Verdacht auf Räude, Tollwut oder Schweinegrippe – keinerlei Gefahr für Mensch und Tier dar. „Warum geben wir dem Wald nicht wenigstens einen Teil der Tiere zurück, die wir mit dem Auto töten?“, fragt von Hoermann. Man müsse sie ja nicht offen im Straßengraben liegen lassen, sondern könne sie ins Dickicht ziehen. Die Jägerschaft zeige sich für solche Vorschläge zunehmend aufgeschlossen, betont der Zoologe: „Einige lassen die Eingeweide von frisch geschossenen Tieren im Wald liegen, wie es früher üblich war. Wenn sich das durchsetzen würde, wäre viel gewonnen.“
Wie dringend diese seltene Ressource benötigt wird, zeigte ein spektakulärer Vorfall im Nationalpark Eifel. Nur Stunden, nachdem man dort ein totes Reh ausgelegt hatte, machten sich 21 überwiegend junge Gänsegeier über den Kadaver her und verputzten ihn bis auf wenige Knochen. Anhand der Beringung, die auf den Kamerabildern zu erkennen war, ließen sich die Tiere identifizieren: Sie waren in Spanien und Südfrankreich aufgewachsen und diese weiten Strecken geflogen, um ihre vom Menschen unnötig verknappte Nahrung zu finden. //
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