Text: Robin Vornholz
Sanft schwebt ein Oktopus in einem Glasbehälter voll Wasser. Er bewegt sich auf eine Nuckelflasche mit Schraubverschluss zu, die mit im Container schwimmt. In ihrem Inneren glitzert verlockend ein kleiner silberner Fisch. Die Belohnung für den neugierigen Tintenfisch – vorausgesetzt, er versteht, dass er dafür den Deckel aufdrehen muss. Schnell hat der Oktopode herausgefunden, dass er durch das kleine Loch im Nippel den Fisch mit einem seiner Tentakel erreichen und packen kann. Ärgerlich nur, dass die Beute zu groß für die winzige Öffnung ist. Mehrmals versucht er, seinen Fang herauszufischen, inspiziert die Flasche genauer. Immer hektischer und aggressiver werden seine Bewegungen bei dem Bestreben, den Fisch durch die Öffnung zu ziehen. Der Versuch nimmt ein jähes Ende, als der Krake kurzerhand den kompletten Nuckel abreißt und so endlich an sein Futter kommt.
Wer jemals in ähnlicher Weise an einer unpraktischen Verpackung herumgerissen und über sie geschimpft hat, kennt das Gefühl dieser speziellen Frustration zu gut. Sie hat sogar einen eigenen Namen: Packaging Rage. Aber ist ein Oktopus wirklich in der Lage, so ein komplexes Gefühl zu empfinden?
Fühlende Wesen
Charles Darwin hätte das zu Lebzeiten bejaht. 1872 veröffentlichte er sein Buch „The Expression of the Emotions in Man and Animals“, welches der Frage nachgeht, wie Emotionen entstehen und welchen Sinn sie haben. Es ist eines seiner unbekanntesten Werke – vielleicht, weil es mit den gängigen Vorstellungen des 20. Jahrhunderts brach, nach denen der Mensch in Abgrenzung zum Tier als die Krone der Schöpfung galt. Darwin hingegen bezog beide gleichermaßen in seine Überlegungen mit ein, stellte sie so auf eine Stufe. Außerdem galt es in der Forschung generell als unwissenschaftlich und verpönt, das Verhalten von Tieren auf mögliche Emotionen zurückzuführen. Doch genau das tat Darwin in seinem Buch. Allerdings kam noch etwas Weiteres dazu: unsauberes wissenschaftliches Arbeiten. Darwin beschrieb nämlich eher Anekdoten, unter anderem von seinem Hund, statt systematisch Daten zu erheben.
Auch heutzutage zirkulieren viele Anekdoten über gefühlvolle Reaktionen von Tieren: Seien es tragische Geschichten trauernder Elefanten, verzweifelte Kühe, deren Kalb weggenommen wird, oder lustige Erzählungen über neidische Krähen. Wer jemals von einem Hund schwanzwedelnd begrüßt wurde oder die Launen einer Katze ertragen musste, ist sich sicher: Tiere haben durchaus Gefühle. Nicht nur Tierhalter und -schützer sind sich da einig; mittlerweile ist die Ansicht gesellschaftlich weit verbreitet – zumindest Säugetieren spricht man komplexe Empfindungen zu. Um solche Annahmen zu beweisen, müssen sie jedoch wissenschaftlich untersucht werden. „Die Forschung hilft dabei, gesicherte Argumente in der Hand zu haben, wenn es zum Beispiel um artgerechte und gesunde Tierhaltung geht“, erklärt Sylvia Kaiser. Sie ist Verhaltensbiologin an der Universität Münster, wo sie das Verhalten, das Wohlergehen und die Persönlichkeitsentwicklung von Tieren erforscht.





