Das Wildkaninchen (Oryctolagus cuniculus) ist einer der erfolgreichsten Pflanzenfresser weltweit – und einer der schädlichsten. Denn die Langohren fressen fast alles, was grün ist und vermehren sich rapide. Einmal in eine neue Umgebung eingeführt, breiten sich die Kaninchen daher oft nahezu ungehemmt aus. Besonders dramatisch ist dieser Effekt auf Inseln. Oft haben die Fremdlinge dort keine natürlichen Feinde und die heimische Flora ist nicht an die Abwehr pflanzenfressender Säugetiere angepasst.
Auf den Spuren der Kaninchen von Teneriffa
“Die dramatische Auswirkungen der Wildkaninchen auf endemische Pflanzenarten sind gut dokumentiert und in vielen Fällen haben die Tiere Inselökosysteme völlig umgeformt”, erklären Jonay Cubas von der Universität von La Laguna auf Teneriffa und seine Kollegen. Weil Kaninchen beim Weiden leicht verdauliche und wohlschmeckende Gewächse bevorzugen, dezimieren sie oft gerade diese Pflanzen in ihrem Verbreitungsgebiet stark. Doch welche Folgen hat dies für endemische und potenziell seltene Pflanzen auf solchen von Kaninchen kolonisierten Inseln?
Um das zu klären, haben Cubas und sein Team den Kaninchenfraß auf der kanarischen Insel Teneriffa näher untersucht. Die Langohren wurden dort schon im 15. Jahrhundert von spanischen Siedlern eingeführt und haben sich seither über alle Lebensräume der Insel ausgebreitet. “Teneriffa ist eine der vielseitigsten Inseln der Kanaren, denn sie umfasst eine Reihe sehr verschiedenen Ökosysteme – von wüstenartigen Küstengebieten über immergrüne Tropenwälder bis zu alpinen Matten”, erklären die Forscher. Deshalb gebe es auf Teneriffa mehr endemische Pflanzenarten als auf jeder anderen Meeresinsel des Atlantiks. Für ihre Studie kartierten die Forscher typische Bissspuren von Kaninchen in Probenflächen verschiedenster Habitate.
Endemische Pflanzen bevorzugt
Das Ergebnis: In fast allen Gebieten fanden die Wissenschaftler Spuren der Fraßtätigkeit von Kaninchen. Am stärksten betroffen waren dabei Pflanzen in den offenen und halboffenen Landschaften höhergelegener Gebiete. Auffällig jedoch: Selbst im gleichen Gebiet schienen die Kaninchen endemische Gewächse besonders häufig fressen. “Unter den endemischen Arten zeigten 67 Prozent Schäden durch Kaninchenfraß”, berichten Cubas und seine Kollegen. “Bei den nichtendemischen oder nichtheimischen Arten waren dagegen im Schnitt nur 30 Prozent geschädigt.”
Je spezifischer und einzigartiger eine Pflanze war, desto besser schien sie den Langohren zu schmecken. Die Fraßschäden an den nur auf Teneriffa vorkommenden Arten waren deutlich häufiger als an Pflanzen, die auch auf anderen Kanareninseln oder im Mittelmeerraum wachsen. “Als Folge hemmt der anhaltende Fraßdruck der eingeführten Pflanzenfresser die Regeneration der endemischen Pflanzenarten oder verhindert sie sogar ganz”, sagen die Forscher. “Auf Teneriffa sind dadurch 40 Prozent aller Pflanzenarten und bis zu zwei Drittel der endemischen Spezies durch den Kaninchenfraß beeinträchtigt.”





