Ein dritter Pilz im Bunde
Doch all die Jahre haben Experten offenbar eine wichtige Eigenschaft dieser Lebensgemeinschaft übersehen. Denn wie Spribille und seine Kollegen nun herausgefunden haben, bestehen einige der häufigsten Flechtenarten gar nicht aus zwei Partnern – sondern aus drei. Die Biologen entdeckten den Dritten im Bunde der Symbiose auf der Suche nach einer Erklärung für ein Rätsel um zwei eng verwandte Flechtenarten: Bryoria tortuosa und Bryoria fremontii bestehen aus exakt dem gleichen Pilz und der gleichen Alge, unterscheiden sich jedoch deutlich. Während B. fremontii braun ist, sind die Vegetationskörper von B. tortuosa gelb: Die Flechte produziert in großen Mengen die toxische Vulpinsäure, die diese Färbung verursacht. Wie aber kommen diese frappierenden Unterschiede der beiden Arten zustande? Um das zu ergründen, analysierten die Forscher die RNA der Symbiose-Partner. Diese Moleküle agieren als wichtige Informationsüberbringer und kontrollieren unter anderem die Genaktivität.
Die Analyse lieferte jedoch zunächst keine Antwort: Sowohl sämtliche Gene des bekannten Pilzpartners als auch die Gene der Alge wurden in beiden Arten gleich stark exprimiert. Deshalb erweiterten die Wissenschaftler anschließend ihre Untersuchung – und fahndeten nicht mehr nur gezielt nach RNA der bekannten Mitglieder der Lebensgemeinschaft. Dabei entdeckten sie Überraschendes: Insgesamt 506 genetische Signaturen wiesen auf die Präsenz eines zweiten Pilzes hin – und diese Gene wurden in der Tat bei beiden Arten unterschiedlich exprimiert. Ein bisher unbekannter Cyphobasidium-Hefetyp aus dem Stamm der Basidiomecetes war demnach Teil der Lebensgemeinschaft: “Er war in den Vegetationskörpern beider Arten vorhanden, kam in B. tortuosa jedoch weitaus häufiger vor”, schreibt das Team.
Kein Einzelfall
Spribille und seine Kollegen vermuteten, dass es sich bei diesem heimlichen Dreier womöglich nicht um einen Einzelfall handelt. Sie begannen, auch andere Flechtenarten auf die Hefe zu untersuchen. Die Ergebnisse zeigten: Der zweite Pilz ist in vielen Flechten zu finden, die auf der ganzen Welt verbreitet sind – von der Antarktis, über Japan, bis nach Südamerika und Äthiopien. Den Forschern zufolge ist der Pilz bei mindestens 52 Gattungen Teil der Symbiose. Genetische Vergleiche mit den engsten Verwandten des Hefepilzes offenbarten zudem, dass die drei Mitglieder des Flechtenorganismus wahrscheinlich auf eine lange gemeinsame Geschichte zurückblicken. Demnach entwickelte sich der Pilz zeitgleich mit den ersten Flechten.





