Astronauten nehmen blinde Passagiere mit an Bord: normalerweise harmlose, inaktive Viren, die sich in die Zellkerne von Körperzellen eingenistet haben. Die körperlichen und psychischen Belastungen eines Raumflugs schwächen das Immunsystem und können diese Mikroben wieder zum Leben erwecken, berichten amerikanische Wissenschaftler im Fachblatt Psychosomatic Medicine.
Mehr als 90 von 100 Menschen werden in jungen Jahren mit dem weltweit verbreiteten Epstein-Barr-Virus (EBV) infiziert. Das bleibt entweder ohne unmittelbare Folgen oder verursacht das Pfeiffersche Drüsenfieber (Mononukleose), eine Erkrankung des lymphatischen Gewebes. In beiden Fällen baut das Virus seine DNA dauerhaft in die Zellkerne bestimmter Zellen ein. Es ist seit langem bekannt, dass ein geschwächtes Immunsystem diese latenten Viren im späteren Leben wieder aktivieren und damit eine Erkrankung auslösen kann.
In Zusammenarbeit mit dem Johnson Space Center der NASA untersuchten Wissenschaftler der University of Texas in Galveston, ob der Stress eines Weltraumflugs das Immunsystem von Astronauten schwächt und EB-Viren reaktiviert. “Wenn die Faktoren Stress, geschwächte Immunfunktionen und verstärkte Strahlenbelastung zusammenkommen: Kann das auf einer Langzeitmission Lymphknotenkrebs verursachen?”, fragte sich Raymond Stowe.
Er und seine Kollegen untersuchten 28 Astronauten, die an Space-Shuttle-Flügen teilnahmen. Vor dem Start und nach der Landung analysierten sie Virusantikörper im Blut und Stresshormone im Urin. Bei zwölf Astronauten sank die Immunabwehr gegen EBV während des Weltraumflugs deutlich. Gleichzeitig wurde eine Virusreaktivierung festgestellt. Dieselben Personen wiesen auch die höchsten Konzentrationen an Stresshormonen auf.
Von den relativ kurzen Shuttleflügen, die zwischen fünf und 16 Tage dauerten, ginge zwar noch keine Gefahr für die Gesundheit aus, sagt Stowe. “Aber bei interplanetaren Langzeitflügen könnte sich die nachlassende Fähigkeit, Viren abzuwehren, negativ auf die Gesundheit und das Überleben der Besatzung auswirken.” Das müsse zum Beispiel, so Stowe, bei einer zweijährigen Reise zum Mars berücksichtigt werden.
Joachim Czichos





