Seit 1999 wird jedes Jahr ein „Insekt des Jahres“ gekürt. Ein Kuratorium, dem namhafte Insektenkundler und Vertreter wissenschaftlicher Gesellschaften und Einrichtungen angehören, wählt dafür jedes Jahr aus zahlreichen Vorschlägen ein Insekt aus. Es entscheidet sich dabei häufig für Spezies, die eine große ökologische Bedeutung besitzen, aber deren Bestand bedroht ist. Die Wahl soll das Wissen über die betreffende Art erweitern und sie stärker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken.
Kot als Leibspeise
Für das Jahr 2024 ist nun der Stierkäfer (Typhaeus typhoeus) zum Titelträger gewählt worden. Der 1,4 bis zwei Zentimeter große Käfer ist von Nordafrika über Westeuropa bis ins östliche Mitteleuropa verbreitet und verdankt seinen Namen den drei Hörnen auf der Stirn, von denen zwei wie bei einem Stier nach vorn zeigen. Die schwarz glänzenden Stierkäfer gehören zur Familie der Mistkäfer und ernähren sich wie sie von Dung. Dabei bevorzugen sie den Kot pflanzenfressender Tiere wie Kaninchen, Rehen, Rindern, Schafen und Pferden und nutzen ihn auch, um damit ihren Nachwuchs aufzuziehen. Die Stierkäfer rollen den Dung dafür zu einer großen Kugel, die mehr als das 1000-fache ihres eigenen Körpergewichts wiegen kann, und befördern diese dann in eine unterirdische Brutkammer. Wenn die Stierkäfer-Larven in diesem bis zu 1,50 Meter tiefen Gangsystem aus ihren Eiern schlüpfen, kriechen sie direkt zum Kot und fressen daran. Innerhalb eines Jahres haben sich die Larven dann zu erwachsenen Käfern entwickelt.

Ihre Leidenschaft für Kot kommt jedoch nicht nur den Stierkäfern und ihrem Nachwuchs zugute, sondern auch dem gesamten Ökosystem, wie Thomas Schmitt vom Deutschen Entomologischen Institut in Müncheberg erklärt: „Die kotfressenden Tiere sind für unsere Ökosysteme enorm wichtig, da sie dafür sorgen, dass die Hinterlassenschaften von pflanzenfressenden Tieren schnell entsorgt werden und sich keine Parasiten ansiedeln können.“ In der Regel lassen Stier- und andere Mistkäfer den Dung innerhalb von nur wenigen Tage verschwinden. Als Nebeneffekt transportieren sie dabei auch im Kot enthaltene Pflanzensamen zu neuen Orten und helfen so bei deren Verbreitung. Wenn sie sich an Kuhfladen bedienen, sorgen die Käfer außerdem dafür, dass weniger darin steckende Treibhausgase in die Atmosphäre gelangen. Allein in Großbritannien haben diese Dienstleistungen der Stierkäfer einen geschätzten Wert von 400 Millionen Euro pro Jahr.





