Säugetiere, Vögel und andere Tiere fressen die Früchte von Pflanzen und verbreiten über ihren Kot die darin enthaltenen Pflanzensamen in der Natur. Einige Tiere transportieren Pflanzensamen auch über ihr Fell oder Gefieder in entfernte Regionen – teils weiter als der Wind die Samen tragen würde. Sie ermöglichen Pflanzen damit, sich über ihre unmittelbare Umgebung hinaus auszubreiten und sind daher wichtige Helfer in der pflanzlichen Fortpflanzung. Diese Tier-Pflanzen-Beziehungen sorgen auch für stabile Ökosysteme und fördern die Biodiversität.
Doch in Gegenden, wo der Mensch in die Lebensräume der Tiere eingreift, sie unterteilt oder zerstört, nehmen deren Populationen oft ab und die Artenvielfalt sinkt. Infolgedessen könnte auch die Reproduktion der Pflanzen gefährdet sein. Doch auf wie viele Pflanzenarten trifft dies tatsächlich zu?
Bestandsaufnahme der Tier-Pflanze-Interaktionen
Um das herauszufinden, hat ein Team um Sara Beatriz Mendes von der Universität Coimbra in Portugal nun in wissenschaftlicher Literatur nach solchen Tier-Pflanzen-Paaren in Europa gesucht. Die Forschenden analysierten 1843 Studien und schlüsselten so die jeweiligen Partner von 11.414 Samen-Interaktionen auf. Demnach waren daran 1902 Pflanzen- und 455 Tierarten beteiligt. Die Botaniker enthüllten so erstmals ein umfassendes Netzwerk der Samenverteilung europäischer Pflanzen – wenngleich es zwangsläufig unvollständig ist, weil nicht alle Interaktionen wissenschaftlich dokumentiert sind, wie sie betonen.
Die Auswertung ergab, dass jede der untersuchten Tierarten im Schnitt für die Verteilung der Samen von 13 Pflanzenarten sorgt. Jede Pflanzenart wiederum hat durchschnittlich neun tierische Samenverteiler. Die Pflanzen sind demnach nicht auf bestimmte Tierarten als Samenverteiler spezialisiert, sondern haben ein breites Helfernetzwerk. Bei einem Drittel dieser Tier-Pflanzen-Paare nahmen die Populationen der Pflanzen oder des tierischen Partners allerdings entweder ab oder galten laut der Roten Liste der Weltnaturschutzorganisation IUCN sogar als vom Aussterben bedroht. Trotz ihrer breitgefächerten Kooperationspartner hatten rund 30 Prozent der Pflanzen kaum noch tierische Helfer, die nicht in die Kategorie der „Verlierer“ mit sinkendem oder bedrohtem Bestand fallen, wie das Team berichtet.
Beatriz Mendes und ihre Kollegen schließen daraus, dass infolge der Veränderungen in der Fauna viele Pflanzen in Europa in einer „Samenkrise“ stecken. Die Forschenden hoffen, dass ihre Erkenntnisse dazu beitragen, künftig besonders gefährdete Tier-Pflanzen-Paare besser zu schützen.
Wie gravierend ist die „Samenkrise”?
Auch nicht an der Studie beteiligte Forscher sorgen sich angesichts der Ergebnisse um die Entwicklung der europäischen Pflanzen. „Sehr wichtige (nicht bedrohte) Ausbreiter sind Rotwild, Wildschweine, Schafe, Amseln, Elstern und Mönchsgrasmücke“, erklärt der Botaniker Helge Bruelheide von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. „Es gibt aber auch wichtige gefährdete Tierarten, wie Gartengrasmücke, Saatkrähe, Rotdrossel, aber auch Wisent.“ Ebenfalls bedroht sind laut Studie wildlebende Rentiere und Kaninchen sowie Eidechsen und Ameisen. „Mit dem Seltener-Werden dieser Ausbreiter vermindert sich auch das Ausbreitungspotenzial von Pflanzen, was eine wichtige Ökosystemleistung ist“, so Bruelheide.





