Durch den Klimawandel und andere menschliche Einflüsse verlieren viele Vogelarten ihre Brut- und Lebensräume. Dazu zählt auch der Austernfischer (Haematopus ostralegus), ein europaweit gefährdeter Küstenvogel, der an Stränden und in Dünen nistet. „Diese Vogelart brütet am Boden und kam ursprünglich in Europa nur entlang der Küsten vor. Dort haben sie heute jedoch bedingt durch Veränderungen ihrer natürlichen Lebensräume und der starken Zunahme ihrer Fressfeinde zumeist nur noch geringen Bruterfolg“, erklärt Franz Löffler von der Universität Osnabrück. Seit den 1980er-Jahren weichen die Vögel zur Brut daher vermehrt vom Strand ins Binnenland aus.
Wo brütet der Austernfischer in Siedlungen?
Wo der Austernfischer im urbanen Raum abseits der Küsten neue Nistplätze findet, hat nun ein Team um Löffler genauer untersucht. Dafür analysierten sie die Brutplätze von 24 Paaren dieser Art in Münster. Dabei zeigte sich, dass diese Vögel in Siedlungen oft auf Flachdächer neben Rasenflächen ausweichen, weil sie dort gute Brutbedingungen vorfinden: „Wie unsere Studie zeigt, brüten sie dort vor allem auf flachen Kiesdächern in der Nähe von Fußballplätzen. Die Struktur der Kiesdächer ähnelt den natürlichen Nistplätzen“, berichtet Löffler. Zudem bieten Flachdächer den Vögeln einen guten Schutz vor natürlichen Feinden wie dem Fuchs und vor Störungen durch den Menschen. Die Kiesdächer eignen sich damit besser als viele ländliche Nistplätze am Boden.
Ein ähnliches Brutverhalten wurde in Mitteleuropa bereits für Möwen und andere Bodenbrüter dokumentiert. Doch obwohl Möwen und Austernfischer beide zu den Watvögeln zählen und beide sich an die Stadtumgebung angepasst haben und auf Dächern brüten, gibt es deutliche Unterschiede. Denn die Austernfischer pflanzen sich in ihrem neuen Brutrefugium sogar besser fort als in ihrer natürlichen Umgebung: Die Art hat auf den Dächern einen bis zu fünfmal höheren Bruterfolg als in ihren natürlichen Lebensräumen, wie das Team feststellte.
Fußballrasen als Schlaraffenland für Vögel
Dass Möwen und andere Watvögel nicht im gleichen Maße von urbanen Flachdächern profitieren, könnte daran liegen, dass diese ihre Jungvögel gar nicht, kürzer oder mit anderer Nahrung füttern. Der Austernfischer fliegt für die rund sechswöchige Versorgung seiner Jungen jedenfalls gezielt die nahegelegenen Fußballplätze oder anderen städtischen Rasen an, wie die Forschenden herausfanden. Die Nähe zu Sportplätzen mit ihren Rasenflächen ist demnach entscheidend für das Überleben der Jungvögel.
Aber warum? „Fußballplätze mit Naturrasen bieten dem Austernfischer und auch einigen anderen Vögeln hervorragende Bedingungen für die Nahrungssuche. Da sie regelmäßig bewässert werden, trocknen die Rasenflächen während der gesamten Brutzeit nicht aus. Regenwürmer, die bevorzugte Nahrung des Austernfischers im Binnenland, bleiben daher häufig nahe der Oberfläche und sind im niedrigen Gras und weichen Boden eine leichte Beute für die Vögel“, so Löffler. Statt Weichtieren und Würmern aus dem Meer frisst der Austernfischer im Inland demnach Regenwürmer. Ein weiterer Vorteil des Sportplatzrasens: Weil er im Gegensatz zu vielen anderen städtischen Grünflächen auch bei Dürre durchgängig gewässert wird, bietet er dem Austernfischer eine verlässliche Nahrungsquelle. Mit dem Klimawandel könnte er daher künftig immer öfter auf flachen Kiesdächern neben Sportplätzen brüten.





