Bereits vor Tausenden von Jahren veränderten Menschen ihre Umwelt tiefgreifend. Sie schleppten invasive Arten ein oder zerstörten Ökosysteme. Aber sie schufen auch fruchtbare Böden und verhinderten großflächige Waldbrände. Vielleicht bewahrten sie uns sogar vor einer neuen Eiszeit.
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Text: Maike Brzoska
Bevor die ersten Menschen Hawaii betraten, waren die Inseln einzigartige Ökosysteme. Vielerorts wuchsen Cyanea-Pflanzen, das sind große palmenartige Gewächse mit herabhängenden purpurfarbenen Blüten. In den nebligen Bergwäldern duftete das Hawaiianische Sandelholz. Und in den Hochlagen wuchsen igelartig aussehende Silberschwert-Pflanzen wie das Maui Greensword. Bestäubt wurden viele Pflanzen vom hawaiianischen Honigfresser, einem Vogel mit leuchtend rotem Gefieder und hakenförmig gebogenem Schnabel, mit dem er den Nektar aus tiefen Blütenkelchen holen konnte.
Outdoorlabor Hawaii
Hawaii ist etwas Besonderes. Die Inseln waren über einen sehr langen Zeitraum ein weitgehend isolierter Archipel mitten im Pazifik. Entstanden ist er vor mehreren Millionen Jahren durch vulkanische Aktivität. Nur alle 50.000 bis 100.000 Jahre, so schätzen Forschende, schafften daher Samen, Sporen, Vögel oder Insekten die weite Strecke über den Ozean bis auf die Inselkette. Auf diese Weise entwickelte sich dort eine wahrhaft einzigartige Flora und Fauna, die an die Bedingungen vor Ort perfekt angepasst war.
Für die Archäologin Andrea Kay sind nach außen weitgehend abgeschirmte Inseln wie Hawaii ein Glücksfall. Sie forscht am Max-Planck-Institut für Geoanthropologie in Jena. Ihr Interesse gilt der Frage, wie die Menschen in prähistorischen Zeiten, also vor mehreren Tausend Jahren, Flora und Fauna veränderten und welche langfristigen Auswirkungen das auf das jeweilige Ökosystem hatte.
Die hawaiianischen Inseln eignen sich dabei ideal als Forschungsobjekt. „Sie sind wie ein großes Outdoorlabor. Man weiß, wann Menschen sie das erste Mal betreten haben und kann Flora und Fauna vorher und nachher miteinander vergleichen“, sagt Kay. Auf diese Weise lassen sich menschliche und natürliche Einflüsse vergleichsweise gut auseinanderhalten.
Die ersten Einwanderer, die vor 1.500 bis 2.000 Jahren einen Fuß auf Hawaii setzten, stammten von Inseln, die heute zu Polynesien gehören. Mit großen Kanus fuhren sie mehrere Tausend Kilometer von Ozeanien über den Pazifik – eine beeindruckende Leistung in Anbetracht der damaligen Möglichkeiten. Die Abenteurer importierten unter anderem Süßkartoffeln, Bananen und Kokosnüsse in ihre neue Heimat. Um sie anbauen zu können, mussten sie zunächst Teile der einheimischen Wälder roden. Mit an Bord der Kähne befanden sich auch Hühner und Schweine, außerdem ein paar blinde Passagiere: Ratten. Für solche invasiven Arten muss Hawaii eine Art Schlaraffenland gewesen sein. Überall fanden sie Eier einheimischer Vögel. Eine leichte Beute, weil sich deren Gelege oft am Boden befanden. Das war bis dahin gefahrlos möglich, weil es größere landlebende Räuber, welche die Eier hätten fressen können, vor Ankunft der Polynesier auf den Inseln nicht gab. Auch die Samen vieler Sträucher und Bäume waren für eingeschleppte Tiere ein gefundenes Fressen. Die schutzlosen Pflanzen hatten keine Abwehrmechanismen wie Stacheln gegen Fressfeinde entwickelt. Sie hatten sie einfach nie gebraucht.
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Infolgedessen verdrängten die mitgebrachten Pflanzen und Tiere die einheimischen Arten mit der Zeit. Komplette Lebensräume wurden umgestaltet oder zerstört. Deshalb sind viele Gewächse der hawaiianischen Urflora heute ausgestorben oder nur noch in streng geschützten Gebieten zu finden. „Nach Ankunft der ersten Einwanderer veränderten sich die hawaiianischen Inseln dauerhaft“, sagt Kay. Es entstanden neue ökologische Gleichgewichte.
Eingriffe des Menschen
Schon vor Tausenden von Jahren gestalteten also die Menschen ihre Umwelt tiefgreifend um. Zwar noch in einem geringeren Ausmaß als heute, doch die Folgen ihrer Handlungen sind bis in die Gegenwart spürbar. Und genau deshalb nehmen Wissenschaftler die prähistorische Zeit nun verstärkt in den Blick. „Seit rund 5.000 Jahren gibt es keinen Ort auf der Landkarte, den Menschen nicht verändert haben“, sagt der Archäologe Johannes Müller, der Professor für Ur- und Frühgeschichte an der Universität Kiel ist.
Neue Erkenntnisse wie diese verändern den Blick auf urzeitliche Gesellschaften. „Wenn wir über die damalige Zeit sprechen, verklären wir sie oft“, sagt der Geograf Florian Wittmann, der für das Karlsruher Institut für Technologie (KIT) arbeitet und regelmäßig im Amazonasgebiet forscht. Zum Beispiel dann, wenn es heißt, die Indigenen lebten im Einklang mit der Natur. „Aber auch damals gab es schon ökologische Katastrophen“, erklärt der Forscher. „Die unberührte Natur ist ein Mythos.“ Denn auch in früheren Jahrtausenden kam es durch menschliche Einflüsse zu einem Artensterben und zerstörten Ökosystemen, was bisher allerdings wenig bekannt ist. So auch bei den indigenen Stämmen, die seit rund 12.000 Jahren im Amazonasgebiet leben. Bis heute gibt es einige Baumarten, die dort sehr viel häufiger vorkommen als andere. Forschende sprechen von hyperdominanten Arten, dazu zählen vor allem der Kakao- und der Paranussbaum. Denn die indigenen Stämme siedelten häufig an Flussauen, wo diese Bäume vorkamen – und trugen dann zu ihrer weiteren Verbreitung bei. In der Folge verdrängten die hyperdominanten Pflanzen seltenere Arten. Das minderte die Biodiversität und veränderte Ökosysteme – Auswirkungen, die bis heute andauern. Dass die indigenen Stämme das Amazonasgebiet nicht schon stärker umgestaltet haben, liegt vor allem daran, dass das Gebiet insgesamt sehr dünn von ihnen besiedelt war.
„Im Prinzip ist es gar nicht möglich, dass der Mensch die Natur nicht beeinflusst“, sagt Wittmann. Denn er jagt Tiere, fällt Bäume, spuckt Kerne von Früchten aus und hinterlässt organischen Abfall, der den Boden dauerhaft verändert. Im Amazonasgebiet, wo die Böden größtenteils nährstoffarm sind, haben die Hinterlassenschaften der Indigenen dazu geführt, dass mancherorts humusreiche fruchtbare Erde entstand, die sogenannte Terra Preta. Übersetzt bedeutet das: schwarze Erde. Sie wird gebildet, wenn Holzkohle, Asche und organische Abfälle wie Pflanzenreste, Fäkalien oder Knochen in den Boden gelangen (siehe natur 4/24, S. 60).
Andrea Kay vom Max-Planck-Institut findet es wichtig, genau zu verstehen, wie die Menschen ihre Umgebung in der Vergangenheit verändert haben – und welche langfristigen Auswirkungen das hatte. Denn da gäbe es durchaus Beispiele, die in der heutigen Zeit hilfreich sein können. Die Ureinwohner Australiens etwa haben in trockenen Wäldern schon seit jeher regelmäßig Brände gelegt. Diese Art der Feuerökologie zur Landschaftspflege entwickelte sich über viele Tausend Jahre, wie Ausgrabungen belegen. „In Bodenproben fand man Holzkohle, die auf das regelmäßige Abbrennen hinweist“, sagt Kay.
Die kontrollierte Rodung der Aborigines hat vor allem zwei positive Folgen: Zum einen können sich auf diese Weise manche Pflanzenarten, zum Beispiel Eukalyptus- und Akazienbäume, vermehren, weil deren Samenhüllen erst bei großer Hitze aufbrechen. Zum anderen beseitigen die kontrollierten Brände bereits so viel des trockenen Unterholzes, dass sich unbeabsichtigte Feuer nicht mehr großflächig ausbreiten können. Denn es gibt dann schlicht weniger Brennmaterial, durch das die Feuer immer wieder anfacht werden können. Kay ist überzeugt davon, dass die riesigen Brände, die 2020 in Australien wüteten, nicht möglich gewesen wären, wenn man sich ein Beispiel an den Traditionen der Aborigines genommen hätte. Die Waldbrände damals gehören zu den schlimmsten in der Geschichte Australiens. Sie wüteten über viele Monate und zerstörten mehr als 18,6 Millionen Hektar Land, das entspricht der doppelten Fläche Österreichs.
Auch deshalb orientieren sich Fachleute an den Traditionen der Aborigines. „Mittlerweile gibt es ein Umdenken“, sagt Kay. An einigen Orten in Australien und auch in den USA werden nun regelmäßig kontrollierte Brände zur Landschaftspflege entfacht. In dieser Hinsicht macht man es heute also wieder genauso wie die Menschen vor vielen Tausend Jahren.
Wir waren, was wir aßen
Auch andere frühe Gesellschaften haben ihre Umwelt verändert. So begannen die Menschen in China bereits vor 8.000 bis 10.000 Jahren, Reis anzubauen. In hügeligen Regionen schufen sie dafür terrassenartige Felder. Von China brachten damalige Menschen die Nutzpflanze in weite Teile Asiens mit. Der großflächige Reisanbau verbrauchte jedoch schon damals viel Süßwasser und führte zu steigenden Methanemissionen. Denn die überfluteten Felder bieten ideale Bedingungen für Mikroorganismen, die das Gas produzieren.
Auch andere Getreidearten verbreiteten sich früh, einige sogar über den halben Globus. Ein Forscherteam der Universität Kiel hat beispielsweise rekonstruiert, wie Hirse die Welt erobert hat, und herausgefunden, dass das „Superfood“ der Bronzezeit bereits vor über 3.500 Jahren in China domestiziert worden ist. Von dort gelangte der Hirseanbau über die nördliche Schwarzmeerregion nach Norditalien und schließlich bis nach Nordeuropa. In weiten Teilen der Welt wurde Hirse zu einer wichtigen Nahrungsquelle. Das liegt daran, dass das Getreide viele Vorteile gegenüber anderen Sorten hat. Es wächst schnell und ist vergleichsweise dürreresistent. Das macht die Hirse zu einer idealen Kulturpflanze in trockenen Regionen. Schon damals wussten die Menschen das zu schätzen, aber auch heute, in Zeiten des Klimawandels, gilt die robuste Hirsepflanze vielerorts als das Getreide der Wahl.
Den damaligen Verbreitungsweg des Nahrungsmittels konnten die Forschenden unter anderem mithilfe von DNA-Analysen verfolgen. Dabei wird die genetische Erbinformation von Pflanzensamen und -resten, die bei archäologischen Ausgrabungen gefunden wurden, untersucht. Durch menschliche Selektion und zufällige Mutationen im Erbgut veränderte sich die Hirse im Laufe der Zeit. So lässt sich die geografische Verbreitung über die Jahrhunderte rekonstruieren.
Aber nicht nur die Untersuchung der DNA erlaubt einen Blick zurück in graue Vorzeit. „Wir haben seit ein paar Jahren eine extreme Zunahme an Analysemethoden“, sagt Johannes Müller. Das habe der archäologischen Forschung insgesamt einen enormen Push gegeben und die Möglichkeiten stark erweitert. „Wenn wir heute bei Ausgrabungen Proben mitnehmen, brauchen wir nur noch einen Bruchteil des Materials“, sagt Müller.
Die Fundstücke werden zum Beispiel mithilfe der sogenannten Isotopenanalyse auf Atomebene überprüft. Das spezifische Verhältnis der Isotope – die sogenannte Isotopensignatur – gibt dann Aufschluss über Ernährungsweisen und Umweltbedingungen der damaligen Zeit. Anhand der Signaturen von Knochen- oder Zahnfunden kann man zum Beispiel feststellen, ob sich ein Mensch von Fisch ernährt hat oder nicht. „Fischesser haben andere Isotopenwerte als Nicht-Fischesser“, erklärt Müller. Die Funde können auch Hinweise auf Wanderbewegungen des Menschen liefern. Das ist der Fall, wenn die Isotopensignatur von Knochen und Zähnen unterschiedlich ist. Denn die erwachsenen Zähne bleiben ein Leben lang erhalten, während sich Knochen alle sieben Jahre erneuern. Dank solcher Analysemethoden wissen Forschende inzwischen, dass die Menschen tatsächlich schon früher häufig in andere Regionen gewandert sind. „10 bis 30 Prozent der Bevölkerung waren mobil“, sagt Johannes Müller.
Ein menschengemachtes Erdzeitalter?
Die aktuellen Erkenntnisse über den Einfluss unserer Urahnen auf ihre Umwelt dienen einigen Forschenden auch als Argument in einer hitzig geführten Diskussion. Es geht darin um das sogenannte Anthropozän, das so viel wie „menschengemachtes Erdzeitalter“ bedeutet. Der Begriff beinhaltet die These, dass der Mensch seine Umwelt so stark umgestaltet hat, dass man eine neue Epoche ausrufen sollte. Eben das Anthropozän.
Frühere Erdzeitalter begannen oft nach einschneidenden Ereignissen wie großen Vulkanausbrüchen oder dem Aussterben von Arten, zum Beispiel dem der Dinosaurier. Nun wird debattiert, ob der Mensch einen ähnlich tiefgreifenden Einfluss hatte. Das Anthropozän würde auf das Holozän folgen, das vor 11.700 Jahren begonnen hat. In der Anthropozän-Debatte geht es aber nicht nur um die Frage, ob es ein menschengemachtes Erdzeitalter gibt, sondern auch darum , wann dieses begonnen haben könnte. Anders formuliert: Ab wann hat der Mensch so stark in seine Umwelt eingegriffen, dass sich das globale Klima und die Ökosysteme maßgeblich und unwiderruflich verändert haben?
Manche definieren die Industrielle Revolution vor etwa 250 Jahren als Startpunkt. Vor allem, weil seitdem fossile Brennstoffe großflächig eingesetzt werden, was unter anderem zur Klimaerwärmung beiträgt. Andere meinen, der Beginn des Anthropozäns sollte auf die 50er Jahre datiert werden, als die Weltbevölkerung stark zunahm. So stiegen auch der Einsatz von Düngemitteln, der Verbrauch von Süßwasser und die Industrieproduktion des Menschen stark an. Im Zusammenhang mit der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist daher auch von der „Großen Beschleunigung“ die Rede. Flugasche oder Atomwaffentests spielten ebenfalls eine Rolle. Die Rückstände davon werden noch sehr lange nachweisbar sein.
Und dann gibt es eben die Befürworter des sogenannten Frühen Anthropozäns. Unter ihnen sind viele Archäologen, die erforschen, wie menschliche Gesellschaften ihre Umwelt schon vor vielen Tausend Jahren nachhaltig beeinflussten.
Zu den bekanntesten Befürwortern der Hypothese gehört der Klimawissenschaftler William F. Ruddiman. In einer 2003 veröffentlichten Studie argumentiert er, dass die großflächige Entwaldung zur Gewinnung von Ackerland bereits vor Jahrtausenden zu einer dauerhaften Veränderung des Erdklimas beigetragen hat. Denn eigentlich, so Ruddiman, hätte sich unser heutiges Klima bereits abkühlen müssen. Die Warm- und Eiszeiten auf unserem Planeten folgen seit Jahrmillionen einem rhythmischen Muster. Unsere aktuelle Warmzeit sei allerdings ungewöhnlich lang und warm im Vergleich zu früheren Warmzeiten. Ruddiman argumentiert, dass das freigesetzte CO2 durch die Waldrodungen der frühen Bauern eine Abkühlung verhindert haben könnte. Als Beleg für seine These verweist er unter anderem auf Eisbohrkerne, die zeigen, dass die Konzentration von CO2 und Methan in der aktuellen Warmzeit ungewöhnlich hoch ist.
Würden wir also ohne das Zutun der ersten Bauern längst in einer neuen Eiszeit leben? Andrea Kay schmunzelt bei dieser Frage und zuckt mit den Schultern. Soll heißen: Das lässt sich nicht abschließend mit Ja oder Nein beantworten. Aber dank vieler neuer Erkenntnisse und Diskussionen darüber, wie unsere Urahnen schon vor vielen tausend Jahren ihre Umwelt verändert haben, kommt man der Antwort vielleicht ein Stück näher. //
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