Text: Phillipp Steiner
Wilhelmshaven. Ein Morgen an Niedersachsens Nordseeküste. Der Himmel ist blau und weiß. Blau ist auch der Rumpf und weiß sind die Aufbauten des Kutters Senckenberg, der am Morgen von Wilhelmshaven ablegt. In Sichtweite der Küste lassen Bootsmann und Matrose eine Baumkurre zu Wasser. Das Fanggerät besteht aus einem Metallgestell samt Netz. Die Seemänner bugsieren es per Bordkran ins Wasser. Für jeweils etwa eine Viertelstunde schleppt die Senckenberg das Gerät an mehreren Stellen über den Grund von Jade und Nordsee, die hier ineinander übergehen. Haben die Seemänner die Baumkurre gehievt und das Netz geleert, bilden sich feucht glänzende Haufen an Deck. Muscheln sind zu erkennen, Garnelen und Fische, darunter auch Seepferdchen. Zudem Krebse, von denen einige flink Richtung Meer krabbeln.
Auf Suche nach den Folgen alter Munition
Die Senckenberg ist ein Forschungsschiff. An Bord sind außer der Crew fünf Wissenschaftler. Sie beschäftigen sich mit den Folgen alter Munition im Meer. Die wurde bei Wilhelmshaven nach dem Zweiten Weltkrieg tausendtonnenfach verklappt, hier wie anderswo lautete die Devise: Bloß weg damit. Auch durch Minensperren, Gefechte, Unfälle und Manöver gelangte Munition ins Wasser. Ein amtlicher Bericht von 2011 geht von bis zu 1,6 Millionen Tonnen für die deutschen Seegewässer aus, teils stammt die Munition sogar noch aus dem Ersten Weltkrieg.
Es handelt sich fast ausschließlich um konventionelle Munition, daneben eine geringe Menge chemischer Kampfmittel. Die Objekte können noch explodieren. Mit der Zeit werde der Sprengstoff reib- und schlagempfindlicher, erklärt Alexander Bach vom Umweltministerium Schleswig-Holstein. Mit Munition in Berührung kommen könnten Menschen, die im Meer und auf Schifffahrtsstraßen arbeiten, so Bach. Zum Beispiel wenn Artilleriemunition im Fischernetz oder im Saugbagger bei Unterhaltungsarbeiten in der Elbe lande. Oder Handwaffenmunition an den Strand gespült werde.
In den letzten Jahren rückte noch eine andere Gefahr in den Fokus: Aus der verrottenden und verrostenden Munition werden Substanzen frei, die die Umwelt schleichend gefährden. Damit beschäftigen sich die Forscher der Senckenberg vor Wilhelmshaven. Dort liegt ein Verklappungsgebiet. An Deck sortieren die Wissenschaftler den Fang in schwarze Bottiche. Manche Tiere wie die Seepferdchen dürfen zurück ins Meer, andere landen im Nasslabor im Schiffsbug. Hier greift sich Jörn Scharsack vom Thünen-Institut für Fischereiökologie eine Flunder, wiegt und misst den Plattfisch: 75 Gramm, 19 Zentimeter. Er untersuche, „ob aus der Munition Substanzen austreten, die man in den Fischen wiederfindet“. Es geht vor allem um den Sprengstoff Trinitrotoluol, kurz TNT, ein Hauptbestandteil konventioneller Munition. „Den finden wir tatsächlich in Fischen, also auch hier aus dem Jadebereich.“ Scharsack nimmt den Tieren zum Beispiel Blut und Galle ab, späht nach Parasiten und Hautveränderungen. Daneben schaut sich Romina Schuster vom Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung (AWI) Organe wie die Leber an und präpariert Proben. Weitere Arbeiten sollen an Land folgen.





