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Sommer, Sonne, Stechmücke – und Krankheiten?
Wer kennt es nicht, das leise näher kommende „Bssssss“? Die einen nehmen es gelassen, für andere ist es mit der Ruhe vorbei. Zumal immer es immer wieder Schlagzeilen über durch Stechmücken übertragene exotische Krankheiten gibt. Doch wie groß ist die Gefahr?
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Text: Bettina Wurche
Die Stechmückenexpertin Mandy Schäfer sieht es erst mal entspannt. Die meisten Mücken sind harmlos und saugen nur Blütennektar. Nur wenn es ans Thema Nachwuchs geht, ändern sich bei den Weibchen die Gelüste. „Stechmückenweibchen steht nach der Paarung der Sinn nach Blut“, erklärt sie. „Sie brauchen die darin enthaltenen Proteine für die Bildung und Reifung ihrer Eier.“ Die Wissenschaftlerin leitet am Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit auf der Ostseeinsel Riems, das Labor für Stechmücken-Monitoring.
Mandy Schäfer weiß viel über ihre kleinen Forschungsobjekte, etwa dass die Insektendamen ihre Opfer über den Geruch aufspüren. Ausgeatmetes Kohlenstoffdioxid, Schweiß oder andere Körpergerüche weisen ihnen den Weg. Dann landen sie oft unbemerkt auf der Haut, stechen den Rüssel hindurch und saugen wie durch einen Strohhalm Blut. Das Weibchen paart sich zwar nur einmal, kann aber in seiner zwei- bis dreiwöchigen Lebensspanne mehrfach stechen und nach jeder Blutmahlzeit Eier produzieren.
Diese mehrfachen Blutmahlzeiten sind dann in Sachen Krankheitsübertragung die Wurzel des Problems: „Sticht eine Mücke einen infizierten Menschen, nimmt sie dabei auch Krankheitserreger auf“, erklärt Mandy Schäfer. Dabei kann es sich um Viren wie das in Deutschland endemische West-Nil-Virus oder um ein- und mehrzellige Parasiten wie Malariaerreger oder Fadenwürmer handeln. Die blinden Passagiere leben in der Stechmücke weiter: Viren vermehren sich, Larven der Fadenwürmer entwickeln sich zum infektiösen Stadium und die Malariaerreger durchlaufen eine geschlechtliche Entwicklung. „Die Stechmücken selbst sind durch die Aufnahme der Erreger meist nur geringfügig beeinträchtigt“, sagt Schäfer, „da sie den Erregern jedoch als biologische Vektoren dienen, ermöglichen sie deren Übertragung auf Tiere oder den Menschen.“
Mücken mögen Wasser und Wärme
Von den weltweit bekannten rund 3.500 Stechmückenarten leben etwa 150 in Europa und 56 in Deutschland. Ob und welche Erreger sie übertragen, hängt sowohl von der Art als auch von den äußeren Umständen ab, berichtet Mandy Schäfer. Als Vektorökologin erforscht sie die Ökologie der Blutsauger: „Haus- und Ringelmücken legen ihre Eier in Paketen, den sogenannten Ei-Schiffchen, an Wasseroberflächen ab.“ Da die Larven zwar aquatisch sind, aber Luft atmen, hängen sie meist direkt an der Wasseroberfläche. Zur Ernährung filtrieren sie organische Partikel und Mikroorganismen aus dem Wasser und übernehmen damit eine wichtige Rolle bei der Gewässerreinigung. Nach einigen Häutungen verpuppen sie sich und im Frühling oder Sommer schlüpft dann die erwachsene Mücke, die nur noch wenige Wochen für ihre Fortpflanzung lebt. Die detaillierten Kenntnisse der Stechmücken-Ökologie helfen bei ihrer Bekämpfung – etwa durch gezielte Reduzierung von Brutstätten.
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Seit Anfang des 20. Jahrhunderts spielten in Deutschland mückenübertragene Krankheiten kaum mehr eine Rolle. Davor gehörte das „Wechselfieber“ oder „Marschenfieber“, wie die von der Anopheles-Mücke übertragene Malaria tertiana genannt wurde, in der Nähe von Flüssen, Mooren und Sümpfen allerdings noch zum Alltag. Die letzte bekannte große Epidemie mit rund 4.000 Erkrankungen gab es 1918 im Kreis Emden. „Trockenlegungen von Feuchtgebieten entlang großer Flüsse wie dem Rhein und Flussbegradigungen haben diese Brutstätten vernichtet“, erklärt Mandy Schäfer. Außerdem verringerten bessere hygienische Bedingungen und medizinische Behandlungen die Ansteckungsrate unter den Menschen, so war die Malaria gegen Ende des 19. Jahrhunderts stark zurückgegangen. In Zeiten schlechter hygienischer Verhältnisse flammte Malaria noch einmal auf, wie nach dem Zweiten Weltkrieg im Emsland oder in Ostfriesland. Mit dem großflächigen Einsatz des Insektizids DDT in den 50-er Jahren verschwand die Krankheit in Deutschland.
Heute treten mückenübertragene Krankheiten hierzulande vor allem als importierte Infektionen auf, also wenn Menschen mit Malaria oder Dengue-Erregern von Auslandsreisen zurückkehren.
Nun begünstigt allerdings der Klimawandel auch in Europa wieder die Vermehrung, Ausbreitung und Aktivität der Blutsauger. Wärmere Temperaturen führen dazu, dass sie früher im Jahr aktiv werden und länger aktiv bleiben. Das ist günstig für die Brut und die Vermehrung von Erregern, die so bei uns heimisch werden könnten, wie das Robert Koch-Institut (RKI) warnt.
Im Osten Deutschlands hat sich das West-Nil-Fieber bereits etabliert, vor allem bei Vögeln. Einheimische Stechmücken können diese Erreger beim Stich aufnehmen und weiterverbreiten, etwa an Nutztiere oder auch an Menschen. Da die meisten Menschen allerdings unspezifische grippeähnliche und nur etwa ein Prozent neurologische Symptome entwickeln, gibt es keine verlässlichen Infektionszahlen, Forschende gehen von einer hohen Dunkelziffer aus.
Flughafen-Malaria
Malaria wird heute – meist als die gefährlichere Malaria tropica – vor allem durch Reisende aus tropischen Ländern mitgebracht und heißt darum „Flughafen-Malaria“. Wird ein Erkrankter gestochen, nimmt die Stechmücke den Erreger auf und kann ihn weiterverbreiten, wobei der Erreger Plasmodium für weitere Infektionen in der Mücke zunächst seinen Fortpflanzungszyklus durchlaufen muss. Dafür braucht er bei 16 Grad Außentemperatur etwa 38 Tage, bei 20 Grad etwa 17 Tage und bei 30 Grad noch sieben Tage. Bei den aktuellen Durchschnittstemperaturen in Mitteleuropa schafft er das innerhalb der Lebenszeit der Mücke kaum. Bei steigenden Temperaturen könnte sich das aber ändern.
Tiger- und Gelbfiebermücke
Anders als Gemeine Stechmücken (Culex pipiens), legen sogenannte Überschwemmungsmücken ihre Eier einzeln und auf feuchtem Boden ab, berichtet die Vektorökologin Schäfer. Bei eingeflossenem Wasser und Wärme schlüpfen die Larven dann gleichzeitig in großen Mengen und können dadurch sehr lästig werden. Die Mücken der Gattung Aedes sind solche Überschwemmungsmücken und an wechselfeuchte Bruthabitate angepasst – also an Brutplätze, die zeitweise trockenfallen und erst nach Regenereignissen wieder Wasser führen. Einige brüten in Überflutungsgebieten, während anderen wie der Tigermücke schon natürliche oder künstliche Kleinstgewässer wie Regentonnen, Blumenuntersetzer oder herumliegende Autoreifen genügen, erklärt Mandy Schäfer. Da solche künstlichen Mini-Tümpel oft in Wohngegenden entstehen, sei es bei der Bekämpfung dieser Arten wichtig, die Bevölkerung dafür zu sensibilisieren, solche potenziellen Mücken-Brutstätten zu vermeiden.
Zu den Aedes-Mücken gehören gleich mehrere problematische Arten, darunter die berüchtigte Tigermücke (Aedes albopictus), die Dengue- und Chikungunya -Viren auch auf Menschen übertragen kann. Diese Art hat sich zwar mittlerweile entlang des Rheins angesiedelt, aber nach Angaben des RKI bisher innerhalb Deutschlands noch keine Viren übertragen.
Auch diese Viren vermehren sich bei niedrigeren Temperaturen zu langsam für das kurze Mückenleben. Nach Einschätzung von RKI-Experten werden die Temperaturen für die Entwicklung des Chikungunya-Virus in Deutschland bald ausreichen, nicht aber für Dengue- und Zika-Viren. Die in Deutschland gestiegene Anzahl von Dengue-Fällen gehen auf Reisende zurück und bilden die steigenden Dengue-Infektionen in tropischen Gebieten ab.
Die nah verwandte Art Aedes aegypti überträgt vor allem Gelbfieber und heißt dementsprechend Gelbfiebermücke. Sie überlebt jedoch bislang die mitteleuropäischen Winter nicht. Koreanische und Japanische Buschmücken (Aedes koreicus und Aedes japonicus) können neben dem West-Nil-Virus und Chikungunya-Virus auch Japanische Enzephalitis übertragen, allerdings sind solche Fälle bisher in Deutschland noch nicht bekannt.
Kriebelmücken und Gnitzen: kleine Nervensägen
Auch die Weibchen der etwa 50 einheimischen Kriebelmücken-Arten brauchen Blutproteine von Säugetieren zur Ei-Produktion. Im Gegensatz zu ihren stechenden Verwandten raspeln sich diese nur millimetergroßen Mini-Mücken durch die Haut und lecken dann den aus der Wunde austretenden Blutstropfen auf. Da sie bei ihrem Angriff einen Cocktail aus Eiweißen in die Wunde absondern, merken ihre Opfer die Wunde erst verzögert. Der dann einsetzende starke Juckreiz kann jedoch Wochen anhalten, auch schwere allergische Reaktionen oder gar sekundäre Wundinfektionen bis zur Blutvergiftung sind möglich.
Die Opfer der Kriebelmücken sind bevorzugt Weidetiere wie Rinder und Pferde. Wenn die Mücken in zu dichten Schwärmen auftreten, bringen manche Halter ihre Tiere lieber in einen schützenden Stall.
Während die Mini-Mücken in den Tropen Fadenwürmer weitergeben können, die die sogenannte Flussblindheit verursachen, übertragen sie in Deutschland noch keine Krankheiten. Aber Forschende der Goethe-Universität in Frankfurt befürchten, dass aufgrund ihrer Anpassungsfähigkeit an ökologische Veränderungen Kriebelmücken-Probleme auch bei uns zunehmen werden.
Mücken-Monitoring und Mücken-Atlas
Dass Stechmücken Krankheitserreger übertragen, ist das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels zwischen Wirt, Erreger und Vektor und bestimmten Umweltbedingungen, fasst Mandy Schäfer zusammen. Erst wenn alles entsprechend ineinandergreift, kann es zu Infektionen in größerem Umfang kommen.
Um die Lage jedoch großflächig zu überwachen, haben das FLI, das RKI und das Umweltbundesamt 2016 eine Nationale Expertengruppe „Stechmücken als Überträger von Krankheitserregern“ gegründet. Mandy Schäfer koordiniert am FLI das zugehörige bundesweite Stechmücken-Fallenmonitoring. Die einzelnen Bundesländer und andere europäische Länder führen solche Mücken-Monitorings als Frühwarnsystem schon länger durch. Das Prozedere ist immer gleich: Die sirrenden Plagegeister werden von Forschenden mit Lockstoff-Fallen eingefangen und anschließend untersucht.
Seit 2012 unterstützt zudem ein Citizen Science-Projekt den Mücken-Atlas – eine Übersicht, wann welche Mückenart wo vorkommt und welche Parasitenlast sie trägt. Alle, die Interesse haben, können bei dem Projekt mitmachen: Da platt gequetschte Mücken keinen Forschungswert mehr haben, stülpt man am besten ein Gefäß über das Insekt, stellt dies eine Weile ins Tiefkühlfach und schickt die Mücke dann etwa in einer Streichholzschachtel an die Forschungsgruppe. Bis heute haben über 37.000 Teilnehmende über 207.000 Stechmücken eingesendet.
Auf dieser Datenbasis können Forschende dann frühzeitig Veränderungen der Stechmückenfauna und neue Risiken erkennen, gezielt Maßnahmen zur Prävention und Bekämpfung einleiten und die Öffentlichkeit informieren – so schützt das Stechmücken-Monitoring die öffentliche Gesundheit.
Ihren Wert nicht vergessen
Bei aller Fokussierung auf die Gefahr sollte man jedoch nicht vergessen, dass Stechmücken auch positive Seiten und wichtige Funktionen in Ökosystemen haben, betont die Vektorökologin: „Im Wasser und in der Luft sind sie für viele Tiere wie Fische, Amphibien, Vögel oder Fledermäuse eine wichtige Nahrungsquelle. Außerdem saugen die erwachsenen Insekten Pflanzennektar und sind so wichtige Bestäuber.“ Und ausgerechnet die ein bis drei Millimeter winzigen Gnitzen – von denen manche Arten in Europa unter Huftieren die Blauzungenkrankheit verbreiten – sind in den Tropen die wichtigsten Bestäuber des Kakaobaums: Nur sie passen in dessen enge Blüten. Ohne diese Mücken gäbe es keine Schokolade.
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