2014 solidarisierte sich die Welt mit Marius, einer zwei Jahre alten gesunden Giraffe, die im Kopenhagener Zoo aufgrund von Platzmangel getötet und an Löwen verfüttert wurde. Dass es in Zoos zu „überschüssigen“ Tieren kommt, ist jedoch keine Seltenheit. Denn Zootiere müssen keine Raubtiere fürchten, bekommen immer genug zu fressen und werden medizinisch versorgt. Dadurch leben sie häufig deutlich länger als ihre Artgenossen in der Wildnis, was wiederum die begrenzten Haltungskapazitäten der Zoos unter Druck setzt.
Verhüten oder töten?
Was also tun mit „überschüssigen“ Tieren? Sie an andere Zoos abzugeben, funktioniert oft nicht, da diese in der Regel genauso überfüllt sind. Eine Auswilderung kommt meist auch nicht in Frage, weil die Tiere zu sehr an ein Leben in Gefangenschaft gewöhnt sind. Und gezielte Tötungen sorgen – wie im Fall von Giraffenkalb Marius – häufig für einen öffentlichen Aufschrei. Deswegen reduzieren viele Zoos ihre Populationen mittlerweile, indem sie die Fortpflanzung unter ihren Tieren einschränken – also zum Beispiel Männchen und Weibchen in getrennten Gehegen unterbringen oder Verhütungsimplantate einsetzen.
Doch auch dieses Vorgehen ist nicht frei von Kritik. „Dieser Ansatz hat zwar kurzfristig dazu beigetragen, den Druck auf einzelne Zoos zu verringern, er hat jedoch das kollektive Mandat der Zoos in Bezug auf Tierschutz, öffentliche Bildung und Artenschutz verfehlt“, schreiben Forschende um Marcus Clauss von der Universität Zürich in einem Statement. Sie sind der Meinung, dass es langfristig besser für das Populationsmanagement der Zoos wäre, überzählige Tiere zu töten und zu verfüttern – auch wenn dies in Einzelfällen zu öffentlicher Gegenwehr führen sollte.
Gezieltes Töten könnte Vorteile haben
Eine möglicherweise verheerende Folge der aktuellen Verhütungspraktik: „Mit der Zeit werden die Zoopopulationen immer älter, was eines der Grundprinzipien von Zoos gefährdet: die Erhaltung der eigenen Populationen“, erklärt Clauss. Co-Autor Andrew Abraham von der Universität Aarhus ergänzt: „Schon heute sind viele Tierarten vom Aussterben bedroht und in den kommenden Jahrzehnten werden zahlreiche weitere Tierarten dazukommen. Es ist daher entscheidend, dass die Zoos fortpflanzungsfähige Populationen und das Wissen über die Aufzucht von Jungtieren erhalten. Was wir nicht brauchen, ist eine Sammlung geriatrischer Tiere – und Tierärzte, die sich mit Palliativpflege beschäftigen.“
Das Team führt in diesem Kontext eine kürzlich durchgeführte Lebensfähigkeitsbewertung der Populationen in Zoozuchtprogrammen in Nordamerika an, die einen 64-prozentigen Rückgang von 137 Zootier-Arten in den nächsten 25 Jahren prognostiziert und niedrige Reproduktionsraten als eine der wichtigsten Ursachen dafür nennt. Doch nicht nur der Erhaltung gesunder Populationen kämen gezielte Tötungen entgegen, sondern auch dem öffentlichen Lehrauftrag der Zoos, wie die Forschenden argumentieren. Das Töten und anschließende Verfüttern überschüssiger Tiere könnte Zoobesucher demnach mehr für den natürlichen Kreislauf des Lebens sensibilisieren.





