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Solarparks: Klimaschutz vs. Naturschutz?
Um die Ausbauziele für Solaranlagen zu erreichen, wollen Energiekonzerne in Deutschland weitere Solarparks errichten. Klimaschützer begrüßen die Entwicklung, viele Natur- und Landschaftsschützer sind jedoch skeptisch. Studien sollen helfen, die Lage besser einzuschätzen.
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Text: Heike Holdinghausen
Ein Acker, Alleebäume, ein Wäldchen, Wiesen, noch ein Acker, sehr viel Himmel – so zieht die Landschaft auf der Bundesstraße 167 zwischen Neuhardenberg und Gottesgabe vorüber. Schnurgerade läuft die Straße auf das winzige Brandenburger Dorf zu, am Rande des Oderbruchs östlich von Berlin. Der Blick schweift weit über die wellige Agrarlandschaft – und fällt, kurz vor dem Ortseingang, auf eine riesige, silbergrau glänzende Fläche.
Eine Fotovoltaikanlage schmiegt sich an das Dorf, auf der Draufsicht von Google Maps sieht es so aus, als verleihe sie ihm riesige Flügel. Die Anlage des Karlsruher Energiekonzerns EnBW umfasst insgesamt 133 Hektar mit einer installierten Leistung von 150 Megawatt. Laut EnBW kann der Solarpark rein rechnerisch rund 44.100 Haushalte mit Energie versorgen und dabei gegenüber einer Versorgung etwa mit Kohlestrom 97.000 Tonnen CO2 einsparen. Damit gehört die Freiflächenfotovoltaikanlage von Gottesgabe zu den großen Solarparks in Deutschland.
Überall im Land entstehen derzeit solche Anlagen. 725 größere Solarparks sind laut dem Bundesverband Solarwirtschaft (BSW) im vergangenen Jahr gebaut worden, die meisten davon in Bayern, gefolgt von Baden-Württemberg und Brandenburg. Entstanden sind sie auf Äckern und Wiesen, aber auch auf Mülldeponien oder Gewässern. Der BSW geht davon aus, dass der Anteil von größeren Freiflächenfotovoltaikanlagen an der Solarstromerzeugung zunehmen wird, denn es gelte in der Regel: je größer die Anlage, desto günstiger die Betriebskosten pro erzeugter Kilowattstunde. Große Anlagen ermöglicht besonders der dünn besiedelte Nordosten mit seinen weiten Flächen.
Unter dem ehemaligen Klimaminister Robert Habeck erfuhr der Ausbau von Erneuerbaren Energien einen Schub. Laut den bislang nicht zurückgenommenen Ausbauplänen der Ampelregierung soll sich die installierte Leistung von Fotovoltaikanlagen bis 2030 auf rund 215 Gigawatt verdreifachen und sich bis 2040 mit 400 Gigawatt noch einmal fast verdoppeln. Die Energiebranche und den Gesetzgeber beschäftigt dabei vor allem noch, wie die durch die wechselnde Sonneneinstrahlung schwankenden Energiemengen ins Netz integriert werden können beziehungsweise wie schnell ausreichend Speicherkapazitäten zur Verfügung stehen. Natur- und Tierschützer hingegen befürchten negative Auswirkungen auf die Biodiversität und das Landschaftsbild.
Braucht es die Solarparks?
Bahnt sich hier zwischen Klimaschützern und Naturschützern vielleicht ein ähnlicher Streit an wie bei den Windkraftanlagen? „Der Konflikt ist nicht ganz so groß wie bei der Windenergie“, sagt Kathrin Ammermann, die am Bundesamt für Naturschutz (BfN) das Fachgebiet Naturschutz und Erneuerbare Energien leitet. Trotzdem sieht sie Solarparks in freier Landschaft kritisch, vor allem, weil sie nicht notwendig seien: „Es gibt ausreichend bereits versiegelte Dachflächen, Mülldeponien, Flächen mit Altlasten oder entlang von Autobahnen.“ Würden sie konsequent genutzt, seien die Ausbauziele umsetzbar, ohne im großen Umfang auf Wiesen und Äcker zuzugreifen, meint Ammermann, und sieht sich hier im Einklang mit dem Umweltbundesamt und Naturschutzverbänden wie dem Nabu.
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Timur Hauck, bei der EnBW für Natur- und Artenschutz zuständig, ist allerdings skeptisch. „Man kann niemanden dazu zwingen, sich eine Solaranlage aufs Dach eines bestehenden Gebäudes zu bauen“, sagt Hauck, häufig stünden technische Restriktionen wie die Statik im Wege, auf großen Lagerhallen oder Industriegebäuden Solarmodule zu installieren. „Es hört sich einfacher an, als es ist“, sagt Hauck. Außerdem werde seit Jahren zu wenig neu gebaut. Eine weitere, neue Auflage – etwa eine flächendeckende Solarpflicht für alle Neubauten – sehe er daher derzeit eher nicht. Deshalb gehe es ohne Solarparks in der freien Landschaft nicht, ist Hauck sicher.
Seitdem das Windenergie-an-Land-Gesetz und das Solarpaket 1 den Bau von Wind- und Solarparks in der freien Landschaft erleichtert haben, geht es Naturschützern und Naturschützerinnen wie Kathrin Ammermann darum, im Prozess der Umsetzung wenigstens Einfluss auf die dort geltenden Standards zu nehmen. Derzeit erarbeiten die Bundesländer zum Beispiel regionale Raumordnungspläne sowie Verfahren, die neu im Bundesnaturschutzgesetz geschaffene „Habitatpotenzialanalyse“ umzusetzen. Sie soll es ermöglichen, nachvollziehbar zu beurteilen, ob geplante Windenergieanlagen mit dem Artenschutz kollidieren.
Die Betreiber der Freiflächenfotovoltaikanlagen hingegen sehen keine Probleme und wollen neuen Vorschriften vorbeugen. In diesem Kontext hat der Lobbyverein „Bundesverband Neue Energiewirtschaft“ (BNE) im Frühjahr 2025 eine groß angelegte Studie zu „Artenvielfalt im Solarpark“ veröffentlicht. Verfasser der Studie sind die beiden – nicht verwandten – Biologen und Gutachter Tim Peschel und Rolf Peschel, die sich auf Freiflächenfotovoltaik spezialisiert haben und häufig für Anlagenbetreiber arbeiten. 2024 haben sie 25 Solarparks in zehn deutschen Bundesländern und eine Anlage in Dänemark untersucht und gezählt, wie viele Pflanzen, Vögel, Reptilien, Amphibien, Tagfalter, Libellen und Heuschrecken dort vorkommen oder gar ihren Nachwuchs aufziehen. Auch die Anlage in Gottesgabe war unter den untersuchten Solarparks.
Entwicklungen in Gottesgabe
Dort, am Rande des Oderbruchs, ruhen etwa 350.000 kristalline Solarmodule in gleichmäßigen Reihen auf Stahlpfosten und -gestängen. Ausgerichtet nach Süden und mit einem Winkel von 20 Grad aufgestellt, ist jede Reihe etwa einen Kilometer lang. Kritisch betrachtet Rolf Peschel die Module: Im Frühjahr hat es wochenlang nicht geregnet, auf den glatten Flächen liegt mikrofeiner Staub. „Normalerweise wäscht ihn der Regen ab“, sagt er, „jetzt mindern Pollen und Sand die Anlagenleistung.“ An einigen Stellen der Moduloberkante kommt es noch schlimmer: Dort kleckst Vogeldreck. „Offenbar ein guter Sitzplatz“, sagt Peschel.
Das Fazit der Untersuchung nennt Tim Peschel: „Hier in Gottesgabe ist eine Art Ackerbrache entstanden, wie es sie in der intensiv genutzten Agrarlandschaft immer weniger gibt.“ Unter und zwischen den Solarmodulen blühen weißes Hornkraut, gelbes Silberfingerkraut, rosa Reiherschnabel, dazu Sauerampfer, vereinzelt Mohnblumen und Margeriten; insgesamt 68 Pflanzenarten hat Peschel gezählt. Im viel zu trockenen Frühjahr 2025 gedeiht die Flora zwar nicht gerade üppig. „Aber gegenüber dem Maisacker, der hier vorher war, ist die Vielfalt an Pflanzen eine sichtbare Aufwertung“, sagt er.
Rolf Peschel hat in Gottesgabe Tagfalter, Heuschrecken und Reptilien gezählt. Auch 14 Grashüpferarten hat er gefunden, darunter massenhaft Langflüglige Schwertschrecken und Braune Grashüpfer, zudem ebenfalls 14 Schmetterlingsarten. Rote Liste-Arten waren nicht dabei. „Es geht nicht darum, ein Naturschutzgebiet zu schaffen“, stellt Rolf Peschel klar, „sondern zu zeigen, was sich in einem Lebensraum ohne Dünger und Pflanzenschutzmittel alles ansiedelt“. Die Massenbestände der „Allerweltsarten“ seien ungemein wichtig für das Ökosystem Solarpark, zum Beispiel als Eiweißquelle für Vögel, so Peschel. Wie bestellt, taucht am Himmel über den Solarmodulen eine Feldlerche auf.
Feldlerchen-Schreck und andere Vorbehalte
Die Feldlerche sei eine „ikonische Art“ für die Diskussion über die Naturverträglichkeit von Solarparks, so wie es der Rotmilan bei Windparks ist, sagt Timur Hauck von der EnBW. Die Bestände der einst weitverbreiteten Feldlerche sind hierzulande in den vergangenen 30 Jahren eingebrochen. Freilaufende Katzen und Hunde, vor allem aber der Verlust von Nahrung und Brutplätzen in der intensiv genutzten Agrarlandschaft machen der Art das Leben schwer, inzwischen gilt sie in Deutschland als gefährdet. Ob Freiflächenfotovoltaik zu ihrer Rettung beitragen kann, ist umstritten. „Feldlerchen kommen in fast allen unseren Solarparks vor“, sagt EnBW-Mitarbeiter Hauck. Der Bodenbrüter benötigt niedrige, trockene Wiesen, in denen er sein Nest anlegt. Die Flächen zwischen den Modulreihen, die regelmäßig ein bis zweimal im Jahr gemäht oder mit Schafen beweidet würden, seien hierfür ideal, betont Hauck, und die Befürchtungen, die Gestänge der Solarparks würden die Vögel verscheuchen, hätten sich nicht bewahrheitet.
Als ehemalige Steppenbewohner meiden Feldlerchen Waldränder und deren „Vertikalstrukturen“, die Bäume. Bei manchen Vogelfreunden stehen entsprechend auch Fotovoltaikmodule im Verdacht, durch ihre vertikalen Unterkonstruktionen die Feldlerchen zu vertreiben. „Stimmt nicht“, hält Hauck dagegen, „das führt zu keinem Meideverhalten.“ Es gebe einige Vorbehalte, die immer wieder auftauchten, berichtet Hauck: Die Befürchtung, Fledermäuse könnten die glatten Solarmodule mit Wasserflächen verwechseln und beim Versuch, aus ihnen zu trinken, verunglücken – der sogenannte Lake-Effekt. Oder die Sorge, dass Insekten verbrennen, wenn sie auf den heißen Modulen landen, oder dass Vögel mit den Anlagen kollidieren könnten. „Wir finden weder massenhaft tote Fledermäuse noch Vögel oder Insekten in unseren Anlagen“, sagt Hauck.
Kathrin Ammermann vom BfN ist davon nicht ganz überzeugt. Auch wenn sie die Initiative der Branche insgesamt begrüßt, genüge „die sehr positive Studie des BNE nicht in allen Teilen wissenschaftlichen Standards“, bemängelt sie. So seien beispielsweise die Vornutzung auf der Fläche und die Untersuchungsmethoden nicht präzise dargestellt. Das sei aber wichtig für die Artausstattung vor der Errichtung der Solarparks, und nur mit dieser Kenntnis seien sinnvolle Aussagen über die Entwicklung möglich. Zudem sei fraglich, wie repräsentativ die Auswahl der Untersuchungsstandorte ist. „Insofern sind sehr verallgemeinernde Schlussfolgerungen etwa hinsichtlich einer regelmäßigen Aufwertung von Flächen in Solarparks das größte Manko der Studie“, sagt Ammermann. Sie sieht hinsichtlich wichtiger Einflussfaktoren wie Bauweise und Pflege der Solarparks immer noch große Kenntnislücken.
„Es gibt Untersuchungen, die zeigen, dass die Feldlerchen zwischen den Modulen brüten“, nennt Ammermann ein Beispiel, „es gibt aber auch Studien, die das Gegenteil zeigen.“ So kommt eine im Februar veröffentlichte Untersuchung von Solarparks in Nordbayern zu dem Schluss, dass Freiflächenfotovoltaikanlagen zu Lebensraumverlusten für die Feldlerche führen können. In 29 der 30 untersuchten Anlagen kamen keine Feldlerchen vor, wohl aber in der Umgebung. Die Studienautorin kommt zu dem Schluss, dass es von der Ausgestaltung des einzelnen Solarparks abhängt, ob er einen geeigneten Lebensraum für die Feldlerche darstellen könne oder nicht. Man muss offensichtlich differenzieren.
Artenvielfalt ist möglich
In einem Punkt sind sich aber alle Beteiligten einig: Solarparks können die Artenvielfalt fördern, wenn bei ihrer Planung und Pflege auf bestimmte Rahmenbedingungen geachtet wird. In einem Infopapier hat der Naturschutzbund Nabu schon 2022 solche Bedingungen genannt: So sollten große oder direkt benachbarte Solarparks mindestens 50 Meter breite, bepflanzte Querungsmöglichkeiten für Großsäuger bereitstellen. Damit auch Kleinsäuger wie Igel die Anlage passieren können, sei ein ausreichender Bodenabstand des Zauns oder eine Zaunmaschengröße von 20 Quadratzentimetern nötig. Der Einsatz von Stacheldraht sei zu vermeiden, insbesondere im bodennahen Bereich. Besonders wichtig: ausreichend breite und besonnte Streifen zwischen den Modulreihen, damit Insekten, Reptilien und Vögel sich ansiedeln könnten. Die Modultische müssten in einer Höhe von mindestens 80 Zentimetern angebracht werden. Nur dann sei gewährleistet, dass sich unter ihnen Pflanzen gut entwickeln können. Außerdem lässt diese Höhe eine Beweidung durch Schafe zu – in Solarparks eine ausgesprochen nachhaltige Form der Landschaftspflege. Und nicht zuletzt sollten Gebäude und Straßen die Fläche eines Solarparks nur zu weniger als einem Prozent versiegeln.
Uneinigkeit über nötige Regulierungen
Timur Hauck kennt die Forderungen der Naturschützer, hält zu starre gesetzliche Vorgaben aber für überflüssig oder gar hinderlich, weil sie häufig pauschal und nicht an die Gegebenheiten vor Ort angepasst seien. Als Beispiel nennt er die Auflage, ehemals hochgedüngte Ackerflächen auszumagern, um die Artenvielfalt zu steigern. „Wir müssen das Mahdgut dann von der Fläche abtransportieren“, berichtet er. Landwirte nehmen es als Futtermittel nicht ab, weil beispielsweise das giftige Jakobskraut darin enthalten sein kann. Also muss das geschnittene Grün auf einer Deponie entsorgt werden. Fraglich, ob das sinnvoll sei, sagt Hauck.
Letztlich entscheiden auch Kleinigkeiten darüber, wie sich Pflanzen und Tiere im Solarpark entwickeln können. „Wenn regelmäßig Mähroboter durch eine Anlage fahren oder zu früh im Jahr gemäht wird, dann ist die Artenvielfalt entsprechend niedrig“, sagt Kathrin Ammermann vom BfN. Daher sei nicht nur wichtig, die Natur in Solarparks weiter systematisch zu erforschen, sondern auch, entsprechende Vorgaben für das Verhalten der Betreiber festzulegen. „Solarparks sind Bauwerke in der Landschaft“, sagt Ammermann, „also müssten die Betreiber Eingriffe kompensieren, in besonderen Fällen auch außerhalb des Geländes. Die Regulierung müsste jedoch schon früher ansetzen: Bereits bei der Standortsuche sei darauf zu achten, dass aus Naturschutzsicht hochwertige Flächen wie rare extensiv genutzte Flächen – Trockenrasenstandorte, Feuchtgebiete oder extensives Weideland – nicht zu Solarparks würden, auch wenn diese Flächen wegen ihrer geringen landwirtschaftlichen Ertragsaussichten aus ökonomischer Sicht als besonders geeignet erscheinen würden.
Obwohl der Nabu dem zustimmt, gibt er doch zu bedenken, dass „60 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland aktuell für den Futtermittelanbau genutzt werden und weitere 14 Prozent für ‚Energiepflanzen‘, deren Biomasse energetisch genutzt wird“. Der Stromertrag pro Fläche bei Solarparks sei aber um ein Vielfaches höher als der von Biomasse. „Hier besteht grundsätzlicher Änderungsbedarf zugunsten von mehr Klima- und Naturschutz im Agrarsektor, dazu können Solarparks einen Beitrag leisten“, schreibt der Nabu.
Als innovativ gelten Solarparks, die es ermöglichen, Moorflächen wieder zu vernässen, oder eine nachhaltige Landwirtschaft unter den Solarmodulen gewährleisten. Doch selbst wenn sie dies nicht bieten, können sie trotzdem besser für Natur und Klima sein als grüne Maisäcker.
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