Wir haben einen Großteil der Landschaft stark verändert. Wo früher weitläufige Wälder wuchsen, sind heute in vielen Regionen nur noch vereinzelte „Waldinseln“ übrig, umgeben von einem Meer aus Äckern, Weideland und Siedlungen. Das beeinflusst auch die Zusammensetzung der Vögel, die sich von den Früchten der Bäume ernähren und ihre Samen verbreiten. Doch wie genau sich die Gemeinschaften fruchtfressender Vogelarten in Wäldern von denen in offenen Flächen unterscheiden, war bislang unklar.
3.000 Kotproben im DNA-Test
Forschende um Juan González-Varo von der spanischen Universität Cádiz haben nun erstmals untersucht, welche fruchtfressenden Vögel vermehrt in vom Menschen veränderten Gebieten und welche in Europas Wäldern vorkommen. Dafür untersuchten sie die Dichte der auf dem Boden liegenden Samen sowie Vogelkot in sieben europäischen Landschaften: in England, Deutschland, Polen, aber auch in den Mittelmeerländern Spanien und Italien. Zu den jeweils ein bis 3,8 Quadratkilometer großen Probengebieten gehörten sowohl Waldstücke umgeben von Feldern als auch Viehweiden mit Einzelbäumen, die von umherfliegenden Vögeln als „Rastplatz“ genutzt wurden und unter denen sich daher ebenfalls Vogelkot befand.
An jeder Probenstelle untersuchten die Forschenden die Samendichte und sammelten im Laufe eines Jahres rund 3.000 Kotproben. Mithilfe des sogenannten DNA-Barcodings konnten González-Varo und seine Kollegen anschließend bei jeder Kotprobe ermitteln, welcher Vogel sie hinterlassen und welche Baumsamen er zuvor gefressen hatte. So konnten die Forschenden vergleichen, welche Vögel in welchen Gebieten als „geflügelte Förster“ aktiv sind und welche Baumsorten sie über ihre Samen bevorzugt verbreiten.
Vögel als passive Förster
Das Ergebnis: In jeder untersuchten Landschaften identifizierten González-Varo und sein Team im Schnitt 16 fruchtfressende Vogelarten, die die Samen von 14 verschiedenen Pflanzenarten verbreiten. Dabei war die Artenvielfalt in den Waldstücken und auf den Freiflächen der Weiden und Felder fast identisch. Nur die Zusammensetzung der verschiedenen Vögeln und Samen variierte. „In weitgehend entwaldetem Gelände finden sich fruchtfressende Vögel, die größer und mobiler sind als entsprechende Arten im Wald. Sie verbreiten zudem die Samen von Pflanzen, die ihrerseits größer sind, mehr Samen tragen und erst spät im Jahresverlauf Früchte bilden“, erläutert Co-Autor Sascha Rösner von der Universität Marburg.
In Siedlungen und Feldern waren es demnach vor allem Tauben und Stare, die sich um die Verbreitung von Baumsamen kümmerten. Allein die Pflanzleistung der Stare fiel in anthropogen geprägten Gebieten 60-mal höher aus als in Wäldern, wie die Forschenden berichten. Im Wald hatten hingegen kleinere Vögel wie Mönchsgrasmücken und Rotkehlchen den Schnabel vorn. Aufgrund ihrer geringeren Körpergröße und Mobilität verbreiteten sie allerdings vor allem die Samen kleinerer Pflanzen, wie die DNA-Analysen offenbarten. Nach Angaben der Wissenschaftler unterstreichen diese Ergebnisse, dass sowohl wald- als auch feldlebende Vögel einen wichtigen Beitrag zur Verbreitung von Baumsamen und damit zur Wideraufforstung leisten. Sie könnten daher künftig gezielt bei der Aufforstung von landwirtschaftlichen Flächen helfen, die nicht mehr aktiv bewirtschaftet werden.





