Das Wattenmeer ist eines der artenreichsten und dynamischsten Ökosysteme Europas. Es erstreckt sich über 500 Kilometer entlang der Nordseeküste von Dänemark, Deutschland und den Niederlanden und beherbergt eine einzigartige Vielfalt an Pflanzen und Tieren. Millionen Zugvögel rasten hier jährlich, Fische nutzen das flache Wasser als Kinderstube und der Wattboden ist Heimat zahlreicher wirbelloser Tiere. Doch das empfindliche Ökosystem steht unter Druck – durch Klimawandel, invasive Arten und menschliche Nutzung.
Spurensuche im Watt
Wie sich diese Belastungen auf die Artenvielfalt im Wattenmeer ausgewirkt haben, hat nun ein Forschungsteam um Anika Happe von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg untersucht. Dafür werteten die Forschenden mehr als 3.000 Zeitreihen aus, die an über 200 Messstationen entlang der Wattenmeerküste erhoben wurden – einige davon reichen bis ins Jahr 1900 zurück. Im Fokus standen die Populationsgrößen verschiedener Organismengruppen: von Plankton und Fischen über Pflanzen bis hin zu Vögeln.
Das Ergebnis: Seit der ersten Bestandsaufnahme im Wattenmeer hat sich die Zusammensetzung der Arten dort erheblich verändert. Nur wenige Populationen blieben über die Jahrzehnte hinweg stabil, während viele Bestände deutlich zurückgingen, wie die Forschenden berichten. Zu den Verlierern zählen vor allem Fische, darunter der Atlantische Kabeljau und verschiedene Plattfischarten. Auch zahlreiche Muscheln, Schnecken und Borstenwürmer verzeichnen rückläufige Zahlen, ebenso pflanzliches Plankton und wichtige Pflanzenarten wie Seegras und Salzwiesenvegetation. Die Rückgänge betreffen damit wichtige Glieder der Nahrungskette und zentrale Produzenten im Ökosystem – ein Hinweis darauf, dass sich grundlegende Prozesse im Wattenmeer verschieben.
Von Gewinnern und Verlierern
Gleichzeitig haben sich bestimmte eingeschleppte Arten, darunter die Pazifische Auster und die Amerikanische Schwertmuschel, stark ausgebreitet. Besonders die Pazifische Auster hat sich seit den 1980er Jahren massiv vermehrt und bildet heute stabile Riffe, die neue Lebensräume für weitere Arten wie Seepocken, Miesmuscheln, Krebse und Schnecken schaffen. Auch bei den Seevögeln zeigt sich ein Wandel: Nach Jahrzehnten des Wachstums kehren sich die Populationstrends seit den späten 1990er und frühen 2000er Jahren um, und viele Arten, die einst das Wattenmeer als Rast- oder Brutplatz nutzen, sind heute seltener zu beobachten.





